Klimaschutz

Hungerstreik junger Menschen vor dem Bundestag

Protestaktion in Berlin für das Klima
Christine Senkbeil
Hungerstreikt der letzten Generation

Sie haben seit Tagen nichts gegessen. Sechs junge Menschen protestieren in Berlin gegen die Klima-Politik. Sie wollen hungern, bis die Politik handelt.

Von Christine Senkbeil

„Bleibet hier und wachet mit mir.“ Es sind Lieder aus Taizé, die Rumen Grabow in dieser extremsten Zeit seines 20-jährigen Lebens durch den Tag helfen. Seine Kraftquelle: die Kirchenmusik. Heute, am Tag 14 seines Hungerstreiks sei der hochgewachsene Blonde mit dem Stoppelschnitt zum ersten Mal bewusstlos geworden, erzählt er. Die Kraft schwindet, sieben von 67 Kilo habe er bereits verloren. „Es fühlt sich an, wie alt werden,“ sagt der junge Christ, aber seine Stimme ist fest.

Camp mitten im Regierungsviertel

Er ist einer der sieben jungen Menschen, die am 30. August ihr Banner vor den Reichstag tragen. Drei Frauen, vier Männer, alle mit ernsten, bedachten Gesichtern. Alle um die 20. „Hungerstreik der letzten Generation“, steht drauf. Seitdem „bleiben und wachen“ sie in ihrem Camp im Regierungsviertel. Und hungern. Sasha Stier musste inzwischen aus medizinischen Gründen aussteigen.

Forderung: Einen Bürgerinnenrat einberufen

Wir fordern das Gespräch mit uns und das Versprechen, einen Bürgerinnenrat einzuberufen, der die jetzt notwendigen Schritte einleitet“, richten sie an die Spitzenkandidierenden Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD). Fernsehsender, Radiostationen, soziale Netzwerke und Zeitungen tragen ihr Anliegen in die Welt. Die drei Kandidat:innen für das Kanzleramt Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Olaf Scholz haben den Hungerstreikenden in einem gemeinsamen Schreiben ein Gespräch angeboten. Und zwar, dass sie “einzeln, persönlich und nicht öffentlich nach der Wahl" für ein Treffen bereit wären.

Die Antwort der Streikenden kam umgehend: : “Das Angebot ist das Gegenteil dessen, was wir fordern. Ein Gespräch unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist undenkbar. Wir brauchen einen kollektiven Moment des Aufwachens. Ein Gespräch nach der Wahl - die ja die Schicksalswahl ist, um die es uns geht - ist ausgeschlossen."

Eltern melden sich zu Wort. Tränen. „Geweckt werden, vom eigenen Sohn mit dem Ruf: ‚Wir sind in Lebensgefahr!‘, ist nicht nur erschreckend und Angst einflößend. Es beschämt mich auch“, sagt die Mutter von Jacob Heinze. „Wir spüren die große Anteilnahme“, sagt Grabow.

"Die letzte Generation"

Die Jugendlichen bezeichnen sich selbst als "Die letzte Generation". Warum sie sich diesen Namen gebenen habe erzählen in einem Online-Tagebuch. Auch, welche Forderungen sie an die Politik haben und warum sie sich für einen Hungerstreik entschieden haben, schildern sie auf ihrer Website.


Über den „Mord an der jungen Generation“ möchten die jungen Menschen reden. „Nicht der Hungerstreik tötet eure Kinder, sondern der Status quo“, sagen sie. Konstruktiv reden, zielorientiert. So, dass dadurch der Weg geebnet wird, in der neuen Regierungsperiode gemeinsam gegen die Erderwärmung zu kämpfen – ernst gemeint. „Wir sind die letzte Generation, die die Katastrophe des unumkehrbaren Klimazusammenbruchs aufhalten kann.“

Zu Opfern seien sie bereit: „Wir setzen unser Leben aufs Spiel dafür.“ Doch warum greifen sie gleich zu solch radikalen Methoden? In Petitionen und Briefen vorher fühlten sie sich nicht gehört: „Auch nicht, als wir zu Zehntausenden die Klassenzimmer verließen. Wir sind verzweifelt, und wir werden hungern, bis ihr handelt.

