Erfahrungsbericht Konversion

Henriette Crüwell: Warum ich evangelisch geworden bin

Henriette Crüwell vor der Offenbacher Friedenskirche
Dominique Itzel;wikimedia/Karsten Ratzke

Die neue Pröpstin für Rheinhessen und das Nassauer Land über ihre Konversion, das Priestertum aller Gläubigen und was Ökumene für sie bedeutet.

Zuerst war sie katholisch, dann eine der ersten Priesterinnen in der alt-katholischen Kirche, später evangelische Pfarrerin. Zum 1. September wird Henriette Crüwell, aktuell noch Pfarrerin der Offenbacher Friedenskirchengemeinde, die neue Pröpstin für Rheinhessen und das Nassauer Land. Eine ungewöhnliche und coole Laufbahn!

Die Freude der Nonnen war ansteckend

Pfarrerin Henriette Crüwell
Farideh Diehl

Angefangen hat alles mit einem Osterfest in Rom, da war Henriette Crüwell 14 Jahre alt. Zu ihrer Firmung schenkte ihr Vater ihr diese Reise, inklusive Karten für die Ostergottesdienste. „Wir hatten unsere Plätze mitten in einer Gruppe junger, angehender Nonnen, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt. Die waren so fröhlich und haben so eine Freude ausgestrahlt, dass ich da saß und mir dachte: Das will ich auch!“, erzählt die heutige Pfarrerin.

Bis zu diesem Zeitpunkt, sagt  Crüwell, habe sie mit der Kirche überhaupt nicht viel zu tun gehabt. Sie wurde Ministrantin, dann Oberministrantin. Aber Nonne? Henriette Crüwell wurde klar: Für ein Leben hinter Klostermauern sei sie nicht gemacht. Sie wollte lieber Pfarrerin werden.

Schade, dass du kein Junge bist!

Diesen Satz habe sie häufig gehört, wenn sie davon erzählt habe.

Keine Priesterin in der katholischen Kirche

Doch  davon ließ sich die gebürtige Offenbacherin nicht unterkriegen. Sie schrieb Briefe an den Papst und den Ortsbischof – und erhielt auch Antwort vom Nuntius – der päpstlichen Vertretung in Deutschland.

„Der Papst hat mir seinen Segen geschickt und erklärt, dass Frauen nicht Priesterin werden können, weil Jesus nur Männer berufen hat. Außerdem riet er, mir in dieser Angelegenheit einen geeigneten Beichtvater aufzusuchen“, erzählt sie.

Das hat Henriette Crüwell nicht gemacht. Sie absolvierte erfolgreich ein Jurastudium, arbeitete am Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik in Frankfurt und als Rechtsberaterin in der arbeitsrechtlichen Kommission des deutschen Caritasverbandes.

Doch die Theologie hat sie nicht losgelassen. Als sie mit ihrem dritten Kind in  Erziehungsurlaub war, begann sie doch noch ein Studium in katholischer Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen„vom ersten Tag an mit großer Begeisterung“, wie sie erzählt.

Durch ihre Kinder kam sie zur altkatholischen Kirche

Die Frage, was sie damit machen sollte, blieb weiterhin. „Die Sakramente spenden und predigen – alles was spannend war, das durfte ich als Frau nicht“, erzählt sie. 

Zur altkatholischen Kirche sei Crüwell durch ihre Kinder gekommen – sie war auf der Suche nach einem passenden Kindergottesdienst. Im Familiengottesdienst der altkatholischen Gemeinde haben sich ihre Kinder willkommen gefühlt.

„Als meine Tochter am Gründonnerstag im Gottesdienst mit ihren sieben Jahren eine eigene Fürbitte formulierte, dachte ich: Das ist eine super Sache hier!

Doch die Mutter Kirche verlassen? Das konnte sich Henriette Crüwell nicht vorstellen. Viele Jahre hat es gedauert, in der sie viele Gespräche geführt hat. Schließlich ermutigte sie der altkatholische Bischof für ein Vikariat in seiner Kirche, in der Frauen seit 1996 auch Priesterin werden können. „Damit hatte ich jemanden gefunden, der mir meine innere Berufung bestätigt hat“, erzählt sie.

Stichwort: Altkatholische Kirche

Die altkatholische Kirche hat sich in Folge des ersten vatikanischen Konzils im Jahr 1870 von der katholischen Kirche abgespalten. Grund war das dort beschlossene Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes, welches die Altkatholiken ablehnten.

Die altkatholische Kirche erkennt den Papst damit nicht als ihr Kirchenoberhaupt an. Weitere Kennzeichen der altkatholischen Kirche sind die demokratische Verfasstheit, die Erlaubnis, dass Priester heiraten dürfen und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt.

