Intensivpflege

Die Gedanken bleiben im Krankenhaus

Intensivpfleger Karsten Seidel
Renate Haller
Karsten Seidel arbeitet seit Jahrzehnten in der Intensivpflege.

Nicht jeder kann sich um fremde Menschen kümmern und mit Krankheit und Tod umgehen. Wie machen das Pflegekräfte? Wie schützen sie sich? Ein Intensivpfleger erzählt.

Karsten Seidel hat einen anstrengenden Job. Aber er mag ihn. Seit mehr als  drei Jahrzehnten ist er Intensivpfleger. Er arbeitet mit schwer kranken Menschen, Männer und Frauen die leiden, und er sieht oft solche, die sterben. Das gehört dazu, sagt er. „Man versteht schnell, auf was man sich eingelassen hat.“ 

Lachen ist manchmal auch ein Schutz

„Wir lachen auch auf der Station“, betont Seidel. Entweder mit den Patienten und Patientinnen oder die Kollegen untereinander. Wenn ein Patient ihm morgens sage, dass er sehr schlecht geschlafen habe, erlaube er sich auch mal einen Scherz nach dem Motto, dass er dafür heute länger liegen bleiben dürfe. Das lockere die Stimmung auf, wofür die meisten Patienten dankbar seien.

Manchmal, sagt er, „ist es aber auch ein Schutzlachen“. Etwa wenn die Arbeit gerade sehr stressig oder die Situation eines Patienten sehr schlimm sei. Das Lachen gibt Abstand zum Schweren.

Wie hält man das aus, ständig Leid und Sterben um sich herum? 

Ich bin ein fröhlicher Mensch“, antwortet Karsten Seidel. Leben, Sterben und Tod – das gehöre zusammen, das müsse man akzeptieren. Und wenn er sich den ganzen Tag selber sage, „Oh Mann, wie viel Arbeit wir heute wieder haben“, dann werde die Arbeit auch nicht weniger. Seine positive, lebensbejahende Grundhaltung helfe ihm sowohl bei Stress als auch bei schwierigen Situationen: „Nicht alles wird gut, aber vieles. Daran muss man glauben.“

Der Opa brauchte Hilfe

Der Großvater von Seidel war blind. Als Kind hat er ihn oft besucht. Er hatte verstanden, dass der Opa Hilfe braucht, konnte damals aber nicht viel tun. Er habe ihm mal die Hand gereicht und geholfen aufzustehen oder ihn mal geführt. „Das war schön“, erinnert sich der 53-Jährige.

Er habe dann früh gewusst, dass er Alten- oder Krankenpfleger werden wolle. Fürs Krankenhaus habe er sich entschieden, weil er es letztlich interessanter fand. Im Frankfurter „Agaplesion Markus Krankenhaus“ arbeitet er seit drei Jahren.

Es den Menschen so schön wie möglich machen

Für ihn ist die Pflege nicht Beruf, sondern Berufung. „Ich treffe kranke Menschen, denen ich versuche, es mit meinem Wissen und meiner Art so schön zu machen, wie es gerade geht“, erklärt er seine tägliche Motivation. Allerdings kann er sich auch abgrenzen.

Intensivpfleger Karsten Seidel
Renate Haller
Intensivpfleger Karsten Seidel hat seine Berufswahl nie bereut.

„Ich fahre 25 Minuten mit der Straßenbahn nach Hause. Unterwegs denke ich noch manchmal an die Patienten, aber wenn ich aussteige ist das weg“, sagt er. Auch vielen seiner Kolleginnen und Kollegen ginge das so: Sie bringen vollen Einsatz, aber wenn sie Feierabend haben, dann sind sie raus. 

In der Freizeit eine Ausbildung zum Hospizhelfer gemacht

Seidel hat 18 Jahre in einem Krankenhaus in Mannheim gearbeitet. Damals hatte er das Bedürfnis nach einem Ausgleich. Er hat eine Ausbildung zum Hospizhelfer gemacht und Sterbende begleitet.

Wieder Tod und Leid?

Nein, nicht immer gehe es beim Sterben auch um Leid, sagt er, er wollte einfach mit Menschen zu tun haben. „Ich bin ja zu ihnen nach Hause gegangen, das war ganz anders als im Krankenhaus. Für mich war das tatsächlich ein Ausgleich.“

Das Arbeiten in Corona-Schutzanzügen ist sehr anstrengend

Hart waren die vergangenen anderthalb Corona-Jahre. Die Arbeit war durch die Schutzanzüge massiv erschwert. „Wir waren nach zwei Stunden nass geschwitzt, und die Patienten haben uns durch die Masken schlechter verstanden“, sagt er. Zudem sei es vielen Patienten sehr schlecht gegangen.

Seinem Lebenspartner habe er zu dieser Zeit mitunter gesagt, dass er zu Hause erst einmal nicht angesprochen werden wolle. „Ich musste erst mal runterkommen.“ Er selber hatte sich bei einem Patienten angesteckt und musste in Quarantäne, hatte aber keine Symptome.

Man muss abschalten können

Für die Arbeit als Pflegekraft, sagt Seidel, muss man auf Menschen zugehen und sie auch anfassen können. Und man brauche Verständnis für die jeweilige Situation. Sonst sei der Job einfach nicht der richtige. Am wichtigsten aber sei es, dass man die Arbeit und die Gedanken an die kranken Menschen nicht mit nach Hause nehme: „Wenn du das machst, gehst du kaputt.“