Gesellschaft

Finnland und Russland: Warum die Kriegsangst nicht neu ist

Zu sehen ist eine alte Steinbrücke, die über einen Fluss führt. Drum herum sind Nadelbäume zu sehen.
Jenni Kempcke
Eine Steinbrücke in Savonranta, in Ostfinnland, etwa 50 Kilometer entfernt von der Grenze zu Russland. Obwohl die Brücke über 120 Jahre alt ist, wird sie noch immer genutzt.

Sirenen testen, Schutzanlagen kontrollieren, Zuständigkeiten klären: Jenni beschreibt eine Vorbereitung in Finnland, die sie nicht als Panik erlebt.

Wenn Jenni Kempcke über ihre Heimat spricht, erzählt sie von einem Verhältnis zu Russland, das historisch geprägt ist.

Die Kriege Finnlands gegen die Sowjetunion seien in ihrer Familie und ihrem Umfeld bis heute präsent. Die Angst vor Russland sei deshalb keine Neue, die erst mit dem Angriff auf die Ukraine entstanden sei. „Wir haben viele Jahre seit unseren Kriegen mit der Sowjetunion in kleiner Angst gelebt“, sagt Jenni.

Zu sehen ist die Vikarin und Finnin Jenni Kempcke. Sie steht vor einem Gebäude. Es handelt sich um eine Selfieaufnahme. Jenni Kempcke hat blonde Haare und trägt eine Brille. Sie trägt eine schwarze Bluse und eine schwarze Jacke darüber, welche leicht geöffnet ist.
Jenni Kempcke

Heute lebt Jenni in Deutschland. Nach ihrem Theologiestudium will sie Pfarrerin werden und macht deswegen die Ausbildung. Dieses Vikariat absolviert sie in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Aufgewachsen ist sie allerdings in Ostfinnland – nicht weit von der Grenze zu Russland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich Finnland militärisch bewusst zurück und setzte auf ein möglichst stabiles Verhältnis zur Sowjetunion. 

Die Grenze zu Russland ist ein wichtiger Teil des Lebens

Joel Linnainmäki ist Forschungsstipendiat im Sicherheitsforschungsprogramm Finnland und Nordeuropa am Finnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (FIIA) und beschäftigt sich mit der Sicherheitslage in der Region. Aufgewachsen ist er ebenfalls im Osten Finnlands. 

Vor dem Krieg hätten russische Touristen und Geschäftsleute die lokale Wirtschaft geprägt, berichtet Joel. In manchen Orten konnten Kinder russischsprachige Schulen besuchen. Auf den Straßen standen russische Schilder neben finnischen und schwedischen. Und wer auf der finnischen Seite wohnte, fuhr zum Einkaufen schon einmal über die Grenze, um günstiger Benzin oder Zigaretten zu kaufen.

Nähe und Misstrauen gehörten dabei zusammen. Denn neben den wirtschaftlichen und persönlichen Verbindungen blieben auch die Erinnerungen an die Kriege mit Russland bestehen. In Joels Heimatstadt gibt es bis heute alte Befestigungsanlagen. Als Kinder hätten sie darin gespielt. Ein Bunker-Museum erinnert daran, dass die Anlagen einst für den Fall errichtet worden seien, dass die Sowjets bis nach Joensuu vordringen würden.

Der kritische Blick auf die NATO

Auch wenn Finnland politisch Wert auf gute Beziehungen zu seinem großen Nachbarn gelegt habe, sei das Misstrauen in ihrem Umfeld immer vorhanden gewesen, erzählt Jenni.

Diese besondere Beziehung prägte aus ihrer Sicht auch den Umgang mit der NATO. Finnland war lange kein Mitglied des Bündnisses. Gleichzeitig arbeitete das Land bereits seit 1994 im Rahmen der „Partnership for Peace“ mit der NATO zusammen. Das Programm ermöglicht Nicht-Mitgliedsstaaten eine individuelle politische und militärische Zusammenarbeit mit dem Bündnis.

