Entspannung

Im Wald die Sinne schärfen: Was macht man beim Waldbaden?

Waldbaden Füße
Klaus Kühlewind
Barfuß durch den Wald. Gar nicht so einfach, das Piksen zu ignorieren.

„Waldbaden“, das klingt merkwürdig. Mit baden verbinden die meisten Menschen Wasser. Das gibt es beim Waldbaden zwar nicht, aber eintauchen in die Natur kann man schon. Renate Haller hat es für dich ausprobiert.

Ich sitze im Wald, lehne mit dem Rücken an einer Eiche und lausche. Auf was eigentlich? „Dem Rauschen lauschen“, heißt die Übung. Aufgetragen hat sie mir Katja Lange, ihres Zeichens Leiterin für den Kurs „Waldbaden“. Sie hat eine kleine Gruppe von Erwachsenen in ein Waldstück in Bad Homburg im Taunus geführt. Dort hat sich jeder und jede einen Platz gesucht, die Sonne scheint durch das Blätterdach.

Den Baum im Rücken, die Sonne scheint durch das Blätterdach: „Dem Rauschen lauschen“ heißt die erste Übung beim Waldbaden.
Klaus Kühlewind
Den Baum im Rücken, die Sonne scheint durch das Blätterdach: „Dem Rauschen lauschen“ heißt die erste Übung beim Waldbaden.

Raus in die Natur - im Wald entspannen

Frankfurt ist nah, im Wald sind viele Menschen unterwegs. Ich höre in der Ferne Stimmen und Autos. Doch dann macht sich auch ein Vogel bemerkbar, erst einer, dann mehrere. Plötzlich höre ich es knistern und rascheln. Kleine Zweige und Eicheln fallen von den Bäumen, einzelne Blätter segeln zu Boden, wo schon unzählige andere liegen. Ich wundere mich, dass mir nichts auf den Kopf fällt. Der Baumstamm im Rücken fühlt sich gut an, stabil, ich fühle mich gehalten.

Der Klang des Glöckchens beendet die Übungen.
Klaus Kühlewind
Der Klang des Glöckchens beendet die Übungen.

Als Katja Lange ihr kleines Glöckchen bimmeln lässt, tauche ich auf aus einer wohltuenden Konzentration auf das Hören. Beim Waldbaden geht es um Entspannung, sagt die Kursleiterin, um Ruhe und Stressabbau. Sie selbst hatte vor einigen Jahren Krebs, gefolgt von einem Burnout und dem Bewusstsein, ihrem Leben eine neue Richtung geben zu müssen. Sie las vom Waldbaden und war fasziniert.

Mit einem Rezept in den Wald

Die Idee kommt aus Japan. Dort haben in den 1970er Jahren psychische Erkrankungen zugenommen, erklärt Jasmin Schlimm-Thierjung, Geschäftsführerin und Inhaberin der Deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit. Die Menschen seien gestresst und kaum noch draußen. Studien hätten gezeigt, dass es ihnen schon nach 20 Minuten in der Natur besser geht. In Japan gebe es deshalb das Waldbaden, das Shirin Yoku seit vielen Jahren auf Rezept.

Die Erkenntnis, dass der Aufenthalt zwischen den Bäumen den Menschen gut tut, ist auch in Deutschland nicht neu. Schon die Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) habe gewusst, dass die Farben des Waldes eine wohltuende Wirkung auf den Menschen haben, sagt die Pädagogin und Therapeutin Schlimm-Thierjung. Grün stehe für HeilungBraun sei ein „Seelenschmeichler“. Und auch der Theologe Sebastian Kneipp (1821 bis 1897), Erfinder der Kneipp-Medizin, habe nach seinen Kneippgängen einen Waldgang empfohlen.

Wiederbelebung der Sinne durch die Natur

Beim Waldbaden ist der Wald mehr als eine Kulisse, sagt Katja Lange: „Es geht um Achtsamkeit in und mit der Natur“, um die Wiederbelebung der Sinne, die der moderne Mensch nur zu einem geringen Prozentsatz ausschöpfe.

Mit der Lupe sind die Waldbadenden den kleinen Dingen auf der Spur.
Klaus Kühlewind
Mit der Lupe sind die Waldbadenden den kleinen Dingen auf der Spur.

Auf der Suche nach dem Kleinen

Nach der Hörübung geht es im Wald um „die Liebe zum Detail“, um das Sehen. Jeder schnappt sich eine Lupe und geht auf die Pirsch nach dem Kleinen, dem Unbemerkten, dem Überraschenden. Zuerst bewundere ich die Struktur eines Tannenzapfens, die Anordnung der einzelnen Stückchen übereinander und deren filigrane Statik.

