Kircheneintritt

Konvertieren statt austreten: in die evangelische Kirche

Wir sind die evangelische Kirche eingetreten
privat

Aus der Kirche austreten? Nein, zur evangelischen Kirche konvertieren. Wir haben mit 3 Menschen gesprochen, warum sie ihren Glauben neu definiert haben.

Die Kirche wird im familiären Umfeld immer unwichtiger. Das sagt eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die am 9. März 2022 erschienen ist. Demnach sei die fehlende Sozialisation mit dem Christentum insbesondere im Kindesalter einer der Hauptgründe dafür, warum Religiösität später auch im Alltag als immer irrelevanter eingestuft wird.

Oder einfach ausgedrückt: Da Religion in der Familie keine wichtige Rolle gespielt hat, ist der Kirchenaustritt für viele Menschen einer der ersten Maßnahmen, um Geld zu sparen. Circa 70 Prozent der Menschen geben die Kirchensteuerentlastung als Hauptgrund ihres Austrittes an.

Viele Austritte aus der Kirche, wenige Eintritte

Zahlen aus Hessen-Nassau

Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hatte im Dezember 2021 circa 1,4 Millionen Mitglieder. Das sind drei Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl an verstorbenen Mitgliedern sowie an Kirchenaustreter:innen beläuft sich hier jeweils auf 24.000 Menschen.

Auch die Anzahl an Taufen geht zurück. Während vor der Corona-Pandemie jährlich über 10.000 Taufen in der EKHN stattfanden, waren es im vergangenen Jahr nur noch 8.600. 

Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau plant deswegen schon seit vielen Jahren Gegenmaßnahmen. Neben dem Reformprozess „ekhn2030“ setzt die Landeskirche noch mehr auf Mitgliederorientierung sowie auf junge Veranstaltungen wie den Jugendkirchentag, der in dieser Form deutschlandweit einmalig ist.

Die Evangelische Kirche in Deutschland zählte im Dezember 2021 circa 20 Millionen Mitglieder. Insgesamt sind das aber 2,5 Prozent weniger Menschen als im Vorjahr. Zum Einen liege das an den erhöhten Sterbefällen im Corona-Jahr (ca. 360.000), zum Anderen an der hohen Zahl an Kirchenaustritten (ca. 280.000). 

Waren im Jahr 2001 noch 64,40 Prozent der deutschen Bevölkerung christlich, waren es 2020 nur noch 54 Prozent.

Gründe aus der Kirche auszutreten

Warum Menschen aus der Kirche austreten, hat verschiedene Gründe. Dabei geht es den Austretenden nicht immer darum, Geld zu sparen. Auch kirchliche Skandale wie sexualisierte Gewalt an Kindern sind einer der Hauptgründe zum Austritt aus der Kirche. Das zeigt sich insbesondere bei Menschen, die vorher in der katholischen Kirche Mitglied waren.

Weitere wichtige Gründe sind laut Studie:

  • Fehlende Glaubwürdigkeit,
  • keine persönliche Bindung zur Kirche,
  • Verschwendung finanzieller Mittel,
  • aber auch persönliche Gründe wie Enttäuschungen in der eigenen Kirchengemeinde oder
  • konträre politische Meinungen und Sichtweisen.

Insgesamt lässt sich auch sagen, dass Kirchenaustritte ein längerer Prozess sind. Die wenigsten Menschen entschieden sich spontan dazu, ihrer Mitgliedschaft den Rücken zu kehren.

Kirchenaustritte aus der EKHN und aus den christlichen Kirchen in Deutschland
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Gegen den Trend Kirchenaustritt: In die Kirche eintreten

Da frage ich mich: Gibt es überhaupt noch Menschen, die in die Kirche eintreten? Ja, die gibt es. Sie haben alle ganz unterschiedliche Lebensgeschichten und ich habe mit dreien von ihnen gesprochen 🔽. 

Von der Muslima zur Christin konvertiert

Zahra Famarini
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Zahra Famarini kommt aus Homberg. Sie ist 2017 aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Die junge Frau war Muslima, doch konvertierte 2018 zum Christentum.

Ihre Ankunft in Deutschland beschreibt sie als hart und schwierig: „Als ich hierher kam war ich ganz allein und habe mich ganz einsam gefühlt. Ich konnte kaum Deutsch sprechen.“

Taufe als neuer Lebensanfang in der evangelischen Kirche

Zahra Famarini war auf der Suche nach einem ruhigen Ort, an dem sie Zuflucht finden konnte. Sie wurde fündig, in der Kirche ihrer Stadt. Damals ist sie jeden Sonntag in den Gottesdienst gegangen, obwohl sie kaum verstanden hat, worüber gesprochen wird. Zahra sagt, dass sie „einen sehr guten Kontakt zum Pfarrer hat“. So kam es im Jahr 2018 zu ihrer Taufe und damit zu ihrem Eintritt in die evangelische Kirche. Ihre Taufe bezeichnet sie selbst als „neuen Lebensanfang“.

