Gesellschaft

Ausstieg aus der rechten Szene: Ein Ex-Neonazi erzählt

Leo im Studio vom Hoffnungsmensch-Podcast
Hoffnungsmenschpodcast
Leo gerät als Jugendlicher in die Neonazi-Szene, wird Funktionär und gewalttätig. Dann beginnt sein Weltbild zu zerbrechen.

Leo war Funktionär in der Neonazi-Szene. Heute erzählt er von Radikalisierung, Gewalt und seinem schwierigen Ausstieg.

Leos Weg in die rechtsextreme Szene beginnt mit Angst und Gewalt. Seine Kindheitserinnerungen sind geprägt von seinem Alkoholiker-Vater, der im Suff immer wieder zuschlägt. „Angst und Ohnmacht waren die Grundgefühle meiner Kindheit“, sagt Leo rückblickend.

Er erzählt: Mit zwölf Jahren beginnt er, selbst zu trinken. Was ihm zunächst wie ein Ausweg erscheint, entwickelt sich rasch zur Abhängigkeit. Mit 14, sagt er heute, sei er bereits alkoholabhängig gewesen.

Als Jugendlicher mit Nazi-Vergangenheit beschäftigt

Er hört Schallplatten mit Reden Adolf Hitlers, liest „Mein Kampf“ („Ich fand es langweilig“) und beschäftigt sich immer stärker mit dem Nationalsozialismus. Nicht aus einer bereits gefestigten politischen Überzeugung, sagt er. Ihn hätten zunächst die Versprechen von Stärke, Ordnung und Zugehörigkeit angesprochen.

„Hitler sagte mir: ‚Du bist in Ordnung‘“, beschreibt er seine Gefühle von damals im Podcast Hoffnungsmensch. Denn „er hat eine vermeintliche heile Welt in meine hineingesprochen, die eben nicht heile war“.

Vom Außenseiter zum Neonazi

Der Einstieg in die rechte Szene verläuft schleichend. Zunächst geht es Leo um Provokation. Gemeinsam mit Freunden beleidigt er Passanten oder zeigt Hitlergrüße. Eine gefestigte Ideologie oder ein geschlossenes Weltbild habe damals noch nicht dahinter gestanden.

Mit 16 schließt er sich einem rechtsextremen Skinhead-Milieu an. Alkohol, Gewalt und einschlägige Musik bestimmen zunehmend seinen Alltag. Nach einem Entzug mit 19 Jahren hört er nach eigenen Angaben auf zu trinken. Die Leere, die er in sich spürt, bleibt jedoch.

Nun wird die rechtsextreme Szene zum neuen Lebensmittelpunkt. Leo spricht heute von „Suchtverlagerung“. 

Er knüpft Kontakte zur damaligen NPD und später zur Nationalistischen Front, die 1992 verboten wurde. Er beschreibt die Situation als das, wonach er so lange gesucht habe: Anerkennung, Struktur und eine Aufgabe

Vom Außenseiter wurde ich zum Vorkämpfer.

Aus dem Mitläufer wird nach seiner Darstellung ein Funktionär. Er besucht Schulungen, übernimmt das geschlossene Weltbild der Szene und wirbt selbst Jugendliche an. Später schult er andere und übernimmt Führungsaufgaben. Freunde außerhalb der Szene habe er zu der Zeit keine mehr gehabt.

Ausstiegshilfen und Kontakte

EXIT-Deutschland ist ein Aussteigerprogramm des Zentrums Demokratische Kultur

WendePUNKT ist ein Aussteigerprogramm des Bundesinnenministeriums

Wie Ideologie Menschen zu Feinden macht

Mit der Radikalisierung wächst auch Leos Bereitschaft zur Gewalt. Er berichtet, an Angriffen auf politische Gegner, Menschen mit Migrationsgeschichte und andere Personen beteiligt gewesen zu sein, die in seinem Umfeld als Feinde galten.

Menschen aus der linken Szene bezeichneten er und seine Kameraden damals als „linke Zecken“. Gewalt galt ihnen als gerechtfertigtes Mittel. Was den Opfern widerfuhr, sei ihm zu dieser Zeit egal gewesen, sagt Leo. „Ich konnte Menschen angreifen, ohne zu wissen, ob die das überleben“, erinnert er sich. „Wir haben aufgehört, sie als Menschen zu sehen.“

Leo im Podcast-Studio. Er trägt eine blaue Brille und einen schwarzen Hut. Im Hintergrund ein Bildschirm mit dem Hoffnungsmensch-Logo.
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Die Neonazi-Szene gab Leo Anerkennung und Macht.

Heute sieht Leo in dieser Entmenschlichung eine zentrale Gefahr extremistischer Ideologien. In seinem damaligen Umfeld habe es kaum noch abweichende Sichtweisen gegeben. Sie hätten die Fähigkeit, andere Perspektiven zu verstehen, verloren. Menschen, die anders dachten oder lebten, seien nicht mehr als Individuen wahrgenommen worden, sondern als Feinde. Gegen sie erschien Gewalt plötzlich legitim, beschreibt Leo.

Wie viele Menschen Leo angriff und welche Folgen die Taten für sie hatten, bleibt in seiner Erzählung offen. Auch mit dieser Leerstelle muss er heute leben.

Welche Zweifel seinen Ausstieg auslösen

Während seiner Zeit in der rechtsextremen Szene erlebt Leo nach eigener Aussage immer wieder Momente, die nicht zu seinem Weltbild passen. Besonders erinnert er sich an Bilder rassistischer Gewalt und brennender Häuser, in denen Frauen und Kinder lebten.

