Aktion „Deutschland spricht“

Mein Blind-Date mit Werner - zum Streiten getroffen

privat/Canva pro

Streitest du gerne? Wahrscheinlich eher nicht. Es ist doch entspannter, wenn wir mit Menschen zusammen sind, die unsere Meinung teilen. Bei der Aktion „Deutschland spricht“ treffen Fremde aufeinander, die komplett unterschiedlich denken. indeon-Redakteurin Carina hat mitgemacht.

Er lässt mich sitzen, denke ich, als ich schon gute zehn Minuten in dem kleinen Café gegenüber der Frankfurter Paulskirche sitze. Nervös starre ich aus dem Fenster. Ich suche einen Mann, Mitte 50, wenig Haar, Brille. Mehr weiß ich nicht, außer dass er Werner (Name von der Redaktion geändert) heißt, ganz in der Nähe wohnt und sich auch bei „Deutschland spricht“ angemeldet hat.

Bei der Aktion treffen wildfremde Menschen aufeinander

Die Aktion ist eine Kooperation der „Zeit“ mit anderen Medienpartnern wie unter anderem der „F.A.Z.“. An einem Tag, zur selben Uhrzeit, treffen bundesweit Tausende fremde Menschen aufeinander, die komplett anders ticken. Dafür müssen alle sieben Fragen mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Ein eigens entwickelter Algorithmus entscheidet, welche Paare zusammenkommen. Je mehr Unterschiede, desto besser.

Wie eine Art „Tinder“, also eine Datingplattform, für Politik. Das war damals die grobe Idee, erzählt „Zeit Online“-Chefredakteur Jochen Wegner in der Paulskirche. Dort stimmen sich einige der Teilnehmer auf ihr Treffen am späten Nachmittag ein.

Aktion findet wieder statt

Dieses Jahr gibt es bereits die dritte Auflage der Aktion. Im vergangenen Jahr meldeten sich insgesamt 28 000 Leser an, berichtet Sebastian Horn, stellvertretender „Zeit Online“-Chefredakteur. Tatsächlich getroffen hätten sich 8.000 Menschen. Dieses Mal rechnen die Initiatoren mit knapp 7.000 Begegnungen.

Wie eine Art Tinder, also eine Datingplattform, für Politik.

Small-Talk vor der Diskussion

Und eine davon soll zwischen Werner und mir stattfinden, wenn er denn kommt. Da blinkt mein Handy auf. Eine E-Mail von Werner: „Stehe auf der Miquelallee, verspäte mich um 15 Minuten“. „Puh!“ Erleichtert lasse ich mich in meinem Samt-Sessel zurückfallen und nehme noch einen Schluck Tee – zur Beruhigung.

Wenig später also steht er vor mir, entschuldigt sich vielmals für seine Verspätung. Wir schütteln uns förmlich die Hand und sitzen uns nun gegenüber. Erstmal Small Talk. Wirklich viel kann ich ihm jedoch nicht entlocken. Privates erzählt er kaum. Nur, dass er inzwischen in London wohnt. Werner geht direkt zur Sache.

Der Klimawandel ist ihm egal 

Gemeinsam werfen wir einen Blick auf den Fragen-Katalog. „Sollten Flüge stärker besteuert werden?“ „Ja, natürlich muss Fliegen teurer werden“, sage ich entschlossen. Werner zuckt mit den Schultern. Er sei weder dafür noch dagegen. Es sei ihm schlichtweg egal. Zum einen, weil ihm sein Arbeitgeber seine vielen dienstlichen Flugreisen bezahlt, zum anderen weil ihm der Klimawandel ohnehin gleichgültig sei.

Moment. Wie bitte!? Kurz warte ich ab, ob Werner laut „kleiner Scherz“ sagt und herzlich lacht. Tut er aber nicht. Also frage ich, so wie ich es gelernt habe, noch einmal konkret nach: „Wie genau meinst du das?“

„Nach mir die Sintflut“

„Naja“, sagt Werner. Seine Frau und er hätten keine Kinder. Ganz bewusst hätten sich die beiden dagegen entschieden. Das würde sie viel zu sehr einschränken. Allein finanziell. Und außerdem sei er ja in 40 Jahren nicht mehr auf der Welt. Frei nach dem Motto: Nach mir die Sintflut.“Das war tatsächlich seine Wortwahl.

Da hat Werner es doch tatsächlich geschafft, mich nach nur wenigen Minuten sprachlos zu machen – und das will was heißen, wo ich doch gewöhnlich gerne mal ohne Punkt und Komma quatsche.

Während Werner sich tiefenentspannt einen Schluck Cappuccino gönnt, schaue ich ihn mit großen Augen an. Da ist es wieder, dieses Schulterzucken. Innerlich rase ich, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Möglichst lässig sage ich zunächst: „Gut, dass du so ehrlich bist.“Das finde ich wirklich beachtlich. Dann aber versuche ich, ihm klarzumachen, wie bedenklich ich seine Einstellung finde. Auf einen Nenner kommen wir nicht. Aber: Wir bleiben ruhig und sachlich.