Eine der ersten Priesterinnen in der altkatholischen Kirche

Auch die synodalen Strukturen in der altkatholischen Kirche mochte Henriette Crüwell. „Der Begriff altkatholisch ist etwas irritierend, denn an vielen Stellen ist sie moderner als die katholische Kirche.“ Etwa durch ihre demokratische Verfasstheit oder dass Priester heiraten dürfen.

Und dann stand sie tatsächlich als eine der ersten altkatholischen Priesterinnen vor dem Altar und hat die Messe gefeiert. Für einige katholische Gottesdienstbesucher sei das anfangs fremd gewesen, eine „Bildstörung, dass da auf einmal eine Frau steht“, wie Crüwell sagt.

„Auf einer Tagung mit lauter katholischen Theologinnen, die teilweise über Jahrzehnte für die Frauenordination gestritten haben, habe ich während einer Lichtvesper in völlig schockierte Gesichter geschaut“, erzählt sie.

Eine der Besucherinnen habe hinterher zu ihr gesagt, die Situation sei so irritierend gewesen, sie habe sich erst einmal sortieren müssen.

Kein Unterschied zwischen Klerus und Laien

Alt-katholischer Gottesdienst mit den Erzbischöfen Rowan Williams, Joris Vercammen und Diakonin Henriette Crüwell in Freiburg 2006
epd-bild / Albert Schmidt
Alt-katholischer Gottesdienst mit den Erzbischöfen Rowan Williams, Joris Vercammen und Diakonin Henriette Crüwell in Freiburg 2006

Einige Jahre lang war Henriette Crüwell Priesterin in Bonn. Doch sie merkte, dass ihr Kirchenverständnis ein anderes war, als das der altkatholischen Kirche. „Die Unterscheidung zwischen Klerus und Laien, das fand ich zunehmend verstörend. So habe ich mich auch als Amtsträgerin nie erlebt“,  sagt sie.

Katholisch & evangelisch: Die eigenen Werte finden

Die Pfarrperson sei in ihrem Verständnis niemand, der „ausgesondert der Gemeinde gegenübersteht“, sondern Teil der Gemeinde wie jeder und jede andere auch.

Wieder folgten eine ganze  Reihe von Gesprächen mit den verschiedensten Leuten, vom „evangelischen Pfarrer, der mit Weihrauch um den Altar schreitet“ bis hin zur reformierten Pfarrperson. Bei diesen Gesprächen habe sie jedes Mal gemerkt:

Ich bin vom Kopf her und wie ich theologisch ticke so evangelisch!

Für sie sei es die Freiheit gewesen, nach der sie auf der Suche war. 2013 wechselte sie dann in die evangelische Kirche.  

Die eigene Konfession finden

Konfessionen, das habe Henriette Crüwell gemerkt, seien nicht „kriegsentscheidend“. Auch wenn sie das über Jahrhunderte gewesen seien. „Konfessionen sind heute Wege, den Glauben an den Jesus und den Gott Israels zu leben. Und jeder muss seinen Ort finden, um diesen Glauben leben und bezeugen zu können.“

Der katholischen Kirche, sagt Henriette Crüwell, habe sie viel zu verdanken. Etwa das sie gelernt habe, zu glauben oder „einen großen Reichtum an spirituellem Leben.“

Konvertiert: Von katholisch zu evangelisch

Den Schritt der Konversion sei sie auch in der Verantwortung gegangen, zu zeigen, dass es den Glauben nicht schwächt, wenn Frauen und Männer in der Kirche gleichberechtigt werden, sondern ihn entfaltet und reicher macht.

Stichwort: Propst / Pröpstin

Das Kirchengebiet der EKHN ist in fünf Propsteien (= Verwaltungsbezirke) aufgeteilt, denen jeweils ein Propst oder eine Pröpstin vorsteht. Sie sind etwa zuständig für die Amtseinführung von Pfarrer:innen oder oder die Besetzung von Pfarrstellen

Ökumene: Die Kirche muss im Dorf bleiben

Und das gelte auch für die Ökumene. Ohnehin verliere die Kirche Mitglieder, unabhängig davon ob evangelisch oder katholisch. Die Frage: Wie kann die Kirche im Dorf bleiben? Spiele auch mit Blick auf ihr neues Amt als Pröpstin für Rheinhessen und das Nassauer Land, in das die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sie gewählt hat, eine Rolle.

Ich wünsche mir, dass wir Ökumene mit einer größeren Gelassenheit und Offenheit angehen.

Henriette Crüwell

Konkret könne das bedeuten, sich etwa auf dem Dorf, aber auch in der Stadt gegenseitig zu vertreten, gemeinsame Gemeindebüros einzurichten und sich einander gegenseitig willkommen zu heißen und füreinander verantwortlich zu fühlen. Dabei stehe der Gedanke im Vordergrund, sich als eine christliche Kirche zu verstehen.

„Wir können das Bestehende nicht festhalten, indem wir uns daran klammern. Stattdessen gewinnen wir, wenn wir teilen, uns öffnen und uns verschenken“, ist die neue Pröpstin überzeugt.

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