Eigentlich nie politisch gewesen

Nicht essen bis zur Bundestagswahl, bis zum 26. September. „Ab morgen lassen wir auch die Säfte weg“, sagt Grabow. „Das fühlt sich an, wie noch mal mit dem Hungern anzufangen.“ Politisch sei er eigentlich nie gewesen, sagt er. Noch im März stand der Greifswalder nach Abi und Deutschland-Wanderung als Lehrling am Backofen einer wendländischen Bio-Vollkorn-Bäckerei. Nun hat er die Säulen der Sicherheit gekappt, wie er sagt. Weder Wohnung noch Geld hat er mehr, und anders als andere Mitstreitende hier auch keine Rückendeckung von zu Hause. Wohl aber von Freunden. Das hier ist nun das Wichtigste. „Es ist schlimm, dass wir uns Leid antun müssen, es ist destruktiv und radikal“, sagt er. „Aber alles andere halte ich nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr in der Backstube stehen und mein Brot backen. Es macht mich wütend, dass die meisten einfach so tun, als würde sich das alles schon richten.“

Die Hungerstreikenden haben große Vorbilder

Schmerz und Leid. Auch damit hineinzugehen in den Protest. Sie tun es mit allem, was sie haben, Körper, Herz, Verstand. In der Tradition des passiven Widerstands. Namen wie Jesus, Ghandi, Martin Luther King spielen für Grabow eine Rolle. Das Vorbild Friedrich Bonhoeffers.

Auch ich versuche, voranzugehen und ein Vorbild zu sein.

Ihn prägten diese Traditionen, alles Reflektierende seines Heranwachsens. Die Morgenkreise in der Evangelischen Martinschule. Die Bergpredigt. Inspirierende Predigten in den Gottesdiensten. Orgel und Gesang, praktisch schon im Bauch seiner chorsingenden Mutter, nun tröstend in seinem Kopf. „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir“, Grabow singt es beim Interview in den Telefonhörer und fügt hinzu: „Dieses Lied wird auch im Krankenhaus eine große Rolle spielen.“ Denn damit rechnet er. In ein paar Tagen so schwach zu sein, dass die Kraft zum Aufstehen nicht mehr reichen wird.

Studium für den Hungerstreik abgebrochen

Sein Mitstreitender Henning Jeschke hat sein Studium abgebrochen, um hier zu sein. Und Lina Eichler müsste eigentlich in der Schule sitzen, um ihr Abi zu machen. Am zwölften Tag ohne Nahrung hatte sie ihren 19. Geburtstag. Ohne Torte und Party. „Geprägt von Hunger und Hilflosigkeit.“ „Kommt heraus aus eurer Komfortzone“, rufen die jungen Menschen ihren Eltern zu. Ihren Lehrern. Ausbildern. Allen. Allen. „Seid Sand, und nicht Öl im Getriebe.“

Protestforscher: Nicht alle finden den Hungerstreik gut

Welt retten
gettyimages/ipopba
Viele Menschen wollen helfen, die Welt besser zu machen als sie ist.

Der Protestforscher und Soziologe Simon Teune hat den Hungerstreik im Berliner Regierungsviertel als "eine sehr persönliche Entscheidung" bezeichnet. Es handele sich dabei "in der Demokratie um eine der riskantesten, den Konflikt zuspitzenden Protestformen", sagte der Vorstand des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung dem Evangelischen Pressedienst. Darin spiegele sich die Erfahrung der Klimabewegung wider, dass die klassischen Protestformen wie Demonstrationen mit mehr als einer Million Teilnehmern und Teilnehmerinnen offenbar "nicht zum gewünschten Ergebnis führen".

Im deutschen Kontext seien Hungerstreiks ein sehr seltenes Mittel des Protestes. Er werde in der Regel von Menschen genutzt, "die sich in existenzieller Bedrängung zur Wehr setzen, die zum Beispiel im Gefängnis sitzen oder im Asylsystem feststecken".  Allerdings könne er sich vorstellen, dass der Hungerstreik in der Klimabewegung unterschiedlich wahrgenommen und nicht von Allen gutgeheißen werde: "Der moralische Überschuss, die Selbstgefährdung und die Angemessenheit dieses Mittels werden immer wieder kritisch diskutiert", so Teune.

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