Stipendium

Ich habe mich ein Jahr lang mit Demokratie beschäftigt

Mein Jahr bei der Jungen Akademie
Evangelische Akademie/Medienhaus der EKHN

Stammtischparolen nerven mich schon lange. Ich will was tun und mich politisch engagieren. Nur wie? Ich werde auf das Stipendium „Junge Akademie“ der Evangelischen Akademie Frankfurt aufmerksam, bewerbe mich und bin schließlich dabei. Hier erzähle ich dir von meinen Erfahrungen.

Politisch interessiert bin ich schon. Politisch aktiv wäre übertrieben. Bei der "Jungen Akademie" – einem Stipendienprogramm der Evangelischen Akademie Frankfurt – habe ich mich trotzdem mal beworben. Bin ich klug genug? Ich hatte so meine Zweifel. 

Gut, einen Joker hatte ich: Ich habe Theologie studiert. Immerhin ist es ja die evangelische Akademie, dachte ich. Nach wenigen Tagen kam tatsächlich die Einladung zu einem Kennenlerngespräch mit Akademie-Leiter Thorsten Latzel und Hanna-Lena Neuser, Studienleiterin und Chefin des Projekts. Dann ging alles schnell: Info-Mappe in die Hand und ein "Herzlich Willkommen"! 🥳

Referenten aus Politik und Gesellschaft

Ich freue mich. Auch wenn das bedeutet: Freizeit opfern. Aber anders kann ich eben nichts bewegen. Und das wollte ich. 

Das Programm läuft über zehn Monate. Zum Auftakt erwartet uns ein Wochenende im Martin-Niemöller-Tagungshaus in Arnoldshain. Es folgen sogenannte Denkräume. Referenten aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft sind eingeladen.

Workshops, Seminare und Co.

Dann folgt ein Workshop-Tag sowie eine mehrtägige Sommerakademie. Gegen Ende dann noch der Demokratie-Slam, bei dem die Teilnehmer ihre Projekte der Öffentlichkeit präsentieren sowie das Abschluss-Symposium Ende November.

Wir hatten viele spannende Gäste: Darunter waren der Sozialaktivist und #metwo-Initiator Ali Can, Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) und Nicole Deitelhoff, Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

Sheila (links) und Carina bei der Jungen Akademie
privat
Das ist Sheila (links). Ich habe sie im Stipendium kennen- und lieben gelernt. 🥰

Junge Leute für Politik gewinnen

2017 ging die Junge Akademie erstmals an den Start. Das Ziel: in Kleingruppen ein Projekt umsetzen, das Menschen für Demokratie begeistern soll. Einige der Akademie-Projekte laufen bis heute.

Das wünschen wir uns auch für „Green Speech“. So heißt das Projekt, das mein Team und ich gestartet haben. Die Idee: Bahnreisende mit sarkastischen Durchsagen auf klimapolitische Themen aufmerksam machen. Wir sind gerade auf der Suche nach Sponsoren.

Klar gab es auch mal Stress

Wo steckt Kirche, das Evangelische bei der Jungen Akademie, fragst du dich jetzt vielleicht. Ich kann dich beruhigen: Du musst nicht jeden Abend beten. 😜 Das einzig offensichtlich spirituelle waren die kurzen Morgen-Andachten während unserer Tagungen in Arnoldshain. Und die waren natürlich freiwillig.

Vielleicht lässt sich aber der generelle Umgang miteinander als christlich bezeichnen. Diskussionen waren auf Augenhöhe, der Umgang untereinander respektvoll. Gekracht hat es auch mal. Schließlich war „Streit!“ das Oberthema unseres Jahrgangs.

Konflikte mit Mitstreitenden

Einmal kam ich allerdings an meine Grenzen. In einer Diskussion warf mir eine Mitstipendiatin Oberflächlichkeit und stereotypes Denken vor – in einem wie ich finde unpassendem Ton und vor versammelter Mannschaft. Bis heute kann ich ihren Standpunkt nicht nachvollziehen. Obwohl ich sie anschließend um ein Vier-Augen-Gespräch bat, kamen wir nie auf einen gemeinsamen Nenner. Das war frustrierend.

Irgendwie aber auch logisch: Es treffen wildfremde, teils sehr unterschiedliche Menschen aufeinander und verbringen ganze Wochenenden miteinander. Klar, funkt es da nicht mit jedem. 

Mehr Diversität beim Bewerbungsverfahren

„Sie sind Elite“, hat Akademie-Direktor Latzel immer wieder betont. So richtig angesprochen gefühlt, habe ich mich nie. Klar, ich habe mein Abitur gemacht und studiert, arbeite als Redakteurin. Aber ich komme aus einem ganz normalen bürgerlichen Elternhaus.

Das Gefühl, mich in einer Blase zu bewegen, ließ mich bis zum Schluss nicht so ganz los. Ich hätte mir auch Gesprächspartner gewünscht, die aus einer völlig anderen Welt kommen.

Klingt klischeehaft: Aber vielleicht einen Hauptschüler aus Offenbach, der weiß, was es heißt, im Unterricht benachteiligt zu werden. Etwas mehr Vielfalt, das hätte gut getan. 

Dabei sein beim nächsten Jahrgang

Mit Blick auf den aktuellen Jahrgang hat sich da aber offensichtlich etwas geändert. Beim Durchscrollen sehe ich zumindest auf den ersten Blick mehr „Diversity“, wie es im hippen Neudeutsch so schön heißt. 

Also, wenn du mich fragst: Mach mit! Der Jahrgang 2021 steht leider schon und trifft sich erstmals am 26. Februar. Aller Vorausicht nach wird es aber 2022 wieder eine Ausschreibung geben. Bewerbungen sind in der Regel ab November möglich.