Angststörung

Leben mit einer Angststörung: Der Bauch sagt „mach“, der Kopf sagt „nein“

Mädchen im Superheldinnen-Kostüm streckt den Arm nach oben und macht eine Faust
gettyimages/M-Production

Wenn sie die Angst überrollt geht nichts mehr. Doch Frieda will die Angst nicht gewinnen lassen. Das zehnjährige Mädchen sucht Wege, um stärker als das lähmende Gefühl zu sein.

Große schwarze Knopfaugen, ein Fell so kuschelig, wie sich Wolken wohl anfühlen müssten: Alpakas. Frieda feiert ihren 10. Geburtstag mit einer Alpaka-Wanderung. Es war ihr Wunsch, Ihre Freundinnen sind aus dem Häuschen. Fröhlich schnattern sie um die Wette und hüpfen um die süßen Vierbeiner herum.

Nur Frieda hält sich zurück: Langsam und bedächtig tastet sich das Geburtstagkind an das Alpaka Eddy heran. Doch es kostet sie Überwindung. „Ich feiere hier, obwohl ich ein bisschen Alpaka-Schiss habe“, erzählt sie. „Alpaka-Schiss. So hat meine Therapeutin es genannt, weil es ja keine richtige Angst ist. Es ist Respekt. Aber Alpaka-Respekt hört sich doof an“, erklärt sie.

Seit Kindesbeinen an mit einer Angststörung leben

Frieda lebt seit Jahren unter einer Angststörung. Mal überkommt die Angst sie überraschend, mal weiß sie vorher, dass sie kommen wird.

Von der Angst überrollt

Hand steichelt ein Alpaka
Stefanie Bock
Vorsichtig legt Frieda die Hand auf das Fell des Alpakas.

Ihre Freundinnen wissen von ihrer Angst, keiner drängt sie, keinem Mädchen rutscht ein lockerer Spruch über die Lippen. Frieda wirkt nach außen ruhig. Sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht. Im Inneren ringt sie mit sich.

Erst hält sie nur die Leine, sorgsam darauf bedacht, dass zwischen Eddy und ihr noch eine Freundin läuft. Nach und nach rückt sie näher ran. Irgendwann streckt sie vorsichtig die Hand aus, um das flauschige Fell zu spüren. Für Frieda ein großer Schritt.

Kontakt zu Tieren, um Angst zu überwinden

Fünf Monate zuvor hatte sie bei einer Begegnung mit den Tieren die Angst überrollt. „Ganz plötzlich war sie da“, erzählt sie.

Mama hat mir gesagt, es war eine kleine Art von Panikattacke.

Damals weinte sie, zitterte am ganzen Körper. Warum, das weiß sie so genau auch nicht mehr.

Name geändert: Frieda heißt nicht Frieda

„Frieda“ ist ein junges, toughes Mädchen. Uns hat es sehr beeindruckt, wie offen sie über ihre Gefühle gesprochen hat. „Frieda“ ist entschlossen, die Angststörung eines Tages zu besiegen. Um „Frieda“ zu schützen, nennen wir sie in diesem Text nicht bei ihrem richtigen Namen. Den Namen hat sie sich übrigens selbst ausgesucht.

Lustig ist es mit der Angst nicht

Frieda lebt mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in einem kleinen Häuschen am Waldrand. Im Garten spielen zwei Kaninchen. Frieda geht in die 4. Klasse einer kleinen Grundschule. Die Schule ist so klein, dass sich die Kinder klassenübergreifend kennen.

Frieda mischt sich ein, ergreift das Wort, wenn sie irgendwo Ungerechtigkeit erlebt, wenn Mitschüler von anderen geärgert werden. Sie geht gerne in die Schule, schreibt exzellente Noten. Sie ist ein Mädchen mit einem starken Herz, das die Welt entdecken will. Voller Tatendrang und Neugierde auf das, was auf sie wartet.

Wäre da nicht ihre Angst.

  • Die Angst vor einem gefährlichen Tornado, wenn sie eine Wolke am Himmel sieht,
  • die Angst vor Spinnen,
  • die Angst, alleine morgens im Dunkeln zum Schulbus zu gehen,
  • die Angst vor den Schatten in der Nacht,
  • die Angst vor dem 3-Meter-Brett im Schwimmbad.

