3. Oktober

Zwei junge ostdeutsche Frauen blicken auf die Einheit

East Side Gallery in Berlin
epd-Bild/Ralf Zöllner

Sie kommen aus dem Osten Deutschlands, doch die DDR haben sie nicht mehr erlebt. Sie kennen sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und aus der Schule. Wie zwei junge Frauen auf die Deutsche Einheit blicken, findest du in diesen Protokollen.

privat
Kathleen Ratzar ist 28 Jahre alt. Sie lebt in Leipzig.

Kathleen: Die DDR habe ich selbst nicht mehr erlebt. Präsent ist sie in meinem Alltag nur selten. Dreieinhalb Jahre habe ich in Frankfurt gewohnt, dort spielte sie kaum eine Rolle. Präsent ist sie aber, wenn ich in meine Heimatstadt nach Neubrandenburg fahre und die großen Plattenbauten sehe.

Viele finden die Plattenbauten nicht schön, für mich gehören sie dazu, gehören sie zur DDR. Viele Menschen waren damals stolz, dass sie in diesen einst modernen Wohnungen leben durften. Diese besondere Architektur ist eine sichtbare Erinnerung an den Staat, den ich nur aus Erzählungen und Dokus kenne. Meine Eltern berichten mir manchmal, wie das Leben damals war in der DDR. Zum Beispiel nachdem ich den Film „Good Bye, Lenin!“ gesehen hatte.

Negatives Bild durch falsche Infos

Mein Vater stand der SED immer kritisch gegenüber. Er ist Lokführer. Wenn er nach Berlin gefahren ist, war er neugierig, hat gemacht, was möglich war und hat sich überall interessiert umgeschaut. Einmal, so erzählte er uns, habe er das Gefühl gehabt, jemand habe ihn verfolgt und ihm wurde mulmig. Ob das wirklich so war, wissen wir bis heute nicht. Für mich ist das unvorstellbar, dass ich nicht dorthin reisen kann, wo ich will. Oder dass Familien unfreiwillig getrennt voneinander lebten.

Ich bin froh, dass es ein gemeinsames Deutschland gibt, auch wenn ich die Teilung ja nie erlebt habe. Aber es ist schon krass, alte Geschichten zu hören, Bilder und Videos zu sehen.

Ossi-Bashing nervt

Was mich ärgert, ist „Ossi-Bashing“, das ich manchmal höre. Als aufgrund der Corona-Abstandsregeln die Menschen in Geschäften anstehen und warten mussten, habe ich öfter gehört, wie sie gesagt haben: „Das ist ja wie in der DDR hier.“ Aber das stimmt einfach nicht. Die Leute halten Abstand, es durften nicht so viele zeitgleich in die Geschäfte. Sie vermitteln durch die falschen Infos ein negatives Bild. Das ärgert mich.

Als Ossi hat mich direkt allerdings noch nie jemand Fremdes angesprochen. Steht ja auch nicht auf meiner Stirn geschrieben. Und diese Kategorien gibt es doch eigentlich kaum noch. Höchstens, was die Mentalität betrifft. Manchmal glaube ich nämlich, dass Menschen aus dem Osten Deutschlands leiser sind als die Menschen im Westen. Weniger selbstbewusst. Egal ob in der Bahn oder in einer Gaststätte, sie reden nicht so laut. Wer weiß, vielleicht ist in ihren Köpfen unbewusst noch verankert, dass jemand ungefragt mithören könnte.

Ost oder West war für mich nie ein Thema

Christin: Ich bin zwar noch vor der Wende geboren, habe die DDR aber nicht mehr bewusst erlebt. Ost und West waren für mich auch nie ein Thema. Der Partner meiner Mutter, der für mich der Vater ist, stammt aus West-Berlin. Insofern waren bei uns daheim Ost und West stets gleichermaßen präsent, seit ich fünf Jahre alt war.

Der Unterschied wurde mir erst bewusst, als ich zum Studium „in den Westen“, nach Darmstadt, gegangen bin. Da fragte mich der Vater eines Klassenkameraden: „Hast Du Dir das auch gut überlegt?“ Aber da gab es für mich nichts zu überlegen. Ich wollte einen Studienplatz, ob Ost oder West, war mir egal.

Auch für meinen (sozialen) Vater war und ist es kein Problem, in der ehemaligen DDR zu leben. Nur als ihm dort ein Alteingesessener bescheinigte, er habe sich gut angepasst, fand er das komisch. Dabei erzählt er gelegentlich scherzhaft, wie er und seine Kumpels früher von West-Berlin in den Osten gefahren sind, zum „Zonis-Gucken“. 

Die Freiheit zu reisen

Für mich ist die deutsche Einheit eine Selbstverständlichkeit, auch die Freiheit zu reisen, die meine Mutter übrigens nie vermisst hat. Ich kenne es nicht anders und mag mir auch keine Teilung vorstellen. Aber im Freiwilligen Sozialen Jahr im Altenheim haben mir die Leute von der Teilung erzählt, von getrennten Familien – das fand ich schrecklich.

Meine Mutter war ja selbst noch sehr jung, als die DDR aufhörte zu existieren. Meine Großeltern sprechen über ihr Leben dort nur sehr ungern. Vor allem meine Oma weicht Fragen nach der Vergangenheit, nach der Stasi oder allgemein der Politik aus. Das ist ein Tabu.

Christin H. ist 32 Jahre alt, kommt aus dem brandenburgischen Königs Wusterhausen und lebt in Darmstadt. Ihren vollständigen Namen und ihr Bild möchte sie nicht preisgeben.