Auch in ihrer Familie und ihrem Freundeskreis sei ein NATO-Beitritt lange umstritten gewesen. Ein Grund dafür sei die Sorge gewesen, Russland zu provozieren. Gleichzeitig hätten Menschen befürchtet, finnische Soldaten könnten durch eine NATO-Mitgliedschaft in internationale Konflikte geschickt werden.

 

Wir wollten Russland nicht verärgern

Dann ändert sich die Stimmung

Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, verändert sich in Jennis Umfeld der Blick auf die eigene Sicherheit. Und auch in der finnischen Bevölkerung ändert sich die Einstellung. In einer Umfrage sprechen sich im April 2022 68 Prozent der Befragten für einen NATO-Beitritt aus. Finnland beantragt im Mai 2022 die NATO-Mitgliedschaft und tritt am 4. April 2023 als 31. Mitglied dem Bündnis bei. 

Bei jüngeren Menschen nehme sie heute eine größere Offenheit gegenüber Militär und Wehrdienst wahr, sagt Jenni. Die Frage, was im Falle eines russischen Angriffs auf Finnland passieren würde, sei stärker in den Mittelpunkt gerückt.

Für Joel markiert der NATO-Beitritt ebenfalls einen Wandel: „Finnland hat lange eine nationale Mentalität gehabt“, erklärt er. Man habe sich daran gewöhnt, im Zweifel auf sich allein gestellt zu sein. Mit dem Beitritt zum Bündnis verändere sich diese Perspektive hin zu einer gemeinsamen Verantwortung für Verteidigung und Sicherheit.

Wie bereiten sich die Finnen auf den Ernstfall vor?

Nach Angaben der finnischen Streitkräfte bestehe derzeit keine unmittelbare Gefahr eines militärischen Angriffs auf Finnland, betont Joel. 

Jenni beschreibt die Vorbereitung auf mögliche Krisen nicht als Panik. Vielmehr gehe es um das Gefühl, im Ernstfall handeln zu können: „Leute können Angst haben, aber sie sind auch bereit.“

Gemeinden überprüfen ihre Zivilschutzpläne, kontrollieren Schutzanlagen und klären Zuständigkeiten für den Krisenfall. Auch die öffentlichen Notfallsirenen werden regelmäßig getestet. Wie man darauf reagiert, weiß auch Jenni.

Wir haben schon als Kind gelernt, was man machen muss, wenn Sirenen diesen Ton machen.

„Die Finnen sind sicherheitsbewusst und pragmatisch“, sagt Joel.

Wie viel Sicherheit brauchen wir?

Finnland setzt auf Vorsorge, Wehrdienst und die Zusammenarbeit mit der NATO. Doch was bedeutet Sicherheit für dich persönlich? Und was sollte der Staat dafür tun? Schreib uns deine Meinung auf:

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Auch Jennis Familie hat sich vorbereitet. Nach Beginn des Ukraine-Krieges habe ihre Mutter kleine Koffer gepackt. Sie habe damit gerechnet, möglicherweise fliehen zu müssen.

Jennis Bruder engagiert sich in der Reserve. Seine Partnerin arbeitet bei den finnischen Verteidigungskräften und bietet unter anderem Ausbildungscamps für Frauen an.

Vorbereitet statt verängstigt

Für Jenni liegt darin ein Unterschied zu dem, was sie heute in Deutschland wahrnimmt. Hier erlebe sie mehr Angst. In Finnland dagegen verbinde sich Angst ihrer Wahrnehmung nach stärker mit Vorbereitung: Was passiert, wenn tatsächlich etwas geschieht? Und was kann man dann tun?

Jenni betont selbst, dass sie nur aus ihrer persönlichen Erfahrung sprechen kann. Ihre Eindrücke beziehen sich vor allem auf Ostfinnland, ihre Familie und ihr eigenes Umfeld. Wie die finnische Bevölkerung insgesamt über Militär, NATO oder einen möglichen Krieg denkt, könne sie nicht beurteilen.