Lustig sei es nicht, wenn die Angst komme und verhindere, dass sie dieses oder jenes mache. „Man möchte es, aber man kann es irgendwie nicht. Weil es einfach nicht funktioniert irgendwie“, sagt Frieda. Sie wisse, dass sie es eigentlich könne, habe manches schon zehnmal gemacht, nun gehe es schlagartig nicht mehr.

Dann fühlt sich das doof an. Denn eigentlich möchte man es total, aber es geht nicht“. Wenn sie über ihre Angst spricht, sagt Frieda nie „ich“, sie sagt „man“. Es fällt ihr nicht leicht über ihre Gefühle zu sprechen. Sie tut es dennoch, will sich ihrer Angst stellen, ihr nicht klein beigeben.

Von der Angst ausgebremst

Es ist der Kopf, der ihr den Gehorsam verweigert. „Der Bauch sagt 'mach', aber mein Kopf sagt 'nein'“, sagt Frieda nachdenklich. Sie hadert mit sich und den Grenzen, die ihr ihre Angst setzt. Sie wünscht sich so sehr, dass sie sich ihrer Angst erfolgreich stellen kann, aber das funktioniert oft nicht.

Wie mit jemandem reden, der gerade Angst hat?

„Man ist völlig ausgesaugt in dem Moment. Mama hat gesagt, dass manchmal, wenn ich Angst habe, man ganz schlecht mit mir reden kann. Man einfach nicht durchdringen kann. Dann kommt man einfach nicht zu mir durch.“

So war es eine Zeit lang Nacht für Nacht. Immer wieder schreckte Frieda aus dem Schlaf hoch. Weinte, wand sich, wirkte wie in einer anderen Welt. Ein Durchdringen nicht möglich. Irgendwann wurde die Angst, abends einzuschlafen, übermächtig groß. Eines Tages ging Frieda zu ihrer Mutter und sagte:

Mama, das kann nicht so weitergehen, wir brauchen Hilfe.

Seitdem geht sie in Therapie.

Woher die Ängste kommen, weiß Frieda nicht. Nur, dass sie nicht schon immer da waren. „Die Angststörung hat sich erst entwickelt“, sagt sie und fügt an: „Wir wissen nicht, wodurch die Angst gekommen ist.“

Frieda kennt ihren Körper, ihren Kopf sehr genau. Sie weiß, was ihr nicht hilft. Sie sucht ihren eigenen Weg. „Meine Therapeutin sagt, dass man mit Klopf-Übungen auf der Haut oder im Gesicht das Gehirn umprogrammieren kann. Aber ich weiß nicht, ob das so viel gebracht hat bisher.“

Atmen gegen die Angst? „Das hilft mir nicht“

Einmal saß sie beim Abendessen mit ziemlich schlechter Laune, wie sie lächelnd erzählt. Sie habe sich irgendwann im Zimmer verkrochen. Doch plötzlich sei aus dieser Wut Angst geworden. „Ich habe Stimmen gehört. Und plötzlich hatte ich eine Panikattacke.“ Ihre Therapeutin möge das Wort nicht, sie sagt, es sei „ein bisschen Angst“, erzählt Frieda und schüttelt den Kopf.

Sie solle durchatmen, wenn sie spüre, wie die Angst sich in ihrem Körper ausbreite. „Da muss man durchatmen? Ich atme den ganzen Tag durch“, sagt Frieda voller Empörung. Atmen oder leise vor sich herzählen helfe ihr nicht. „Mein Papa und ich sind an dem Abend rausgegangen vor die Tür. Und haben die Sternbilder zusammen angeschaut. Wir haben sogar viele entdeckt“, erzählt sie und lächelt.

Wann habe ich eine Angststörung?

Wenn deine Ängste

  • deinen kompletten Alltag überschatten
  • dich ständig begleiten
  • nicht mehr kontrollierbar sind
  • verschiedene Bereiche deines Lebens dich ängstigen
  • den ganzen Tag Angst
  • auch in eigentlich ungefährlichen Situationen

Wenn deine Ängste in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung stehen, solltest du dir auf jeden Fall Hilfe holen (beispielsweise bei der Stiftung Gesundheits-Wissen).

