Glaube

Reisen trotz Krise: Wie gehe ich mit meinen Schuldgefühlen um?

Ein nachdenklicher junger Mann sitzt bei Sonnenaufgang am Meer
gettyimages/Diy13

Kriege, Armut, Klima: Darf ich trotz all des Leids in dieser Welt Urlaub machen? Das ist möglich, sagt Pfarrer Martin Vorländer.

Darf ich meinen Urlaub und meine Freizeit genießen, obwohl auf der Welt so viel Leid passiert? Diese Frage stellen sich viele Menschen. Während in den Nachrichten von Kriegen, Flucht und Hitzerekorden die Rede ist, planen andere ihren Urlaub, Party am Wochenende oder freuen sich auf freie Tage. 

Verunsichert dich dieser Kontrast? Vielleicht hast du sogar Schuldgefühle? Denn einerseits willst du dich erholen, andererseits meldet sich dein schlechtes Gewissen

Die gute Nachricht ist: Lebensfreude und Mitgefühl schließen sich nicht aus. Denn ich finde: Bei all dem Leid ist alles Schöne umso kostbarer. Du darfst deinen Urlaub, die Feier oder das Leben genießen. Und du darfst gleichzeitig an Menschen denken, denen es gerade nicht gut geht.

Urlaub genießen trotz Krisen: Ist das okay?

Pfarrer Martin Vorländer
Christoph Boeckheler

Ja. Denn Mitgefühl bedeutet nicht, dass du dir jede Freude verbieten musst. Im Gegenteil: Wer das Schöne im Leben bewusst wahrnimmt, erlebt oft auch stärker, wie verletzlich und kostbar dieses Leben ist. 

Mir geht das schon seit einer Weile so, beispielsweise beim Krieg. Wenn Menschen um ihr Leben fürchten und aus ihrer Heimat flüchten. Das führt uns schrecklich vor Augen: Alles, was mein Leben ausmacht, kann von einem Tag auf den anderen weg sein. Nichts ist selbstverständlich.

Umso mehr bin ich dankbar für alles Schöne, für jeden guten Tag, den ich erlebe. Ich versuche, das wertzuschätzen und gleichzeitig mitzufühlen mit den Menschen, die Not leiden. Deswegen bete ich auch für die Menschen, die in Not sind.

Wie kann ich glücklich sein, wenn andere leiden?

Genau in dieser Spannung leben viele Menschen. Die Krisen dieser Welt führen schmerzhaft vor Augen, wie zerbrechlich das Leben ist. Nichts ist selbstverständlich - kein Zuhause, keine Sicherheit, kein Frieden.

Gerade deshalb kann Dankbarkeit eine ehrliche Antwort sein: für einen guten Tag, für Schutz, für Erholung, für Menschen an unserer Seite. Diese Dankbarkeit macht nicht gleichgültig. Sie kann uns sogar sensibler für das Leid anderer machen.

Lebe intensiv!

In der Bibel steht der Satz: „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“ (Römer 12,15). Ich übersetze das so: Lebe intensiv! Nimm Anteil an der Freude und am Leid anderer!

Das Schöne und das Schreckliche liegen oft ganz nahe beieinander. Das kann einen manchmal innerlich zerreißen. Aber es macht achtsam für das, wofür ich dankbar sein kann.

Weint mit den Weinenden! Das tun viele zurzeit und noch mehr: Sie machen, was sie können, um zu helfen. Viele unterstützen da, wo es den Betroffenen wirklich hilft. Und noch viel mehr spenden für Menschen in Not. Das braucht es auch. Das ist tatkräftiges Mitgefühl.

Aber auch: Freut euch mit den Fröhlichen!

Also dankbar genießen, wer gerade frei hat und eine schöne Zeit erlebt! Auf das Leben anstoßen, gerade weil es bedroht ist und deshalb kostbar!

Wie ein guter Umgang mit diesem Gefühl aussehen kann

Wenn dich die Krisen dieser Welt nicht loslassen, kann das helfen:

  • Nimm deine Gefühle ernst. Schuld, Trauer oder Ohnmacht sind verständliche Reaktionen.
  • Erlaube dir trotzdem Erholung. Pausen sind kein Verrat, sondern notwendig.
  • Zeige Mitgefühl konkret. Spenden, Beten, Helfen oder bewusstes Informieren können ein sinnvoller Ausdruck von Solidarität sein.
  • Sprich mit jemandem, wenn dich die Gedanken stark belasten. Wenn Schuldgefühle, Ohnmacht oder Sorgen zu groß werden, kann es helfen, mit einer vertrauten Person zu reden oder anonym mit der Telefonseelsorge: 0800 1110111 oder 0800 1110222
  • Übe Dankbarkeit. Schöne Momente bewusst wahrzunehmen, ist keine Ignoranz, sondern eine Form der Wertschätzung.

Urlaub genießen trotz Krisen heißt nicht, die Welt auszublenden. Es heißt, das Gute nicht geringzuschätzen - gerade weil es nicht selbstverständlich ist.

Deine Erfahrungen sind gefragt

Wie gehst du mit diesem Spannungsfeld um? Kannst du deine freie Zeit genießen, obwohl dich die Nachrichten belasten? Teile deine Gedanken gern in unseren Social-Media-Kanälen:

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