Anerkennung für Iranerin als Kirchenvorsteherin

Die Iranerin erzählt, dass sie von den Menschen gut in die Gemeinde aufgenommen wurde. Sie hat mit ihnen „eine Verbindung aufgebaut“ und fühlt sich wohl in der Kirche. Ihr gefällt es dort so gut, dass sie sich bei der letzten Kirchenvorstandswahl hat aufstellen lassen – und wurde gewählt. Sie erzählt, wie stolz sie über diese Anerkennung ist: „Ich habe angefangen zu weinen, ich konnte nicht anders, es war mir eine sehr große Freude.“

Das Christentum hat für Zahra etwas ganz Bedeutendes: „Man muss immer einen hellen Weg für sich finden. Auf diesem Weg muss ein Licht sein, sodass man nicht verloren geht. Und dieser Weg ist für mich das Christentum.“

Konvertiert: Evangelisch statt katholisch

Martin Reichard
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Martin Reichard kommt aus Berstadt. Er war lange Zeit Mitglied in der katholischen Kirche. Er entschied sich 2017 dafür, zu konvertieren und trat in die evangelische Kirche ein.

Ich war katholisch und rund um die Kommunion, da habe ich auch viel gebetet und war voll drin“, erzählt Martin Reichard. Doch das habe sich mit der Zeit für ihn geändert.

„Meine besten Freunde waren der Kirche und Gott sehr abgewandt und das hat dann bei mir auch abgefärbt. Ich konnte nicht mehr verstehen, wie ein intelligenter Mensch überhaupt gläubig sein kann.“

Religion wählen - Frage nach dem Glauben auch im Buddhismus suchen 

Dennoch ließ ihn die Frage nach dem Glauben nicht los: Er blieb Mitglied in der katholischen Kirche, doch las viele Bücher über andere Religionen, vor allem über den Buddhismus. Er überlegte, ob er Buddhist werden könne.

Aber Martin Reichard realisierte, dass „die Kirche mit ihrer ganzen Infrastruktur schon da ist und man nicht erst nach Frankfurt fahren muss, um in einen Tempel zu gehen“.

So entschloss er sich 2017 dazu, aus der katholischen Kirche auszutreten, um in die evangelische Kirche eintreten zu können. Vor dem Kircheneintritt hatte Martin Reichard ein ausführliches Gespräch mit der evangelischen Pfarrerin. Das zeigte ihm, dass „Kirche eine Lebenshilfe sein kann, auch für mich“.

Zwischen den Konfessionen des christlichen Glaubens

Für ihn sei es das erste Mal seit langer Zeit gewesen, dass er sich „mit Kirche identifizieren“ konnte. In dieser Gemeindschaft merkte er, dass Kirche „gut zu meinem Leben passen würde“.

Den Eintritt in die evangelische Kirche bereut er nicht: „Jetzt bin ich sogar im Kirchenvorstand und das ist für mich so ein wichtiger Bestandteil, ein ausführender Teil von einer Gemeinschaft zu sein und anderen helfen zu können“.

Von katholisch zu evangelisch: Die Taufe der Tochter als Anlass zum Kircheneintritt

Katrin Diem
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Katrin Diem hat eine Tochter und einen Sohn und kommt aus Guntersblum. Sie war  zunächst katholisch und konvertierte 2018.

Ein Grund dafür ist, dass sie in der katholischen Kirche „mit deren Strukturen nicht mehr gut zu Recht gekommen“ ist. Nach ihrem Austritt 2015 blieb sie drei Jahre der Kirche fern.

Familiäre Bindung hält Gläubige in Kirche

Bevor sie sich für die evangelische Kirche entschied, starb ihre „streng katholische Oma“. Diese war „auch immer so ein bisschen der Grund, warum ich mich ein bisschen davor gescheut habe, in die evangelische Kirche einzutreten“.

Kinder sollen evangelisch aufwachsen

Hinzu kommt, dass Katrin in diesem Jahr ihre Tochter taufen lassen wollte. Und zwar evangelisch. „Das war dann der entscheidende Grund, zu konvertieren und in die evangelische Kirche einzutreten“.

Katrin gefällt besonders, dass ihre Tochter „in der evangelischen Kirche mit 14 Jahren vor der Konfirmation selbst entscheiden kann, ob sie dem Glauben zustimmt oder eben nicht“.

Gründe für den Austritt aus der katholischen Kirche

Sie hat die katholische Kirche hinter sich gelassen. Sie stören unter anderem „die katholischen Regeln. Auch die Missbräuche und die Strukturen sind mir sehr übel aufgestoßen.“ Bei den Protestanten fühlt sie sich wohl: „Ich war bei einigen Taufen, Hochzeiten und einer Konfirmation und das hat mich viel mehr angesprochen.“

Katrin Diem ist der Überzeugung, dass die evangelische Kirche ihrer Familie „einen Glauben, einen festen Halt und eine Richtung“ angibt. Für sie war der Eintritt in die Kirche „der richtige Schritt“. Im September 2021 wurde auch ihr Sohn getauft.

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