Glaube

Drei Projekte, die Nachbarschaft neu beleben

Pfarrer Ingo Lüderitz beißt in eine saftige Pizza
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Gegen Einsamkeit und soziale Distanz: Diese drei kirchlichen Projekte schaffen Orte für Gespräche, Austausch und Zusammenhalt im Alltag.

Kirche wird besonders relevant, wenn sie dort auftaucht, wo das Leben stattfindet: auf dem Spielplatz, dem Marktplatz oder am Imbiss-Stand. 

Wie entstehen Orte, an denen Menschen ins Gespräch kommen?

Viele Menschen wünschen sich mehr Gemeinschaft im Alltag. Gleichzeitig fehlen oft Orte, an denen Begegnungen ganz selbstverständlich entstehen. Einige Kirchengemeinden versuchen deshalb, genau solche Räume zu schaffen – niedrigschwellig, offen und mitten im öffentlichen Leben.

Wir stellen dir heute drei Formate vor, bei denen sich Kirche im Alltag integriert hat:  

  • das Coffee Bike in Mainz Lerchenberg 

  • die Pizza-Connection in Diez

  • die Kneipe Zum Bären in Erbach

Das unsichtbare Drittel

Der Begriff „unsichtbares Drittel“ stammt aus der Studie „Die andere deutsche Teilung“ der Initiative More in Common aus dem Jahr 2019. Er beschreibt 30 % der Bevölkerung, die sich von der Politik nicht gesehen fühlen und gesellschaftlich wenig eingebunden sind. Dazu gehören beispielsweise Menschen mit Migrationsgeschichte und von Armut Betroffene.

Begegnungen außerhalb der Kirche schaffen

Wenn Kirche nur dort sichtbar ist, wo ohnehin schon kirchliches Leben stattfindet, erreicht sie vor allem Menschen, die bereits in der Gemeinde engagiert sind

Das Problem: Der Alltag vieler Menschen spielt sich an anderen Orten ab. 

Familien treffen sich auf Spielplätzen, Nachbar*innen begegnen sich auf Stadtfesten und dem Marktplatz. Kirche steht damit vor einer ähnlichen Herausforderung wie die Demokratie mit dem „unsichtbaren Drittel“. Wie erreicht man Menschen, die sich bislang nicht angesprochen fühlen?

Die Antwort: Niedrigschwellige Angebote, spontane Gespräche und sichtbare Präsenz im öffentlichen Raum können soziale Bindungen stärken und Teilhabe fördern. Vertrauen entsteht oft dort, wo Menschen sich begegnen.

Triff Eltern auf dem Spielplatz: Das Coffee-Bike in Mainz-Lerchenberg

Zwei Frauen stehen an einem großen Lastenfahrrad, auf dem eine Kaffeemaschine steht
Teresa Kammerlander
Das Coffee-Bike kommt auf Spielplätze in Mainz-Lerchenberg

Das Coffee-Bike ist ein mobiles Begegnungsangebot für Familien. Die Idee hatte Pfarrer Christoph Kiworr aus der Maria-Magdalena-Gemeinde in Drais-Lerchenberg. 

Das Konzept: Während Kinder spielen, entsteht am Coffee-Bike bei einer Tasse Kaffee Raum für Austausch, Beratung und eine kleine Pause im Familienalltag. 

Familienbegleiterin Kerstin Pensel fährt mit ihrer Kollegin Simone Jaensch regelmäßig auf Spielplätze in Mainz-Lerchenberg. Der Kaffee ist kostenlos.

So entsteht ein Ort, an dem Eltern Fragen stellen können, die sie vielleicht schon länger beschäftigen. Manchmal seien das kleine Alltagsthemen, manchmal größere Unsicherheiten, erzählt Kerstin Pensel. Ein gutes Gespräch könne dann entlasten.

Termine des Coffee-Bikes

Das Coffee-Bike der Maria-Magdalena-Gemeinde ist jeden Montag auf den Spielplätzen in Mainz-Lerchenberg unterwegs

Bei schlechtem Wetter und an Feiertagen fällt der Termin aus, im Winter gibt es heiße Waffeln.

Coffee-Bike ermöglicht Pause für Eltern im Familienalltag 

Tasche packen, Wechselkleidung dabeihaben, Streit schlichten, an Termine denken: Der Alltag mit Kindern kann stressig sein

Kurz ausruhen, durchatmen und einen Kaffee trinken ist da gar nicht so einfach. Das erzählen auch die Eltern, die das Kaffee- und Gesprächsangebot wahrnehmen. 

Eine Mutter erzählt, wie hilfreich es war, eine konkrete Frage zur Kita zu besprechen: Sollten ihre Zwillinge in einer Gruppe bleiben oder getrennt werden? Solche Entscheidungen sind emotional und komplex. 

Im Gespräch mit den Familienbegleiterinnen erhielt sie neue Perspektiven und praktische Denkanstöße. Nicht als fertige Lösung, sondern als ehrliche Unterstützung bei einer schwierigen Entscheidung.

Bringt Menschen auf dem Marktplatz zusammen: Die Pizza-Connection in Diez

Pfarrer Ingo Lüderitz backt Pizza
Aaron Kniese

„Wenn die Menschen mich fragen, was ich an Diez gerne mag, erzähle ich ihnen als erstes vom Donnerstagstreff“, schwärmt Pfarrer Ingo Lüderitz. Er spricht vom sommerlichen Treffen auf dem Marktplatz in seiner Gemeinde. 

