Hospize während Corona

Wie geht Hospizarbeit ohne Berührungen?

Hospizarbeit während Corona
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Es ist wie ein Deja vú: Wieder schnellen die Corona-Infektionszahlen nach oben. Auch die Zahl der Toten steigt. Doch das Sterben geht auch abseits des Virus weiter. Und die oftmals ehrenamtlichen Mitarbeitenden in der Hospizarbeit stehen vor zusätzlichen Herausforderungen. Viele Sterbende sind unsicher, ob sie angesichts der Kontaktbeschränkungen überhaupt Beistand in Anspruch nehmen.

Ausgerechnet jetzt. In dieser Zeit. Das hat Claudia (Name von der Redaktion geändert) oft gedacht, als ihr Vater im Mai vergangenen Jahres gestorben ist. Nicht an Corona, sondern an einem Schlaganfall in Folge seiner Demenzerkrankung.

Eigentlich hätte er am liebsten zu Hause sterben wollen, erinnert sich die Frau aus dem Odenwald. Stattdessen musste er kurz vor seinem Tod ins Krankenhaus. Und wegen der Corona-Beschränkungen hieß das für die Angehörigen: maximal 30 Minuten am Tag an seiner Seite sein. Das war hart, wie Claudia erzählt.

Mehr als die Hälfte weniger Anfragen bei Hospizverein

Die letzten Lebenswochen, Tage und Stunden in Corona-Zeiten. Das ist aus verschiedenen Gründen besonders herausfordernd.

Hospizverein Bergstraße
Angela Schäfer-Esinger vom Hospizverein Bergstraße ermutigt Sterbende und deren Angehörige, Hilfe zu suchen - trotz Kontaktbeschränkungen.

„Wir haben seit der Pandemie mindestens um die Hälfte weniger Anfragen“, berichtet Angela Schäfer-Esinger vom HospizVerein Bergstraße e .V. Ihr Team und sie begleiten Menschen am Lebensende – auch während Corona, wie die Koordinatorin des Hospizvereins in freier Trägerschaft betont.

Dabei gibt es gleich zwei Probleme: Zum einen möchten Schäfer-Esinger und ihre Kolleginnen und Kollegen in dieser Zeit noch mehr als sonst vermeiden, dass die Sterbenden in ein Krankenhaus müssen, weil dort die Gefahr einer Ansteckung hoch ist. Zum anderen sind viele Patientinnen und Patienten unsicher, ob sie sich Trauerbegleiter nach Hause holen. Schließlich warnt die Regierung vor zu vielen Kontakten.

Angehörige von Sterbenden sind überfordert

Solange Angehörige da sind, geht es oftmals noch, wie die Trauerbegleiterin sagt. Wobei auch die oftmals mit der Situation überfordert seien. „Die wissen nicht mehr ein, noch aus“, weiß Schäfer-Esinger.

Zusätzlich zu den gängigen Fragen käme etwa das Problem mit einer möglichen Kurzzeitpflege hinzu. Die Pflegeeinrichtungen seien dicht mit Corona-Patienten, sagt Schäfer-Esinger. Auch Kräfte aus dem Ausland seien im Moment schwer zu kriegen wegen der Einreisebeschränkungen. „Da hängt ein riesiger Rattenschwanz dran.“ Außerdem seien Freunde, Bekannte und Nachbarn zurückhaltend, den Angehörigen ihre Hilfe anzubieten. Jeder sei unsicher.

Was, wenn niemand mehr da ist?

Am allerschlimmsten aber sei es natürlich, wenn die Sterbenden niemanden mehr haben und auf die Hilfe von außen angewiesen sind. Schäfer-Esinger appelliert an Sterbende und deren Angehörigen, das Angebot der Trauerbegleitung ohne Scheu anzunehmen.

Wir sind weiterhin da!

„Wir möchten ganz deutlich zeigen: Wir sind weiterhin da.“ Natürlich mit den entsprechenden Hygienevorschriften: Die Trauerbegleiterinnen und -begleiter tragen eine FFP-2-Maske, desinfizieren ihre Hände, halten Abstand und lüften regelmäßig. Der Verein bietet außerdem Tests an.