Zeit und gute Freunde helfen ihr in den schlimmen Momenten. „Meine meisten Ängste habe ich mit Freunden in der Nähe überwunden.“ Sie nehmen sich die Zeit, „sie wissen, dass ich manchmal länger brauche“.

Eine Clique zehnjähriger Mädchen, die sich im Alltag vertragen, aber auch gerne wegen Kleinigkeiten in die Haare bekommen. Und, die sensibel und hellhörig sind, wenn eine von ihnen an ihre Grenzen stößt.

Viel Zeit hilft Frieda bei ihrer Angst

Nicht immer sind ihre Freundinnen da. Dann setzt Frieda auf den Faktor Zeit. Eine Herausforderung für ihre Familie. „Manchmal dauert es sehr lange bis etwas geht: So war es beim Impfen“, sagt Frieda.

Friedas Mutter ist Ärztin, intensiv haben sich ihre Eltern mit dem Thema Corona-Schutzimpfung für Kinder auseinandergesetzt. Schließlich entscheiden sie sich dafür. Sie reden mit ihren Töchtern, erläutern die Punkte, die dafür und die dagegen sprechen. Frieda und ihre Schwester sind einverstanden.

Alle wissen, dass es nicht mal nur ein Piks sein wird. Frieda hat Angst vor Spritzen. Sie bereitet sich gemeinsam mit ihrer Therapeutin auf die Impfung vor.

Die Superheldin vor dem inneren Auge

Frieda trägt ihren Glücksbringer oft bei sich.
Stefanie Bock
Ein Glücksbringer für brenzlige Momente.

Vier Anläufe für eine vollständige Impfung

Es dauert wenige Minuten bis ihre kleine Schwester stolz das Pflaster auf ihrem Oberarm präsentiert. Bei Frieda wird es Tage dauern, bis sie den Impfstoff erhält. „Beim ersten Mal durften sie die Spritze nicht mal auspacken, das habe ich ihnen verboten. Da war ich dann tatsächlich auch stur, weil man denen einfach nicht vertrauen kann. Also, das war mein Eindruck“, schildert sie.

„Da war ich stur“ heißt, sie ist unverrichteter Dinge wieder heimgegangen. Nach Stunden des Wartens, des gut Zuredens, aber es ging nicht. Frieda versinkt in ihrer eigenen Welt. Sie starrt auf die Spritze, prägt sich deren Aussehen ein: Sie sei schräg geschnitten, wie ein Rosenstängel, erzählt sie später.

Angst vor Nadeln bei Coronaschutzimpfung

Vier Stunden hat sie die Spritze einfach angestarrt. Zweimal hat sie es in einem Impfzentrum versucht, zweimal ist sie gescheitert. Bis eine Kollegin ihrer Mutter, Frieda in ihre Praxis einlädt, sie verspricht Frieda, dass sie sich „alle Zeit der Welt nehmen darf“. Begleitet von ihrem Vater sitzt sie Stunde um Stunde in der Praxis.

Andere Patienten kommen und gehen. Ihre Mutter wartet nervös auf Nachrichten. Die komplette Familie steht unter Strom. Es geht den Eltern nicht darum, ob sie nun gegen Covid geimpft ist oder nicht. Es geht um mehr. Siegt die Angst über sie oder siegt Frieda über ihre Angst. Die Familie leidet bei jedem Kampf Friedas mit. Am Ende hat es Frieda geschafft. Die Erleichterung ist groß. Bei allen in der Familie.

Wird sie es eines Tages schaffen, die Angst zu überwinden? „Vielleicht“, flüstert Frieda und ist kaum zu verstehen. Dann ist es still, ihr Kopf ist gesenkt. Plötzlich blickt sie hoch und sagt mit fester Stimme:

Ja, ich schaffe das!

Ihr entschlossener Blick lässt kaum Zweifel aufkommen. „Ich habe neulich was Lustiges gelesen“, erzählt sie plötzlich munter. Ein Trick gegen die Angst und er gehe so: Fest mit dem Fuß aufstampfen oder in die Hände klatschen, dann einmal um die eigene Achse drehen. Die Augen schließen und vorstellen, dass man zur Superheldin wird. „Das habe ich mal ausprobiert und es hilft tatsächlich. Es klingt zwar irgendwie lustig. Aber ich glaube, es hilft mir“, sagt Frieda voller Hoffnung.

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