Bleibe ich Kirchenmitglied?

Das Imageproblem der Evangelischen Kirche: Kirchenaustreter*innen berichten

Collage Kirchenaustreter
Fabienne Lichtenberger/Tamara Jung-König/pixabay

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kirchensteuern, hohe Unzufriedenheit, andere Glaubensauffassungen. Unsere Reporterin Fabienne hat zwei ehemalige Kirchenmitglieder getroffen. Sie erzählen nicht nur, warum sie ausgetreten sind, sondern was die Kirche verändern sollte.

„Ich bin aus der Kirche ausgetreten.“ Die wenigsten Menschen sprechen darüber, warum sie kein Kirchenmitglied mehr sein möchten. Das sei „Privatsache“, sagen die meisten. Doch Raphael Jung  spricht über seine Entscheidung.

Er ist 29 Jahre alt, Bibliothekar und 2017 aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Er sei gläubig, doch dafür bräuchte er keine Kirche: „Ich habe gemerkt, dass ich sie immer als Institution empfunden habe, die einen einschränkt! Ich brauche sie nicht um zu glauben, weil der Glaube ist für mich frei.“

Raphael Jung
Fabienne Lichtenberger

„Kirche lässt keinen Raum für eigene Fragen“

Raphael Jung sagt von sich, dass er der Philosophie zugeneigt ist. Diese Dialektik vermisse er in der Kirche: „Die kommt mit Antworten um die Ecke und mir fehlt die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen.“ Besonders im traditionellen Gottesdienst habe er das so empfunden: „Ich höre immer nur Gebete darüber, dass Gottes Wege unergründlich sind und dass Gottes Wille geschehe. Aber warum das so ist und ob das so stimmt, war nie relevant.“

Klare Haltung nicht deutlich genug

Er wirft der Evangelischen Kirche fehlende Haltung zu politischen Themen vor. Als Beispiel nennt er den Rechtsruck in Deutschland. „Klar hat es Bestrebungen, nette Worte und Appelle gegeben, aber mir fehlte das wirkliche Durchgreifen und richtige Aktivwerden von seitens der Kirche.“

Beispiel Fluchtbewegung 2015

Ralf Bräuer
Tamara Jung-König

Unklare Haltung zu aktuellen Themen? Das kann Ralf Bräuer nicht nachvollziehen. Er ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Regionalverband der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach und betont das politische Engagement im Frankfurter Römerbergbündnis: „Wir haben zur Hessenwahl unter anderem dazu aufgerufen, keine rechtsgerichtete Parteien zu wählen und zu überlegen, welchen Parteien hilfsbedürftige Menschen am Herzen liegen." 

Beispielsweise bei der Fluchtbewegung im Jahr 2015 habe die Evangelische Kirche zu den Ersten gezählt, die Großunterkünfte als Träger übernommen hätten. Das sei noch immer so und „wir äußern uns auch immer wieder gesellschaftskritisch“, ergänzt Ralf Bräuer. 

Uns ist es wichtig für Menschen einzutreten, die Hilfe brauchen!

Ralf Bräuer

Fakten zum Kirchenaustritt in Deutschland

2019 hat kirchenaustritt.de eine Umfrage zu den Gründen von Kirchenaustritten mit 63.986 Teilnehmern gemacht. Die Gründe waren für 41 Prozent die Kirchensteuer, rund 39 Prozent waren unzufrieden mit der Institution Kirche und 15 Prozent glauben nicht mehr an Gott. 

Dieses Engagement begrüßt Raphael Jung. Aber es gebe zu wenig Informationen rund um das Thema. Ihn beschäftige vor allem die christlichen Grundwerte und ihre Auslegung. Lisa aus Frankfurt (Name von der Redaktion geändert) , geht es da ein bisschen anders. Sie hat schon oft über die Kirchensteuer nachgedacht: „Ich könnte es auch einem Projekt spenden, bei dem ich ganz genau weiß, wohin das Geld fließt, und was mich interessiert .“

„Ich entspreche nicht dem typischen Frauenbild“

Lisa ist im Sommer 2020 ausgetreten. Sie konnte für sich keine Berührungspunkte mit der Kirche entdecken. „Vielleicht falle ich aus dem Rahmen so, wie ich lebe und wie sich mein Leben entwickelt hat.“ Sie ist 37 Jahre alt, nicht verheiratet und hat keine Kinder. „Das sind für mich die Punkte, die ich irgendwie mit der Kirche verbinde: Dass die Frau heiratet, Kinder bekommt, sie taufen lässt und zum Konfirmationsunterricht schickt. Das trifft nicht auf mich zu.“

Sowohl Raphael, als auch Lisa glauben immer noch an Gott. Aber wie einfach der Kirchenaustritt war, hat beide schockiert. „Ich dachte immer, man meldet sich beim örtlichen Pfarramt, vereinbart einen Termin mit dem Pfarrer und spricht darüber, warum man austreten will“, sagt Raphael Jung. Der Gang ins Einwohnermeldeamt hat ihn sehr geärgert: „Das hat mich so maßgeblich bestärkt, aus der Kirche auszutreten.“ Lisa. ergänzt: „Ich wusste zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht, warum ich mich zur Kirche nicht mehr hingezogen fühle.“ Der Vorwurf der beiden ist klar: 

Die Evangelische Kirche macht sich  gar nicht die Mühe, die Leute in der Institution zu halten! 

Ralf Bräuer kann den Vorwurf gut nachvollziehen: „Ich kenne nur wenige Kirchengemeinden, die auf die (ehemaligen) Mitglieder zugehen. Auch wenn es nur darum geht, zu erfahren, warum sie aus der Kirche austreten.“ Auch der Kirchenmann ist sich sicher: „Es täte uns gut, wenn wir mehr darüber nachdenken würden, was wir für die Kirchenmitglieder tun können.“

Kirche der Zukunft

Welchen Weg will die Kirche in Zukunft einschlagen? Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau beschreibt diesen Diskurs mit dem Schlagwort #ekhn2030. 

Hier gibt es alle Ideen, die die EKHN hat

Obwohl die beiden aus der Kirche ausgetreten sind, sind sie mit ihr noch lange nicht fertig. Lisa ringt immer noch mit sich, ob sie nicht doch wieder eintreten will. Sie wünscht sich, dass die Kirche durch klare Statements und Aktionen auch über traditionelle Familienbilder hinweg Menschen anspricht : „Sie könnten in den Gemeinden mehr generationsübergreifende Anlässe schaffen, wo Menschen sich treffen und miteinander Zeit verbringen können. Das wäre sehr toll!“

Raphael Jung wünscht sich einen zeitgemäßeren Umgang mit dem Glauben und den gesellschaftlichen Werten an sich: „ Es wäre gut, wenn die Evangelische Kirche mehr Bezug auf die Ängste und Wünsche der aktuellen Generation nimmt.“ Als Beispiel nennt er den Klimaschutz. Er fordert eine „Manipulation im positiven Sinne“. Das bedeute „Klimaschutz als christlichen Wert in Gebete und Psalmen zu verpacken und Mitgliedern zu verdeutlichen, dass es den Klimawandel gibt und sie deshalb Mutter Erde beschützen sollten.“