„Auch wenn es für mich ‚nur‘ Ausländer waren – es passte nicht zu meinem Bild von deutscher Ritterlichkeit“, sagt er.

Das Zitat zeigt auch, wie rassistisch sein Denken zu diesem Zeitpunkt ist. Seine Zweifel entstehen nicht plötzlich aus einem Bewusstsein für die Gleichwertigkeit aller Menschen. Doch erste Widersprüche lassen sich nicht mehr verdrängen

Sein Weltbild beginnt zu bröckeln. Der Ausstieg kommt nicht über Nacht, er beschreibt ihn als lange inneren Prozess. Doch eines Morgens habe er schließlich nur noch einen Gedanken gehabt: 

Du musst da raus.

Mit früheren Kameraden vereinbart er nach eigener Aussage einen Deal. Er spricht nicht über interne Vorgänge, im Gegenzug sollen sie ihn in Ruhe lassen.

Doch einfach wird die Trennung nicht. Wer die rechtsextreme Szene verlässt, gilt als Verräter, sagt Leo. „Das ist kein Kegelverein.“ 

Er sagt, dass er auch später bedroht worden sei. Deswegen trägt er auch inzwischen den Decknamen Leo Neumann. Wie konkret diese Bedrohungen heute noch sind, führt er nicht weiter aus.

Die Suche nach einer neuen Identität

Der Ausstieg löst nicht automatisch alle Probleme. Jahrelang hat die rechtsextreme Szene sein gesamtes Leben bestimmt. Nun steht Leo vor der Frage, wer er eigentlich ohne diese Ideologie ist

Er spürt eine große Leere. Andere Abhängigkeiten, Beziehungen und wechselnde Weltanschauungen hätten dieses Vakuum zeitweise gefüllt, erzählt er.

Erst viele Jahre später findet er durch seine Frau zum christlichen Glauben. Der Glaube sei nicht der Grund für seinen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene gewesen, sagt Leo. Aber er habe ihm geholfen, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und neue Hoffnung zu finden.

„Ich weiß, dass Gott mir vergeben hat. Ob ich mir selbst zu 100 Prozent vergeben kann? Ich bin mir nicht sicher.“ 

Buch-Tipp über den Ausstieg

Über seine Geschichte hat Leo das Buch „Trügerische Heimat“ geschrieben.

Religiöse Vergebung beendet jedoch nicht die Verantwortung für das, was er anderen Menschen angetan hat. Die Folgen seiner Gewalt lassen sich nicht rückgängig machen. Auch Leo sagt, dass der Ausstieg nicht bedeutet, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen zu können.

Blick auf die AfD und die Neonazis

Leo beobachtet die politische Entwicklung in Deutschland und die Erfolge der AfD mit Sorge. Er unterscheidet zwischen der Partei und den Neonazi-Organisationen, denen er früher angehörte. Seine eigene Biografie macht Leo zu einem Zeitzeugen für das Milieu, in dem er sich damals bewegte. 

Mit seiner Vergangenheit blickt er auf die aktuelle politische Lage. Deswegen hält er die AfD für anschlussfähig an Teile der extremen Rechten. Er beobachte, dass viele aktive Neonazis die Partei unterstützen oder wählen. Welche Gruppen und Personen er konkret meint und wie verbreitet diese Unterstützung ist, lässt sich aus seinen Aussagen jedoch nicht ableiten.

Christlicher Glaube widerspricht rechter Ausgrenzung

Leo steht vor dem Mikrofon im Podcast-Studio
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Leo spricht über seinen Ausstieg

Während seiner Zeit in der Neonazi-Szene galt das Christentum als Feindbild, erzählt Leo. Werte wie Demut, Gnade, Nächstenliebe und Vergebung hätten dort keinen Platz gehabt.

„Das passte nicht zum stolzen Deutschen, der um seine glorreiche Zukunft kämpft. Das Christentum war für uns ein jüdisches Mittel zur Vernichtung des Deutschtums“, erzählt Leo.

Heute empfindet Leo es als Widerspruch, wenn rechtsextreme oder rechtspopulistische Akteure christliche Begriffe und Symbole für ihre politischen Ziele nutzen.

Seine Überzeugung ist klar: Wer den christlichen Glauben ernst nehme, könne Menschen nicht nach Herkunft, Abstammung oder kultureller Zugehörigkeit bewerten. Für ihn stehen die zentrale Botschaft von Nächstenliebe und die Vorstellung nationalistischer Überlegenheit unvereinbar nebeneinander.

Lass den Scheiß!

Sein Glaube bedeutet für Leo auch, Menschen nicht als hoffnungslose Fälle abzuschreiben. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie stark die sozialen und emotionalen Bindungen innerhalb extremistischer Szenen sein können. 

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In seinem früheren Umfeld seien manche Menschen vollständig von der Gruppe abhängig gewesen: sozial, wirtschaftlich und emotional. Ein Ausstieg sei trotzdem möglich, sagt Leo. Doch der brauche oft Zeit, Unterstützung und Kontakte außerhalb der Szene.

Was Leo Menschen rät, die in die rechte Szene abzurutschen drohen

Seine Geschichte zeigt, dass Menschen selbst nach Jahren in Hass, Gewalt und Extremismus einen anderen Weg einschlagen können. Sie zeigt aber auch, dass ein Ausstieg die begangenen Taten nicht ungeschehen macht.

Wer für rechtsextremes Denken anfällig ist, dem rät Leo, den Kontakt zu Andersdenkenden nicht abzubrechen, Widerspruch zuzulassen und offen zu bleiben

Was würde er seinem jüngeren Ich heute sagen? Leo antwortet trocken: „Lass den Scheiß!“