Gesellschaft

Kleas Kunst: KI-Mitleid, Dropshipping und Fake-Handwerk entlarvt

Aaron hat in KI-Shops billige Anhänger für teures Geld gekauft
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Auf Social-Media werben Accounts mit viel Mitleid für angeblich handgemachte Produkte. Ein Scam. So funktioniert die Masche.

Vielleicht sind dir auf Social-Media auch schon einmal solche Videos begegnet: Menschen aus vulnerablen Gruppen machen auf Instagram oder TikTok Werbung für ihr vermeintliches Handwerk. Alte Menschen stricken Kuscheltiere, christlich-fundamentalistische Frauen verkaufen bemalte Marien-Ikonen, junge Frauen basteln Fantasy-Taschen. 

Das Marketing mit dem Mitleid

Diese Videos sollen vor allem eines: emotionalisieren und so zum Kauf der Produkte anregen. Das Perfide: Die Videos sind nicht echt und die Produkte sind nicht handgemacht, sondern werden für wenig Geld aus China importiert und teuer weiterverkauft.

Zum ersten Mal ist mir diese Masche im April auf TikTok begegnet. Da bin ich plötzlich über den Account „Kleas Kunst“ gestolpert.

So funktioniert die Masche

Der Account eines KI generierten Mädchens mit Downsyndrom
TikTok
„Klea“ scheint KI-generiert.

Es klingt erst einmal wie eine Herzensgeschichte. Ein junges Mädchen mit Downsyndrom soll in liebevoller Handarbeit Tassen, Schmuck und Keramik herstellen. Regelmäßig weint sie in Videos, weil ihr Shop nicht läuft und sie angeblich wegen ihrer Behinderung beleidigt wird. 

Die Videos sind KI-generiert und erzeugen so Mitleid, Nähe und Kaufbereitschaft. Hier wird kein Produkt verkauft, sondern ein emotionales Narrativ. Und das funktioniert, wenn man sich die Kommentare anschaut. Viele User*innen haben Mitleid mit Klea und wollen etwas kaufen, damit es ihr besser geht. 

Wie Emotionen unsere Entscheidungen mitbestimmen

Ich habe Konsumpsychologe Manuel Lentz gefragt, warum diese Masche so gut funktioniert. „Die Emotion Mitleid ist in dem Moment so stark, dass wir, selbst wenn uns etwas am Video komisch vorkommt, trotzdem einen Kauf tätigen.“ Der Fachbegriff dafür ist kognitive Dissonanz. 

Er ergänzt: „Auch wenn wir kleine Zweifel haben, schieben wir sie weg, weil das Gefühl gerade so stark ist, dass wir handeln und der Person helfen wollen.“

Emotionen sind automatisch und überschreiben das normale Verhalten.

Manuel Lentz

Manuel ist der Ansicht, dass auch wir in ein paar Jahren KI-generierte Videos nicht mehr beim Ansehen erkennen können. Anstatt also zu lernen, wie man Fake-Videos erkennt, bräuchten wir einen Action-Plan.

Dein Actionplan gegen Impulskäufe

So vermeidest du Impulskäufe über Social-Media: 

  • Mach eine Pause, wenn du starke Emotionen spürst, bei Beiträgen, die dich zu einem Kauf verleiten sollen.
  • Überprüfe, ob der Account und die Produkte authentisch sind.
  • Warte ab, bevor du wirklich kaufen willst. Willst du das Produkt in 7 Tagen immer noch?
  • Frag Familie oder Freund*innen, bevor du kaufst.
  • Reinige deinen Algorithmus, folge Menschen, die du kennst.

Wie schütze ich mich vor der Mitleids-Masche?

„Wenn ich merke, dass ein Video in mir starke Emotionen auslöst, mache ich erstmal einen Schritt zurück“, sagt der Psychologe. Vielleicht „einen Tag warten, bevor ich kaufe“, oder es Menschen aus dem Umfeld zeigen und sie fragen, ob ihnen etwas auffällt. Manuel Lentz ergänzt: „Ich sollte mir auch die Frage stellen: ‘Will ich so ein Produkt überhaupt kaufen, das mit meinen Emotionen spielt?'“

Was aktuell noch ein Indiz ist, ist ein Blick ins Impressum der Shops. Hier kannst du den Handelsregistereintrag prüfen und auch den Firmensitz gegenchecken. Zusätzlich lohnt sich ein Blick auf unabhängige Bewertungen oder anerkannte Gütesiegel wie Trusted Shops. Sie liefern oft weitere Hinweise darauf, ob ein Shop seriös ist.

