3. Oktober

Für Schüler*innen ist die deutsche Teilung nur noch Geschichte

Foto: dpa/Andreas Gora

Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen ihre Wiedervereinigung. Das ist 30 Jahre her. Die DDR gibt es nicht mehr, Ost und West haben sich angenähert, der 3. Oktober ist ein Nationalfeiertag. Aber noch immer sprechen viele Menschen von der „Mauer in den Köpfen“, die nicht überwunden sei. Was denken junge Leute heute über die Einheit Deutschlands? Wir haben Schülerinnen und Schüler des Evangelischen Gymnasiums Bad Marienberg befragt.

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Jakob Esper ist 18 Jahre alt und kommt aus Nisterau.

Die Einheit ist einfach ein Fakt

Meine Eltern haben noch die Zeit der Teilung miterlebt und erzählen manchmal von den Unterschieden im Osten und im Westen. Für mich ist die Vorstellung abstrakt, dass Deutschland einmal geteilt war. Ich habe Freunde in Jena, das wäre früher nicht möglich gewesen. Es gab aber auch Schwierigkeiten in Verbindung mit der Wiedervereinigung, die zum Teil heute noch spürbar sind. Der größte Teil der ostdeutschen Wirtschaft konnte nicht überleben, gerade auf dem Land gibt es dort auch heute kaum Industrie, die Menschen anzieht. Ich fahre eine Simson Schwalbe, ein Moped, das früher im thüringischen Suhl gebaut wurde. Heute vertreibt ein Start-Up in Bayern die Schwalbe.

In ländlichen Regionen im Osten gibt es viele Leerstände und die Mieten sind entsprechend niedrig. Das ist heute noch eine Folge der dort schwachen Wirtschaft.

Wenn ich mit älteren Menschen spreche, ist die Teilung oft noch ein Thema. Westdeutsche sagen immer, in der ehemaligen DDR war alles schlimm. Ostdeutsche hingegen finden, die DDR hatte Vor- und Nachteile. In meinem Leben spielt die Frage nach der Einheit Deutschlands keine Rolle, sie ist einfach ein Fakt. Ich glaube, das geht den meisten Menschen in meinem Alter so. Durch die Sozialen Medien sind wir alle vernetzt, da gibt es keine Unterschiede zwischen Ost und West, die Einigkeit sitzt inzwischen sehr tief.

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Jannik Buhl ist 18 alt und kommt aus Langenbach.

Neue Hoffnung auf Gemeinschaft

Ich habe die Trennung ja nicht mehr erlebt. Aber der Diskurs um die Einheit zeigt mir, das Menschen im Osten und im Westen eine neue Chance bekommen haben, eine neue Hoffnung auf Gemeinschaft. Die DDR als sozialistischer Staat war ein Auslaufmodell. Es heißt immer, die Kommunisten wollten alles teilen, und am Ende hätten sie nur sich selbst zerteilt. Letztlich war es so, als würde man eine Familie trennen, was ja in vielen Fällen auch wirklich gestimmt hat. Es gab deshalb ein großes Sehnen nach Einheit. Für mich zeigt die Geschichte: Was zusammen gehört, findet auch wieder zusammen. Dazu war eindeutig der Wille da, daran kann kein Regime etwas ändern. Heute sehen wir ja auch, wie hart das Regime in Nordkorea für die Teilung kämpfen muss.

Mein Onkel hat 20 Jahre lang geholfen, nach der Wiedervereinigung das Versicherungssystem im Osten aufzubauen. Er erzählt von den maroden Zuständen, die er angetroffen hat, aber auch davon, welchen guten Kontakt er auch zu jungen Menschen gefunden hat, mit denen er tolle Parties gefeiert hat. Das war für ihn im Westen nicht vorstellbar.

Die Mauer in den Köpfen, von denen bei den Einheitsreden zum 3. Oktober immer gesprochen wird, sehe ich nicht bei Jugendlichen. Ich interpretiere das Gerede von dieser Mauer so, dass die Politiker eine vermeintliche Eifersucht bei den Westdeutschen wahrnehmen, weil so viel Geld in den Osten geflossen und dort jetzt manches schöner ist als im Westen. Aus meiner Perspektive ist das wenig gewinnbringend. Es gibt doch Missstände, die die Politik nicht unter Kontrolle bekommt, etwa die ungleichen Löhne in Ost und West. Indem die Politiker nun von einer Mauer in den Köpfen der Bürger sprechen, lenken sie von diesen Missständen ab.