„Deutschland spricht“ 2021

Die Veranstalter planen nach indeon-Informationen fest mit einer weiteren Ausgabe von „Deutschland spricht“ in diesem Jahr. Start soll voraussichtlich im Mai sein. Geplant sind mehrere Matching-Runden. Den Teilnehmenden werden also nicht nur einmal, sondern circa alle zwei Wochen potenzielle neue Gesprächspartner*innen vorgestellt.

Haben Frauen dieselben Chancen wie Männer?

Weiter geht es im Protokoll. Die vorab beantworteten Fragen waren die Grundlage für unser Gespräch. Neben der Klimakrise geht es um Geschlechtergerechtigkeit, den Immobilienmarkt, die Flüchtlingsfrage. Themen, die Deutschland spalten, wie die „ZEIT“-Chefriege bei der Vorab-Veranstaltung gesagt hatte.

„Haben Frauen in Deutschland dieselben Chancen wie Männer?“ „Ja“, sagt Werner wieder völlig selbstsicher. „Nein“, entgegne ich. Prima, der nächste Streitpunkt. Wenn es nach Werner geht, sind die Frauen in der Arbeitswelt nicht benachteiligt. Denn: „Frauen sind halt in ihrem Wesen zurückhaltender“, sagt er.

Ein energisches Kopfschütteln kann ich mir nicht verkneifen. Ich halte mich selbst für eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will. „Es ist doch bewiesen, dass Frauen oft weniger verdienen als Männer“, bringe ich als Argument.

Nicht für Werner. „Ja, weil Frauen weniger verhandeln“, hält er gegen und erzählt aus seinem beruflichen Alltag. Er habe viel mit jungen Kolleginnen und Kollegen zu tun. Während Männer klar kommunizierten, dass sie mehr Gehalt wollen, seien Frauen bescheidener. Am Ende einigen wir uns, dass dies auf einige sicherlich zutreffen mag, es aber auf jeden Fall Ausnahmen gibt. Bei einer Diskussion geht es ja um Kompromisse, habe ich mal gehört.

Mehr sozialer Wohnungsbau? 

Auch beim Thema Immobilienmarkt kommen Werner und ich nicht zusammen. Ich wohne in Frankfurt, zähle mich mal zur sogenannten Mittelschicht, und kann ein Lied von der Wohnungsnot-Misere singen. Die Frage „Sollte der Staat stärker in den Immobilienmarkt eingreifen?“ beantworte ich klar mit „Ja“, Werner verneint.

Es sei doch nicht Aufgabe des Staates, jedem eine Wohnung in der Stadt zu bieten, findet er. Den Sozialwohnungsbau solle man jedoch staatlich fördern, ergänzt Werner. Gut, wenigstens da sind wir uns einig.

Bei so einem Experiment mitzumachen, erfordert Mut und Gelassenheit.

„Aber das führt doch alles zur sozialen Spaltung. Spätestens dann ist der Staat gefragt in seiner Verantwortung“, sage ich. Werner überlegt, wiegt seinen Kopf unentschlossen nach rechts und links. So richtig zufrieden ist er nicht mit dem Argument.

Aber auch das lassen wir mal so stehen. Für eine ausgiebige Diskussion reichen ein paar Stunden nicht aus. Und immerhin saßen wir schon knapp zwei Stunden zusammen an diesem Mittwochabend.

Flüchtiger Abschied, aber nachhaltiges Gespräch

Am Ende machen wir noch ein Selfie, bezahlen und gehen ein Stück zusammen in Richtung U-Bahn. Dann ein rasches „hat mich gefreut“ und Tschüss. Herzlich ist anders, dennoch bin ich zufrieden. Schließlich ging es nicht darum, einen Freund fürs Leben zu finden.

Auf der Bahnfahrt nach Hause lasse ich unser Gespräch wirken: Ich denke über meine Standpunkte nach, über Punkte, in denen Werner vielleicht doch recht hat. Ich bin froh, dass ich das Experiment gewagt habe. Und auch ein bisschen stolz. So etwas auszuhalten, erfordert Mut und Gelassenheit.

Ein Wiedersehen mit Werner wird es nicht geben. Wir haben im Anschluss noch einmal kurz gemailt, die Fotos ausgetauscht und brav unseren Feedback-Bogen online ausgefüllt. So spannend die Sache auch war, ich freue mich auf den nächsten Abend mit Freunden. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber den Wunsch nach einer ernsthaften und zukunftsfähigen Klimapolitik teilen wir schon. Wir werden nämlich – so Gott will – in 40 Jahren noch auf dieser Erde sein.