Rassistischer Anschlag von Hanau

Interview: Rechtextremer Anschlag von Hanau keine Einzeltat

Andreas Zick zum Attentat in Hanau
epd

Der Hanauer Attentäter war im extremistischen Milieu gut vernetzt. Es zeigt, wo in unserer Gesellschaft Probleme unbearbeitet sind, erklärt der Konfliktforscher Zick im Interview.

Am 19. Februar 2020 erschoss der psychisch kranke Tobias R. in Hanau neun Menschen aus Einwandererfamilien. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Der Attentäter sei aber kein Einzeltäter gewesen, sagt der Bielefelder Sozialpsychologe und Konfliktforscher Andreas Zick in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Er sei bestens im rechtsextremistischen Milieu vernetzt gewesen und habe sich dort radikalisiert. Die These vom einsamen Wolf habe die Terrorismusforschung längst hinter sich gelassen.

Das Verbrechen von Hanau: Die unvorhersehbare Tat eines psychisch kranken Einzeltäters, das Resultat einer fremdenfeindlichen rassistischen Grundstimmung in der Gesellschaft oder gar ein weiterer Mosaikstein einer längeren Entwicklung?

Andreas Zick: Der Attentäter ist bestens im Internet mit Verschwörungsgruppen, vor allem frauenfeindliche, sowie mit anderen Feindbildern vernetzt gewesen. Er hat sich Waffen beschafft und drei Monate vor der Tat eine Anzeige gestellt, die auf seinen Verschwörungsglauben hinweist.

Radikalisierung ist ein sozialer Prozess der zunehmenden Gewaltbereitschaft in extremistischen Milieus, die ihrerseits in Unterstützungsmilieus eingebunden sind.

Natürlich spielen auch individuelle psychologische Faktoren eine Rolle, wie auch die Biografie. Es handelt sich schließlich auch um eine ideologische Tat, und die Überzeugungen kommen aus der Gesellschaft, ebenso wie die Rechtfertigungen von solchen Taten, die eine große Rolle spielen. 

Wie sehr haben die neun Morde die deutsche Gesellschaft erschüttert? 

Andreas Zick: Bereits der Mord an Walter Lübcke im Juni 2019 hat die Gesellschaft schwer erschüttert, weil es das erste Attentat auf einen
Politiker nach dem Krieg war. Und dann kamen im Oktober 2019 noch der Anschlag auf die Synagoge in Halle, bei dem zwei Menschen starben, und schließlich fünf Monate später das Hanauer Attentat hinzu.

Wir haben im Anschluss erlebt, dass über Monate an die Anschläge erinnert wurde. Die Bundesregierung hat bereits im Herbst 2019 ein Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität beschlossen und zu dessen Umsetzung einen sogenannten Kabinettausschuss eingesetzt. Der Verfassungsschutz hat sich verändert, und die Rechtsprechung bei Hassreden und -taten ist verschärft worden.  

Wie weit ist die Aufarbeitung inzwischen gediehen? Was ist schiefgelaufen? Was können die Stadt Hanau, die Bürger der Stadt, das Land Hessen und der Bund zur Prävention noch tun? 

Andreas Zick: Bei solchen dramatischen und verheerenden Attentaten wie in Hanau wird deutlich, dass dort unbearbeitete Probleme erscheinen, die wir bedenken müssen. Es fehlen etwa Schutzkonzepte, Zivilcourage und grundlegende Pläne zur Prävention, Intervention und zum Konfliktmanagement

Können wir solche Gewalttaten künftig verhindern?  

Andreas Zick: Nein. Wir haben es mit vielen hoch radikalisierten Personen zu tun. Im Hellfeld reden wir allein von über 30.000 Rechtsextremen, von denen jede zweite Person gewaltbereit ist.

Wir haben es heute mit Zigtausenden radikalisierten Personen in den Verschwörungsgruppen zu tun, die ebenso hoch aggressiv und gewaltorientiert denken, fühlen und bisweilen handeln. Hinzu kommen viele Menschen, die im Internet auf geschlossenen und kaum zugänglichen Foren gemeinsam Gewaltfantasien entwickeln.

Was wir tun können, ist die universelle Prävention gegen Extremismus zu stärken, funktionierende Konzepte besser auszutauschen, Fälle genau zu analysieren, um Früherkennungen zu ermöglichen. Der Rechtsextremismus hat Nischen in unserer Gesellschaft gebildet und die Gefahr bleibt, dass sich die Nischen weiter professionell entwickeln wie auch Menschen aus der Mitte dort hineingezogen werden.