Außerdem empfehle ich eine Rückwärts-Bildersuche der Produkte. Misstrauisch kannst du auch bei überinszenierten Herkunftsgeschichten oder einer künstlichen Verknappung der Produkte sein. 

Impressum von Kleaskunst
kleaskunst
Verkäufer nutzen falsche Impressumsangaben, wollen aber dennoch glaubhaft wirken

Betrüger erklären Unstimmigkeiten plausibel

Auch bei „Klea“ habe ich einen Blick ins Impressum geworfen. Da steht ein langer Text, angeblich von „Kleas Vater“, „Nath Smith“, der deutsch-amerikanischer Staatsbürger sei und deshalb den Shop über seine US-Firma laufen lassen würde. 

Die angegebene Firma Aurex Capital gibt es auch, aber dort arbeitet kein Nath Smith in einer Leitungsposition. Das lässt sich ganz schnell mit Google überprüfen. Außerdem sind im Impressum auch eine Telefonnummer und eine Mailadresse hinterlegt. 

Beim Anruf unter der angegebenen Nummer geht allerdings sofort die Mailbox ran. Auch unsere offizielle Presseanfrage blieb bis zur gesetzten Frist unbeantwortet

Was mir auf der Website noch auffällt, ist, dass die rechte Maustaste gesperrt ist. Ich kann nichts markieren oder kopieren. Bilder muss ich mit Screenshots speichern, Infos abtippen. Das soll vermutlich davon abhalten, die angegebenen Informationen zu prüfen. 

Konkrete Warnsignale für Fake-Shops

  • Das Impressum ist unvollständig
  • Social-Media-Videos wirken emotional, hochwertig produziert, austauschbar und künstlich
  • Produkte tauchen mit deutlich niedrigeren Preisen in anderen Shops auf
  • Firma und Adresse lassen sich nicht verifizieren
  • Rechte Maustaste blockiert, damit du keine Infos von der Seite zum Suchen kopieren kannst
Kleas Kette im Vergleich zu einer von Aliexpress
kleaskunst/aliexpress
Keines der Produkte ist handgemacht.

Ist die Mitleids-Masche strafbar?

Mit meiner Recherche über „Kleas Kunst“ habe ich mich an den hessischen Verbraucherschutz gewandt. Rechtsanwalt Peter Lassek schreibt mir, dass das Verschleiern von Billigimporten als handgefertigte Unikate eine irreführende Werbung über wesentliche Merkmale laut Paragraf 5 des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb darstellt. Verbraucher*innen werden hier also bewusst getäuscht. 

Das Problem: belangt werden die Verkäufer*innen dieser Shops nur selten. „Obwohl rechtlich ein klarer Verstoß vorliegt, scheitert die Durchsetzung oft an der Anonymität im Netz.“ 

Dabei nutzen sie oft das sogenannte Dropshipping-Prinzip. Das bedeutet: Du bestellst im Shop, aber der hat die Ware gar nicht da. Deine Bestellung wird an einen Versender weitergeleitet. Du bekommst also die Ware nur im Namen des Online-Händlers, das nennt sich auch Streckengeschäft. „Viele dieser Dropshipping-Plattformen nutzen gefälschte Impressums-Angaben, verstecken sich hinter Briefkastenfirmen im Ausland oder nutzen verschleierte Identitäten“, schreibt Lassek. 

Ich habe bei meiner Recherche sogar noch eine zweite Website gefunden, die angeblich auch von „Klea“ und ihrem „Vater Nath“ betrieben wird. Sie heißt „Kunst Anders“. Beide Websites ähneln sich sehr. Produkte, Preise und Infos variieren aber ein wenig. 

KI-Fakes sind Massenware

Auch das ist ein Problem: Die Kosten für die Verkäufer*innen sind gering. Sie brauchen eine Website und ein KI-Video-Tool. Beides gibt es für rund 30 Euro im Monat. Bei so geringen Kosten können sie mehrere Shops betreiben und mit den immergleichen Prompts andere KI-generierte Personen erstellen. Websites, Social-Media-Accounts und Videos sind in Minuten erstellt. Fliegt eine Website auf, ist sie schnell gelöscht und eine neue wird angelegt.

Der Anhänger von Klea und der von Aliexpress nebeneinander
Selina Groß
Der Anhänger von Klea und der von Aliexpress nebeneinander

Bist du schon einmal auf KI-Maschen im Internet reingefallen?

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