Politisch engagiert

Als Christ bei der Antifa - geht das?

Demonstration gegen einen Aufzug von Neonazis 2017 in Berlin
epdbild/ChristianDitsch

Kann man Christ und Antifaschist gleichzeitig sein? Ja, sagt der Theologiestudent Zacharias Neserke. Für ihn besteht da ein eindeutiger Zusammenhang.

Bei der Antifa sein und gleichzeitig Christ? Für den Theologiestudenten Zacharias Neserke ist das kein Widerspruch. „Ich bin nicht Antifaschist obwohl, sondern gerade weil ich Christ bin. Für mich ist das ein zwingender Zusammenhang“, sagt der 22-Jährige. Schon in seiner Jugend haben ihn gesellschaftspolitische Fragen beschäftigt.

„Da war die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 und die Zeit, in der Menschen gegen Geflüchtete gehetzt haben. Mich hat die Frage umgetrieben: ‚Warum wollen Menschen anderen Menschen nicht helfen, denen es schlechter geht als einem selbst?‘ Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass das nicht richtig ist.“

Gemeinsam auf Demonstrationen gegen rechts

Zacharias Neserke auf einer Demonstration in Frankfurt
privat
Zacharias Neserke auf einer Demonstration in Frankfurt

Zacharias fing daraufhin an, sich politisch zu engagieren. Zu Schulzeiten hatte er sich einer antifaschistischen Gruppe angeschlossen. Gemeinsam haben sie an Demonstrationen gegen rechts teilgenommen, Wahlplakate aufgehängt, Sticker und Flyer verteilt. „Das war damals nicht so einfach, denn einige dieser Leute waren ziemlich antikirchlich gestimmt. ‚Und für die willst du dann mal arbeiten?‘ haben sie gefragt.“ Kompromisse haben sie – zumindest in den religiösen Fragen – kaum finden können. Doch im Vordergrund standen ohnehin die politischen Themen.

Eintreten für Minderheiten und Mitmenschlichkeit

Zacharias Neserke mit Schild "Bass statt Hass"
privat
Auf dem Schild steht „Bass statt Hass“

„Die Antifa, das ist ja kein organisierter Verbund, der irgendwelche krawallmachenden oder Molotov-Cocktail-werfenden Leute in sich versammelt. Antifa ist für mich in erster Linie eine Einstellung: Sie bedeutet, sich gegen jegliche Unterdrückung zu äußern und für Minderheiten und Mitmenschlichkeit einzustehen.“

Die Teilnahme an Demonstrationen ist Zacharias daher wichtig, etwa zu „Black lifes matter“, Kundgebungen am Weltfrauentag, bei #wirsindmehr 2018 in Chemnitz oder Gegendemonstrationen bei diversen AfD-Wahlkampfveranstaltungen. „Mir geht es darum, rechten und antidemokratischen Thesen und Gedanken ganz im Sinne der wehrhaften Demokratie zu widersprechen, entgegenzutreten und zu verhindern, dass rechte Thesen salonfähig werden.“

Warum lässt Gott das Leid zu?

Unter anderem auch die Frage nach der Theodizee, also warum Gott das Leid in der Welt zulässt, hat Zacharias für sein Theologiestudium motiviert. Dazu gehören für ihn auch Themen wie Ausbeutung, soziale Ungleichheit und die ungerechte Verteilung von Gütern.

Wie unsolidarisch sich Menschen gegenüber anderen Menschen verhalten können, zeigt für ihn etwa der Netflix-Film „Der Schacht“ aus dem Jahr 2019. „Der Film zeigt auf eindrucksvolle Weise die Missgunst der Privilegierten gegenüber den Unprivilegierten auf. Außerdem das Dulden der Umstände und die Ohnmacht der Benachteiligten, vor allem in dem Punkt, dass sie einer Besserung der Situation durch ihre Ohnmacht häufig selbst im Weg stehen.“

Politischer Auftrag an die Kirchen

Eine Antwort, die Zacharias zur Theodizee für sich gefunden hat lautet: Sich engagieren, Dinge selbst in die Hand nehmen und anders machen. „Antifaschist und damit Links-sein bedeuten für mich das Streben nach sozialer Gerechtigkeit“, erklärt er. Gerade privilegierte Menschen und Staaten wie in Europa sieht er damit in der Verantwortung – und sieht darin auch einen Auftrag der Kirchen.

„Ich finde es richtig und wichtig, dass sich Kirche zum Beispiel in der Seenotrettung engagiert. Mein Eindruck ist sogar, dass sie da noch viel mehr tun sollte.“ Politik und Kirche, für Zacharias gehören sie zusammen. „Politik muss meines Erachtens nicht kirchlich, aber Kirche dafür unbedingt politisch sein.“ Dies bezieht er auch auf das Thema Kirchenasyl. „In der Asylpolitik tut der Staat zu wenig. Gleichzeitig haben wir einen Leerstand an kirchlichen Räumen und damit den Platz dafür, schutzbedürftige Menschen auch aufzunehmen.“

Politik muss nicht kirchlich, aber Kirche dafür unbedingt politisch sein.

Zacharias Neserke

Vor Gott sind alle Menschen gleich

Einen Unterschied, zumindest zu Teilen der Linken, gibt es für Zacharias dann doch. „Die Marxisten sagen, dass wir die Welt aus eigener Kraft perfekt machen können. Ich bin für politisches Handeln, gleichzeitig glaube ich aber, dass wir Menschen für das Himmelreich auf Erden Gottes Hilfe brauchen.“

Für Zacharias steht der Gedanke im Vordergrund, dass es zwischen einzelnen Menschen keinen Unterschied gibt, egal wer jemand ist, was jemand glaubt oder woher jemand kommt. „Vor Gott sind wir am Ende auch alle gleich. Und das verstehe nicht nur als eine Vertröstung auf das Jenseits, sondern dass es unsere Aufgabe ist, das bereits im Diesseits anzustreben und zu leben.

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