Mein Blick fällt auf drei Eicheln, die aneinandergewachsen sind und schließlich entdecke ich die Schleimspur einer Schnecke. Die durchsichtige Masse glitzert unter den Sonnenstrahlen, beginnt unvermittelt auf einen Rindenstück und endet ebenso plötzlich etwa 20 Zentimeter weiter. Ich verstehe gar nicht, warum sie mir nicht sofort aufgefallen ist, so sehr drängt sie nun in meinen Blick.

Der Stresslevel sinkt im Wald

„Ein Problem der Menschen ist die Reizüberflutung“, sagt Jasmin Schlimm-Thierjung. Gespräche, Musik, Verkehr, Maschinen. Der Blick fällt auf stetiges Blinken und Leuchten, Bildschirme für Arbeit oder Unterhaltung sind rund um die Uhr eingeschaltet. Im Wald dagegen gibt es ein ruhiges Spiel von Licht und Schatten, der Lärm ist gedämpft oder weit weg und die ätherischen Öle der Bäume hängen in der Luft. „Die Atmung wird tiefer, der Stresslevel sinkt“, sagt Schlimm-Thierjung.

Krankenkassen erstatten Waldbaden-Gebühren

Die Akademie-Leiterin nennt messbare Gesundheitsdaten, die der achtsame Aufenthalt im Wald mit sich bringe: Blutzucker und Blutdruck sinken, Stresshormone bauen sich ab. Seit Mai 2020 sei das Waldbaden deshalb auch als „Stressbewältigung durch Achtsamkeit im Wald“ von der Zentralen Prüfstelle für Prävention zertifiziert.

Verschiedene Krankenkassen erstatteten die Kursgebühren. In der Deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit werden seit 2017 Kursleiterinnen und Kursleiter für das Waldbaden ausgebildet. Die Krankenkassen könnten zertifizierte Kurse in ganz Deutschland anbieten, sagt Schlimm-Thierjung.

Es geht um Ruhe und den Abbau von Stress.

Die Corona-Pandemie hat ihre Arbeit beeinträchtigt. Es habe Menschen gegeben, die Kurse aus Angst vor Ansteckung abgesagt oder umgebucht haben, andere seien neu dazu gekommen. „Viele Fitnessstudios orientieren sich um und suchen nach Zusatzangeboten“, erklärt Schlimm-Thierjung.

Barfuß durch den Wald

Die Gruppe auf der kleinen Waldlichtung im Taunus ist derweil beim Fühlen angekommen. Katja Lange zieht Schuhe und Strümpfe aus und läuft los. Es geht ums Schlendern, Rhythmus und die leichte Bewegung im eigenen Tempo, um den Kontakt zum Boden. Die meisten tun es Lange nach. Wir folgen ihr, wie die jungen Gänseküken ihrer Mutter.

Moos löst die verkrampften Füße

Die Kursleiterin läuft langsam, scheint piksende Äste, kleine Steinchen oder harte Eicheln nicht zu spüren. Ich dagegen bin verkrampft, mir tun die Pikser weh, mein Gang ist eher eierig, denn schlendernd. Dennoch folge ich, erklimme auch den vor mir liegenden Stamm. Er ist durchgängig mit Moos bewachsen.

Der Baum und ich: Auch einen Baum zu umarmen, kann Teil des Waldbadens sein.
Klaus Kühlewind
Der Baum und ich: Auch einen Baum zu umarmen, kann Teil des Waldbadens sein.

Sofort löst sich verkrampfte Fußmuskulatur. Der Stamm ist wider Erwarten weich, fast flauschig. Viel zu schnell bin ich am Ende, steige runter und wappne mich gegen erneute Schmerzen. Es kneift und sticht, aber es ist leichter auszuhalten. Vor mir entdecke ich einen flachen größeren Stein, ich laufe darüber und freue mich: Die glatte Fläche ist ein Fühlerlebnis der besonderen Art, kühl und schmeichelnd.

Die letzte Übung des Nachmittags heißt „Waldsolo“. Wir suchen uns wieder einen Baum, setzen uns daran und tun – nichts. Wieder höre ich es knacken und rascheln, Stimmen auf einem Weg, der in nicht allzuweiter Entfernung an unserm Platz vorbeiführt. Ich mache es mir bequem, richte mich ein an meinem Baum, tauche ein in die besondere Atmosphäre des Waldes. Es ist ein windstiller Tag, dennoch kann ich es jetzt hören: das Rauschen der Baumwipfel über mir.