Soziales

LKW-Fahrer unter Druck: Ein Treff gegen die Einsamkeit

Banner auf einem Rastplatz mit dem Aufdruck: Liebe 🚛-Fahrer: Wir sagen Danke!
Hugo Class

Wochenlang unterwegs, weit weg von der Familie: An einem Autobahnparkplatz finden LKW-Fahrer Essen, Gespräche und einen Moment Wertschätzung.

„Früher waren Fernfahrer die Könige der Straße, heute sind sie die Deppen der Nation.“ Martin Heubachs Urteil könnte nicht klarer ausfallen. Seit 11 Jahren engagiert sich der Ruheständler bereits an der Autobahnkapelle Christophorus als Trucker-Seelsorger

Einmal im Monat organisieren er und sein Team dort ein Fest für die LKW-Fahrer – direkt am Autobahnrastplatz.

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Grillen an der Autobahn

Auch diesen Dienstagabend haben sich am Rastplatz Kochertalbrücke Süd zahlreiche LKW-Fahrer für ihren Feierabend eingefunden. In pinken Warnwesten ziehen Martin und sein Team von LKW zu LKW, kommen mit den Fahrern ins Gespräch – und laden sie zum Trucker-Treff ein.

„Wir wollen Danke sagen, dafür, dass ihr unter schwierigen Bedingungen für uns unterwegs seid“, erklärt Martin. Beim Trucker-Treff gibt es für die Fahrer gratis 

  • Grillgut
  • Getränke
  • Gemeinschaft

Heute ist außerdem Live-Musik angesagt. Mit Gitarre und Cajon covert eine ehrenamtliche Band bekannte Songs aus den Radio-Charts.

Martin bereitet das Grillfest vor
Hugo Class

Für wenig Lohn durch ganz Europa fahren

Etwa 15 Fahrer haben sich dafür an diesem Abend zusammengefunden. Sie kommen aus Belarus, der Ukraine, Rumänien

90 Prozent der Fahrer, die hier vorbeikommen, kommen aus Osteuropa“, schätzt Martin. Er vermutet: „Weil sie billige Arbeitskräfte sind.“ Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ist sein Team bilingual unterwegs.

Links der Seelsorger, rechts der Trucker mit einem Brötchen in der Hand
Hugo Class

Einer der Fahrer ist Valera aus Belarus. Vom Empfang auf dem Parkplatz ist er überrascht – er habe so etwas noch nie erlebt. Unterwegs ist er bereits seit 3 Wochen. „Die Arbeit ist schwer, aber da kann man nichts machen. Arbeit ist eben Arbeit.“ 

Ähnlich denkt auch Teofil aus Rumänien. Er mag seinen Job, auch wenn er ihm nicht immer leichtfällt. „Es ist sehr schwer, weil man weit weg von seiner Familie ist, von seinem Zuhause, von allem, was man hat.“ 

Bratwurst und ein offenes Ohr

Über Sorgen wie diese möchten die Ehrenamtlichen bei Bratwurst und Bier mit den Fahrern sprechen. Martin findet: „Sie kommen menschlich sehr schlecht weg.“ Wochenlang sind sie weit weg von zu Hause – und das ständig im Stress. Denn die Straßen sind voll und die Zeitpläne eng

Was ist das „Just-In-Time“-Prinzip?

Fabriken lagern benötigte Waren nicht mehr nur selbst. Stattdessen befinden sie sich gewissermaßen auf der Straße – in den Laderäumen der LKW. Die Lieferungen sollen genau dann in der Fabrik ankommen, wenn sie gebraucht werden.

Ein Grund für diesen Dauerstress ist für Martin das sogenannte „Just-in-Time“-Prinzip. Das senkt Lagerkosten, erhöht aber zugleich den Druck auf die Fahrer. Denn wer seine Lieferzeit nicht einhalten kann, etwa wegen eines Staus, kann im schlimmsten Fall teure Produktionsausfälle verursachen.

Mehr Verständnis auf den Straßen

Martin wirbt deshalb für mehr Verständnis im Straßenverkehr

Wenn sich etwa zwei Fahrer ein sogenanntes „Elefantenrennen“ liefern, sei das nicht automatisch ein sinnloses Überholmanöver. Möglicherweise versuche ein Fahrer lediglich, im Stau verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Man sollte mit den Leuten gnädiger umgehen.

Martin Heubach

Trucker Teofil sieht das ähnlich. „Ohne Lkw gäbe es keine Autos auf den Straßen, kein Benzin an den Tankstellen, in den Läden nichts zu kaufen“, sagt der Fahrer aus Siebenbürgen. „Alles wird von Lkw transportiert. Daher wünsche ich mir mehr gegenseitige Toleranz.“

Was bringt die Seelsorge?

Grillfest für Trucker am Rastplatz
Hugo Class

Martin ist sich bewusst: Ein Grillfest einmal im Monat kann die Probleme, die viele LKW-Fahrer plagen, nicht lösen. „Es ist nicht viel. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“ 

Aber für ihn gilt: Was im Großen wenig verändert, kann im Kleinen trotzdem etwas bewirken

  • ein offenes Ohr
  • ein gutes Gespräch
  • ein Moment der Wertschätzung

„Wir wollen nicht nur übers Wetter reden“, erklärt der Seelsorger, „sondern über die wesentlichen Fragen des Lebens und Glaubens.“

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Wer möchte, bekommt zum Grillgut auch eine sogenannte Trucker-Bibel. Sie enthält in mehreren Sprachen das Neue Testament sowie Erfahrungsberichte christlicher Lkw-Fahrer.

Nicht alle Trucker interessieren sich dafür. Viele bleiben nur so lange, bis sie ihre Bratwurst gegessen und ihr Bier getrunken haben. Doch mit einigen wenigen kommen Martin und sein Team tiefer ins Gespräch.

Sorgen bei der Seelsorge abladen

Manchmal sind es ein oder zwei, manchmal auch zehn Fahrer, die erzählen, was sie beschäftigt, was sie erlebt haben und was sie auf ihren Fahrten mit sich tragen.

Wenn sich am Ende einer von ihnen für die positiven Erfahrungen und die Wertschätzung bedankt, die er an diesem Abend erlebt hat, dann ist für Martin viel erreicht: „Der Aufwand lohnt sich immer dann, wenn ein Mensch hier fröhlicher und entlasteter weggefahren ist.“