Soziales

Fünf Jahre nach der Flut: Wie Ehrenamtliche das Ahrtal mit Wein wieder aufbauen

Blauer Himmel und das enge Ahrtal, Berge sind übersäht mit Weinbergen
epd-bild/Meike Boeschemeyer
Blick auf die Weinberge im Ahrtal.

Vor fünf Jahren zerstört eine unvorstellbare Flutwelle das Ahrtal. Zehntausende freiwillige Helfer waren in der Katastrophenregion aktiv. Einige sind es noch immer.

Im historischen Weinkeller stand das dreckige Wasser bis zur Decke, die Maschinen der Abfüllanlage waren ruiniert. Im Büro, wo das Wasser hüfthoch gestanden hatte, waren alle Rechner mit Kundendaten und Geschäftsunterlagen zerstört. Die Kartons mit dem gerade abgepackten Wein des Vorjahres hatten sich in eine pampige Masse verwandelt, unzählige Flaschen lagen chaotisch im Schlamm verteilt. 

„Die Lager sahen aus wie nach einem Bombenangriff“, erinnert sich Wolfgang Külper an das Bild, das sich ihm im Juli 2021 beim Ahrweiler Winzerverein bot, als er dort zum Aufräumen eintraf.

Tanks und Stahlbehälter beim Winzerverein, alles dreckig. Der Boden ist überzogen von einer dicken Schlammschicht mit Fußspuren darin. Mehrere Kisten liegen teilweise kaputt auf dem Boden herum. Ein Bild der Zerstörung
Pamy Koerner
Die Räume des Ahrweiler Winzervereins kurz nach der Katastrophe.

Was die Freiwilligen von damals bis heute tun

Ein Mann mit Strohhut steht tiefen in einem Weinberg und erntet Reben
epd-bild/Meike Boeschemeyer
Fluthelfer Wolfgang Külper auf dem Weinberg in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Mit fortschreitendem Wiederaufbau des Ahrtals kehrt langsam so etwas wie Normalität zurück in die Region, doch für Külper und einige Mitstreiter geht die Arbeit weiter. 

Die Initiative „HelfAHRwein“ bewirtschaftet bis heute ehrenamtlich einen Weinberg, übernimmt dort Schnitt- und Pflegearbeiten sowie die Weinlese, vermittelt Rebstock-Patenschaften und leistet mit den Erlösen einen Beitrag zum Wiederaufbau.

Eine Hand hält eine Weinflasche mit der Aufschrift „HelfAHRwein“ im Hintergrund ein Weinberg und eine verschwommene Person.
epd-bild/Meike Boeschemeyer
Eine Flasche HelfAHRwein.

Aus den roten Spätburgunder-Trauben oberhalb von Ahrweiler entsteht ein Blanc-de-Noir-Weißwein, die rund 1.000 Flaschen pro Jahr werden aktuell zum Solidaritätspreis von 18 Euro verkauft. Keiner der Mitwirkenden hatte anfangs wirklich Ahnung von der Arbeit in den Reben. 

Dramatischer Hilferuf aus dem Tal

Die gewaltige Wasserwelle, die sich vom 14. auf den 15. Juli 2021 durch das idyllische Ahrtal ergoss, war kein normales Hochwasser. Das konnte Külper sogar in seiner Wahlheimat Bonn spüren. Selbst dort roch es kurz nach der Katastrophe am Rheinufer nach ausgelaufenem Heizöl, das aus dem überfluteten Tal fortgeschwemmt worden war. 

Nachdem er die E-Mail eines Bekannten mit einem dramatischen Hilferuf erhalten hatte, stieg er ins Auto und fuhr los, um zu helfen. Arbeit gab es unendlich, denn in manchen Ortschaften waren praktisch alle Häuser überflutet worden: 

Sechs Tage in der Woche war ich im Ahrtal. Einen Tag brauchte ich zum Wäschewaschen.

