Vom Leben in Ausnahmezeiten

Krieg und Krise - Erfahrungsberichte

Abstrakt anmutendes Bild Stress, wenig Energie, Überforderung
gettyimages/DrAfter123

Erst kam Corona, dann der Krieg. Wie reagieren Menschen darauf? Wir haben Frauen und Männer ganz unterschiedlichen Alters in Hessen gefragt. Die Antworten haben es in sich.

Eva Johannsen (Name von der Redaktion geändert), 89 Jahre

Corona ist kein Problem für mich, ich gehe sowieso wenig vor die Tür. Aber wenn ich die Bilder sehe aus der Ukraine, rieche ich wieder verbrannte Luft, spüre meine Wimpern, die jucken. Die beißende heiße Luft nach dem Bombenangriff in meiner Heimatstadt hat sie verkürzt, die Augenbrauen verbrannt.

Erinnerungen an Weltkrieg

Ich sehe die Frau vor mir, deren Rollstuhl auf der Straße mit flüssigem Asphalt steht und um Hilfe schreit. Es ist der zweite Weltkrieg. Sie ist verbrannt. Ich sehe meine Mutter mit einer Schatulle voller Silberschmuck – das war das Einzige, was uns geblieben war. Von da an waren wir Flüchtlinge.

Alles ist wieder da. Es ist grauenvoll.

Jahrelang träumte ich, dass Wände auf mich zu sausen, wenn ich eine Sirene hörte, wurde mir kalt. Ich wusste nicht, dass das alles im Jahr 2022 noch so präsent in mir ist. Mir fallen sogar Namen ein, die ich lange vergessen glaubte. Alles ist wieder da. Es ist grauenvoll.

Newspausen schützen vor Kriegsnachrichten

Mann mit Rotem Pulli
privat
Paul Schünke

Paul Schünke, 28 Jahre

Ich habe das Gefühl, dass sich alles in die falsche Richtung entwickelt und alles immer schlimmer wird. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht mit Freunden und Bekannten über den Krieg spreche.

Durch meine russische Freundin bekomme ich mit, wie schlecht es auch den Russinnen und Russen damit geht. Ich sorge mich um die Menschen, deren Leben gerade zerstört werden. Das eigene Leben voll zu schätzen, während Natur und Mensch so sehr leiden, ist irgendwie nicht das Gelbe vom Ei.

Vor allem die ukrainischen Flüchtlinge zeigen uns, dass wir doch gar nicht so sicher und zufrieden leben können, wie wir es bis jetzt getan haben. Alles ist möglich – das wissen wir jetzt. Ich halte es trotzdem für unwahrscheinlich, dass bald russische Panzer vor deutschen Grenzen stehen.

Wahrscheinlicher ist ein Atomkrieg und dann sind Grenzen auch egal.

Wahrscheinlicher ist ein Atomkrieg und dann sind Grenzen auch egal. Ich hoffe inständig, dass es nicht dazu kommt, aber die dunkle Wolke schwebt über uns. Damit mich das nicht so runterzieht, lege ich regelmäßig News-Pausen ein, denn pausenlos schlechte Nachrichten machen traurig und krank.

Krisen-Normalität während Corona

Mädchen in Kapuzenjacke
privat

Tessa Schultze Enden, 14 Jahre

Corona ist irgendwie normal geworden, wir haben uns daran gewöhnt. Über den Krieg sprechen wir ab und zu im Freundeskreis, aber eigentlich mehr in der Schule, zum Beispiel in Politik und Wirtschaft. In Vertretungsstunden fragen die Lehrer auch manchmal, worüber wir reden wollen, dann ist das auch Thema. In Social Media gibt es viele Bilder, die schauen wir uns an.

Nicht bewusst, wie nah der Krieg gerade ist.

Im Alltag ist uns das nicht immer bewusst, wie nah das eigentlich ist, aber wenn man sich damit beschäftigt, rückt es an einen heran. Zu Hause reden wir relativ viel darüber, auch weil mein ältester Bruder gerade Hilfsgüter an die Grenze gebracht hat und mit Flüchtlingen zurückgekommen ist. Direkt Angst habe ich nicht. Aber wir wissen alle nicht, was kommt, deswegen mache ich mir schon ein bisschen Sorgen um die Zukunft.

Vom Glück ohne einen Krieg zu leben

Älterer Mann mit Mütze
privat
Manni Ochs

Manfred Ochs, 67 Jahre

Ich wurde 1954 in einer kleinen Stadt, die vom Krieg verschont geblieben war, mitten ins Wirtschaftswunder hinein geboren. Ich habe somit das Glück, nur als solches empfinde ich es, bisher keinen lebensbedrohenden Krieg oder eine solche Krise unmittelbar in meiner Nähe erleben zu müssen.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Doch seit 2015 habe ich den Eindruck, dass sich genau das dramatisch verändert.Kriegsflüchtlinge, Pandemie, Folgen des Klimawandels. Aktuell erweist sich Aktionismus, das oft verschmähte, geschäftige scheinbar ziellose Handeln, im Moment des Organisierens und Packens von Sachspenden, der Hilfsangebote an befreundete ukrainische Menschen, der Teilnahme an Demonstrationen und Mahnwachen als das, was es ist: etwas zu tun gegen diesen wahrscheinlich wahnsinnigen russischen Präsidenten. 

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“: Erich Kästners einfache wie geniale Erkenntnis weist allen Grüblern, Küchenpsychologen, plötzlichen Wirtschaftsverstehern und Hobby-Militärs den Weg. Auch mir.

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