Für die Sterbenden da sein - auf Abstand

Auch Claudia, die selbst ehrenamtlich in der Hospizarbeit tätig ist, besucht weiter einen ihrer Patienten. Ein älterer Herr, noch verhältnismäßig fit, wie sie erzählt. Früher hätten die beiden immer zusammen eine Tasse Kaffee getrunken, viel gequatscht und gelacht. Im Sommer hätten sie wenigstens im Garten sitzen können. All das ist zurzeit nicht mehr möglich.

„Im Winter, als die Fallzahlen so hoch waren, haben wir auch zwei, drei Wochen mal ausgesetzt“, erzählt sie. Nun besucht sie den Mann wieder – mit Maske und auf Abstand. „Er ist sehr einsichtig“. Dennoch: Die Berührungen fehlen. „Ich habe ihm früher schon auch mal gedrückt. Oder ihm die Schulter getätschelt. Das hat ihm gut getan.“

Hospiz-Blog

Ideen für Hospizbegleitung von der Hospizakademie Nürnberg während Corona hier

Viele Angehörige wüssten auch nicht unbedingt, dass die Hospizvereine wie gewohnt im Einsatz sind. „Allein schon das Wissen, da ist eine Nummer, da kann ich anrufen“, beruhige viele, sagt Schäfer-Esinger. Ihr Verein biete eine 24-Stunden-Rufbereitschaft an. „Ich hab das Handy immer neben mir liegen“, betont sie.

Viele Mitarbeitende selbst Risikopatienten

Was erschwerend hinzukommt: Viele der oftmals ehrenamtlichen Mitarbeitenden fallen aktuell selbst aus, weil sie selbst zur Corona-Risikogruppe gehören, wie Claudia erzählt. Außerdem würden einige Heime die Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter nicht ins Haus lassen, berichtet Felicia Schöner, Koordinatorin des Hospizdienstes Odenwald. Die Einrichtungen entscheiden in der Regel selbst, wie sie mit der aktuellen Corona-Situation umgehen. Es gibt verschiedene Besuchskonzepte – auch je nach Infektionslage. Laut Bundesregierung sind Besuche aber generell möglich.

Petition „Trauer ist systemrelevant“ fordert einheitliche Regeln

Der Odenwalder Hospizdienst unterstützt die Petition „Trauer ist systemrelevant“, die der Bundesverband Trauerbegleitung auf den Weg gebracht hat. Fast 200 Einzelpersonen und Verbände haben unterschrieben. Sie fordern unter anderem, trauernde Menschen begleiten zu können, den Zugang in sämtliche pflegerische Einrichtungen sowie bundesweit einheitliche Bestattungsregeln.

Beerdigung im kleinen Kreis

Denn nach dem Tod geht es weiter: Wie kann eine Beerdigung in der Pandemie aussehen? Auch die Beerdigung ihres Vaters sei anders gewesen, als er sich gewünscht habe, erzählt Claudia: „Mein Papa war sehr aktiv im Vereinsleben, bekannt wie ein bunter Hund.“ Aus einer großen Feier mit vielen Gästen wurde nichts. Maximal 14 Leute durften kommen. „Dabei besteht der harte Kern der Familie schon aus mehr als 20 Leuten“, erzählt Claudia. Abschied nehmen mussten die wenigen Gäste statt in der Trauerhalle im Freien. Die Geschwister, die mit ihren Familien im Ausland leben, konnten nicht kommen.

Immerhin: Die Beerdigung sei so sehr innig und intensiv gewesen, erinnert sie sich. Heute sagt sie: „Ich bin froh, dass Papa das so schnell geschafft hat.“ Nur ihre 82-jährige Mutter leide immer noch sehr. „Es kommt ja kein Besuch. Klar, die Leute haben damals Kärtchen geschrieben, aber außer kurze Gespräche an der Haustür, hat sie seit Monaten keine Kontakte.“