Wolfgang Külper

Zwei Personen stehen vor einer Maschine, die Wein in Weinflaschen abfüllt. Eine Frau mit schwarzer Hose und weißen Shirt und eine Mann mit grünem Shirt
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Annebet van Weerelt und Wolfgang Külper in der Halle der neuen Flaschenabfüllanlage.

Külper landete mit einigen anderen Freiwilligen beim Winzerverein in Ahrweiler: die Genossenschaft übernimmt die Weinproduktion und Vermarktung für zahlreiche kleine Betriebe und nebenberufliche Winzer. Deren Angestellte konnten sich anfangs nicht um die Räumarbeiten kümmern, denn nahezu alle waren auch privat von der Flutkatastrophe betroffen. 

Eines Tages kam die Idee auf, „Flutwein“ zu vermarkten. Annebet van Weerelt, die sich mit ihrer Wandergruppe zum Freiwilligeneinsatz im Ahrtal gemeldet hatte, staunte nicht schlecht, als ihr damals eine Aufgabe zugewiesen wurde: „Da stand auf dem Zettel, dass wir Flaschen waschen sollen.“ Und zwar nicht nur einige wenige, sondern insgesamt 200.000.

Wie die Freiwilligen die Weinlese retteten

Ein Mann mit Strohut steht in einem Weinberg. Im Hintergrund das Ahrtal und zwei weitere Menschen unscharf. Der Mann hält eine Weinflasche in die Kamera mit der Aufschrift „HelfAHRwein“
epd-bild/Meike Boeschemeyer
Wolfgang Külper mit einer Weinflasche auf dem Weinberg.

Schließlich griffen die Helfer den Ahrtal-Winzern auch bei der Pflege ihrer Weinberge unter die Arme. In den Wochen nach der Flut hatte dafür kaum jemand Kraft und Zeit und die Weinlese 2021 drohte mancherorts zum Totalausfall zu werden. 

Weil sich die Mitglieder der Gruppe sympathisch waren und sie sich dem Tal und seinen Menschen verbunden fühlten, war die komplette Übernahme eines Weinbergs der nächste Schritt.

Am Ende jeder Weinlese fragen sich die Aktiven von „HelfAHRwein“, ob sie weitermachen. Bislang fanden sich für jede Saison genügend Freiwillige, auch wenn die Arbeit bei Wind noch Wetter in dem steilen Weinberg hart und schweißtreibend ist. „Selbst bei Gewitter ist es schön hier, wenn die Wolken von der Eifel hierherziehen“, berichtet Winfried Böhlefeld, der ebenfalls aus Bonn stammt und durch einen Sportverein mit dem Ahrtal verbunden ist.

Ein großes hölzernes Weinfass mit der Aufschrift „AMICUS CERTUS IN RE INCERTA CERNITUR. 1874 bis 2024, 150 Jahre, HelfAHRWEIN Flutkatastrophe 2021.“ Das Fass steht in einem großen alten Weinkeller, der lila beleuchtet ist. Zahlreiche Weinfässer reihen sich aneinander. Neben dem verzierten Fass sitzt ein Mann mit grünem T-Shirt, die Hand auf das Fass gelegt.
epd-bild/Meike Boeschemeyer
Dieses Fass haben die Helfer gestiftet.

Was sich in fünf Jahren getan hat

Das Gelände der Winzergenossenschaft war durch die Flut schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Fünf Jahre nach dem Katastrophensommer ist auf den ersten Blick nichts mehr davon zu sehen. 

Die neue Vinothek hat ihre Türen für Kunden geöffnet, die Weinkeller beeindrucken mit aufwendig verzierten hölzernen Riesenfässern. Eines davon haben die Hilfs-Winzer gestiftet. Darauf prangt der lateinische Spruch „Amicus certus in re incerta cernitur“, auf Deutsch: „Einen wahren Freund erkennst du in unsicheren Zeiten.“

Erinnerst du dich an die Ahrflut? Wie hast du die Katastrophe erlebt, kennst du Ehrenamtliche die dort im Einsatz waren oder hast du vielleicht selbst angepackt? Teile Erfahrungen auf unseren Social-Media-Kanälen oder schreib uns eine Mail in die Redaktion. 

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