Frauen in Führungspositionen

Interview mit Bettina Limperg: „Frauen, glaubt an eure eigene Stärke“

Bettina Limperg ist Präsidentin des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe und auch Präsidentin des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) 2021 in Frankfurt am Main.
Jörn von Lutzau

Bettina Limperg ist seit 2014 Präsidentin des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe und ist Präsidentin des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) 2021 in Frankfurt. Im Interview mit Renate Haller verrät sie, warum es für Frauen manchmal besser ist, „Ja“ zu sagen als „Ich weiß nicht“.

Der Frauenanteil in den Vorständen der Dax-Konzerne ist rückläufig. Braucht Deutschland eine verpflichtende Quote, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?

Bettina Limperg: Ich denke, dass wir uns diesem Zeitpunkt tatsächlich nähern. Die „gläserne Decke“ in Deutschland ist extrem hart. Man sieht sie nur beim genauem Hinschauen. Sie bezeichnet die Summe der meist ungeschriebenen Hindernisse, die Frauen im Gegensatz zu Männern überwinden müssen, um weiterzukommen. Es kommen einfach zu wenige Frauen durch.

Sie sind die erste Frau an der Spitze des Bundesgerichtshofs. Was hat Ihnen geholfen, nach vorne zu kommen?

Limperg: Zum einen denke ich, dass Dax-Konzerne eine etwas andere Problemlage haben als der Öffentliche Dienst; hier sind die Dinge – was Gleichstellung angeht – etwas entspannter. Ich habe aber sicherlich bei manchen Weichenstellungen die Chance ergriffen und „Ja“ gesagt statt „Nein“ oder „Ich weiß nicht“.

Ich hatte außerdem zweifellos Glück mit vielen Weggefährtinnen und Weggefährten, die mich unterstützt haben. Und mir hat bestimmt geholfen, dass ich meinen Beruf sehr liebe und deswegen immer mit großer Leidenschaft gearbeitet habe.

Zur Person

Bettina Limperg ist die Präsidentin des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe und evangelische Präsidentin des Ökumenischen Kirchentags 2021 in Frankfurts. Sie wurde 1960 in Wuppertal geboren und gilt als eine der profiliertesten Juristinnen Deutschlands. Sie engagiert sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit unter anderem für freiere Formen des Jugendstrafvollzugs für junge Menschen.

Hatten Sie ein Vorbild?

Limperg: „Vorbild“ ist für mich ein etwas schwieriger Begriff, er hat etwas Moralisierendes. Richtige Vorbilder hatte ich auch deshalb nicht, weil es in der Zeit, in der ich junge Richterin war, wenige Frauen in Führungspositionen gab. Ich habe Männer und Frauen kennengelernt, die mich sehr beeindruckt haben, darunter die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach, und von denen habe ich mir manches abgeguckt. Ich glaube, dass die Gesellschaft vor allem authentische Menschen braucht, die wahrhaftig auftreten, an etwas glauben und dafür einstehen.

Sie haben einmal gesagt, dass Frauen häufig zu sehr an sich selbst zweifeln und sich unterschätzen. Haben Sie einen Tipp, was Frauen dagegen tun können?

Limperg: Es gibt nicht den einen Tipp. Was ich aber jungen Frauen raten möchte, ist, dass sie an sich und ihre Stärken und Charaktereigenschaften glauben, daraus das Beste machen und dabei wie gesagt authentisch sind. Sie sollten sich nicht zu sehr an anderen oder gar an männlichen Vorbildern und Tugenden orientieren. Das ergibt nie ein gutes Ganzes.

Für einen guten ersten Eindruck ist zum Beispiel die Stimme wichtig. Frauen, die sehr hoch sprechen oder wenig Resonanz entwickeln, werden tatsächlich häufiger überhört. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass man mit tieferen Männerstimmen bestimmte Kompetenzen verbindet. Die Stimme zeigt aber, ob man präsent sein will oder nicht, darauf sollte man achten.

Limperg beim Reformationsgottesdienst der EKHN

Bettina Limperg ist am 31. Oktober um 18 Uhr Gast beim Reformationsgottesdienst der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in der Mainzer Christuskirche. Dort wird sie zu Fragen der Ökumene und des Kirchentags Rede und Antwort stehen. Wegen der Corona-Pandemie kannst du von überall aus an dem Gottesdienst teilnehmen.

Der Gottesdienst ist ökumenisch mit Kirchenpräsidente Volker Jung und Weibischof des Bistums Mainz, Udo Bentz. 

Hier geht es zum Livestream auf EKHN.de

Kinder und Teilzeitbeschäftigung gelten als Karrierehindernis. Sie haben zwei erwachsene Kinder. Haben Sie jemals Teilzeit gearbeitet oder darüber nachgedacht?

Limperg: Es war für mich nie eine Frage, ob ich in Teilzeit gehe. Ich hatte intuitiv das Gefühl, dann nicht mehr ganz "dabei", nicht mehr wirklich Teil der Kollegenschaft zu sein und auch nicht mehr alles mitzubekommen. Anfang der 1990er Jahre war man als Teilzeitmitarbeiterin irgendwie raus, das war eine Falle. Heute ist das zum Glück weniger ausgeprägt. Man achtet inzwischen stärker darauf, aktiv auszugleichen und weiß, dass Frauen oder auch Männer in Teilzeit andere Förderprogramme brauchen. Ich hatte damals das Glück, dass mein Mann mich sehr unterstützt hat und selbst in Teilzeit gegangen ist. Leicht war das für uns beide nicht. Ich habe mich oft als Rabenmutter gefühlt und hatte viele Phasen, in denen ich mit unserem Modell gehadert habe. Aber in Teilzeit hätte ich meinen Weg so nicht gehen können.

Sie gelten als Kritikerin des Ehegattensplittings. Warum?

Limperg: Das Ehegattensplittung fördert überkommene Strukturen und ist Teil der gläsernen Decke. Es nimmt nur die Ehe in den Blick, nicht die Familie. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Eine gut verdienende verwitwete Frau mit Kindern muss nach dem Tod ihres Mannes deutlich mehr Einkommensteurer zahlen. Das zeigt, wie absurd das System ist. Es führt dazu, dass junge Paare Modelle wählen, die erstens in den jeweiligen Erwerbsbiografien – vor allem in denen der Frauen – bei Trennung und Scheidung verheerend wirken. Und zweitens hindert es Frauen auch, überhaupt nennenswert berufstätig sein zu wollen oder zu müssen. Damit nimmt es der Gesellschaft viel Potenzial, weil all diese wunderbar ausgebildeten Frauen dem Arbeitsmarkt für lange Zeit verloren gehen. Das ist eine Fehlentwicklung, der es entgegenzusteuern gilt. Das Ehegattensplitting muss mindestens zur Familienförderung umgebaut werden.