Ingo backt leidenschaftlich gerne Pizza und hat deshalb mit einigen Ehrenamtlichen zusammen die Pizza-Connection gegründet. Gemeinsam backen sie beim Donnerstagstreff Pizza. 

Dafür haben sie sich extra einen Anhänger gebaut, auf dem drei Pizzaöfen montiert sind. Den Teig für die Pizzen macht Ingo zwei Tage vor den Treffen selbst. Donnerstags muss die Pizza nur ausgezogen, belegt und gebacken werden. Nur drei Minuten braucht sie im heißen Ofen, dann ist sie fertig. 

Donnerstagstreff in Diez

  • Rhythmus: alle zwei Wochen donnerstags, vom 7. Mai bis zum 10. September

  • Beginn: 18 Uhr

  • Ort: Marktplatz Diez

  • Besonderheit: viele Stände, der Pizzastand der Kirche ist einer davon

Essen als Anlass für Begegnung

Alle zwei Wochen im Sommer treffen sich viele Diezer auf dem Marktplatz, um sich auszutauschen, Wein zu trinken und eine Pizza zu essen. Neben dem Pizzastand der Kirchengemeinde gibt es Weinstände, einen Stand für Wurst und einen Spirituosenstand. Alles von Diezer Unternehmer*innen und Ehrenamtlichen. 

So wird aus dem großen Platz im Zentrum der Stadt ein sozialer Raum. 

Der Donnerstagstreff ist seit mehreren Jahren eine feste Instanz in der Kleinstadt. Für Ingo Lüderitz ist es wichtig, dass Kirche hier dabei ist. 

Kirche muss bei den Menschen sein. 

Neben dem Pizzabacken unterhält Ingo sich viel. Auch die Ehrenamtlichen am Stand haben viel Spaß

Bernd Holzhäuser backt gerne Pizza. „Ich will hier auch etwas Sinnvolles zur Gesellschaft beitragen“, sagt er, während er eine Pizza im Ofen dreht und einen Schluck Wein trinkt. 

Pizza essen für den guten Zweck

„Bei uns ist jedes Eck für einen guten Zweck“, erklärt er. Ein Stück Pizza kostet 3 Euro. Die Einnahmen unterstützen je nach Termin die eigene Gemeinde, die Segelfreizeit der Konfis oder andere wohltätige Organisationen wie die DLRG oder sie Telefonseelsorge. 

„Das ist doch viel besser als ein Infostand“, meint Pfarrer Ingo. 

Pizzabacken ist Teamwork

Nicht nur vor dem Stand wird genetzwerkt, sondern auch dahinter, denn Pizza backen ist Teamarbeit. Pizza ausrollen, belegen, in den Ofen schieben, schneiden, abkassieren: Jede*r kann etwas besonders gut und nicht alle müssten alles können, erklärt Ingo Lüderitz. 

Eine Gruppe Menschen steht um einen Tisch und unterhält sich
Aaron Kniese
Ingo unterhält sich auf dem Donnerstagstreff

Öffnet die Tür für alle: Das Gasthaus „Zum Bären“ in Erbach

Das Gasthaus „Zum Bären“ in Erbach besteht seit etwa 1550 und war über Jahrhunderte ein Ort der Begegnung in der Stadt im Odenwald. 

Im Herbst 2025 wurde das Gasthaus von der evangelischen Kirchengemeinde gekauft, um wieder Raum für Gespräche, Feiern und Gemeinschaft zu schaffen. 

Pfarrer Philipp Raekow berichtet auf evangelisch.de, dass die Gemeinde das Gasthaus seit 2010 gepachtet hatte. Darin hat sie ein Kirchencafé und andere gemeinschaftliche und soziale Angebote zu veranstaltet. 2023 lief dann der Pachtvertrag aus und die Tür des Gasthauses blieb geschlossen. 

2025 entschloss sich die Gemeinde dazu, ihr großes Gemeindehaus zu verkaufen und stattdessen das Gasthaus zu übernehmen

Am Charakter der Kneipe will der Pfarrer wenig ändern: Küche, Zapfanlage und Theke blieben erhalten. 

Vom 4. bis 8. Mai 2026 feierte das Haus seine Wiedereröffnung.

Das erklärte Ziel: „Ein Treffpunkt für alle. Für Konzerte, Lesungen, Themenabende. Für Menschen, die einfach reinkommen, weil die Tür offen ist.“

Zusammenhalt durch Alltagsnähe stärken

Gemeinschaft entsteht selten durch große Kampagnen. Häufig beginnt sie mit kleinen Begegnungen: bei einem Kaffee auf dem Spielplatz, einer Pizza auf dem Marktplatz oder einem Gespräch am Tresen.

Die drei Projekte zeigen, wie Orte entstehen können, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen – unabhängig davon, ob sie regelmäßig eine Kirche besuchen oder nicht.

Sie schaffen Räume für Austausch, Unterstützung und Beteiligung. Genau dort, wo das Leben stattfindet. Dort kann Gemeinschaft wachsen. Dort entsteht oft auch das Gefühl, dazuzugehören.

Braucht es mehr solche Orte der Begegnung?

Coffee-Bike, Pizza-Stand oder Dorfkneipe: Welches Konzept überzeugt dich am meisten – und warum? Diskutiere mit uns auf Social-Media:

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