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Louisa Weber ist 19 Jahre alt und lebt in Hof.

Menschen haben sich gefügt

Ich verbinde mit dem Begriff „Deutsche Einheit“ nicht so viel, für mich ist der 3. Oktober ein Datum wie andere auch. Es ist fast unreal, dass es mal anders war, dass man nicht in den Osten fahren konnte, wie und wann man wollte. Vor allem in der Schule habe ich viel über die deutsche Teilung und die DDR gehört und wir hatten auch mal eine Ausstellung dazu. Auf Plakaten ging es etwa um die Jugend oder die Arbeit in der DDR sowie die Unterschiede zum Heute. Mir ist damals aufgefallen, wie diszipliniert dort alles abgelaufen sein muss. Die Menschen haben nicht das gemacht, was sie wollten, sondern haben sich gefügt. Im Westen war das viel freier.

 In meinem Umfeld habe ich keine Berührungen mit dem Osten. Ich hatte in der fünften und sechsten Klasse mal einen Lehrer, der aus dem Osten kam und viel davon gesprochen hat. Und meine Mutter war mal als Schülerin auf einer Klassenfahrt in der DDR. Sie hat mir erzählt, dass es war wie die Reise in eine andere Welt.

Deutschland ist ein Land, das soll auch so bleiben. Ich finde, wir sollten aus der Geschichte lernen und es heute besser machen als früher.

Familien dürfen nicht getrennt sein

Obwohl ich weiß, dass Deutschland geteilt war, kann ich mir das gar nicht richtig vorstellen. Ich finde es auf jeden Fall gut, dass die Trennung vorbei ist. Mein Opa ist in der DDR aufgewachsen. Er hat versucht zu fliehen, dabei ist auf ihn geschossen worden und er wurde verhaftet. Später hat ihn die BRD freigekauft. Hier hat er sich dann sein Leben und eine Familie aufgebaut. Sein Bruder ist in der DDR geblieben, durfte dort aber nicht Polizist werden, weil sein Bruder fliehen wollte beziehungsweise dann das Land verlassen hat.

Meine Mutter und ihre Schwester sind dann später immer zu ihrer Oma in den Osten gefahren. Dort leben heute auch noch die Geschwister meines Opas, aber ich besuche sie dort nie.
Was ich über die DDR in der Schule höre oder in Filmen auch von Zeitzeugen gesehen habe, ist eher negativ. Deshalb war wohl auch die Freude so groß als die Mauer gefallen ist. Es ist wichtig, dass Deutschland ein Land ist und bleibt, sonst würden wieder Familien getrennt und das soll nicht sein.

Kathleen Oehl ist 18 Jahre alt und kommt aus Oberroßbach.

Tim Mauscherning
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Tim Mauscherning ist 19 Jahre alt und lebt in Hellenhahn-Schellenberg.

Gleiche Wünsche und Träume

Es gehört zur geschichtlichen Vielfalt Deutschlands, dass es einmal geteilt war. Aber für junge Menschen wie mich ist die Deutsche Einheit kein großes Thema. Meine Eltern waren zur Zeit des Mauerfalls etwa so alt wie ich heute bin. Sie erzählen manchmal, was für ein tolles und einzigartiges Gefühl das damals war, als Deutschland wiedervereinigt wurde. Für mich ist das nur ganz schwer vorstellbar, dass das Land einmal auseinandergerissen war. Bei einer Klassenfahrt nach Berlin haben wir das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen besucht. Das war sehr eindrucksvoll und hat noch einmal gezeigt, wie autoritär das System war, welche Kontrolle ausgeübt wurde und wie viel Furcht viele Menschen hatten. Wir haben auch einen Lehrer, der in der DDR gelebt hat. Auch er hat unter dem autoritären System gelitten. Ich bin sehr froh, dass ich in einer offenen Gesellschaft aufgewachsen bin.

Positives höre ich oft nur über die besonders gute und innige Gemeinschaft, die zwischen vielen Menschen geherrscht haben soll. Beim Gedanken daran fällt mir auf, dass ich die Musik einiger Künstler, die aus Ostdeutschland stammen, höre. Auch sie sind entweder noch direkt in der DDR aufgewachsen oder wurden durch Einflüsse der DDR aus ihren Familien geprägt. Ein Beispiel dafür ist die Band „Kraftklub“ aus Chemnitz.

Insgesamt aber glaube ich, dass die jungen Menschen heute im Osten die gleichen Wünsche und Träume haben wie wir im Westen.