Weihnachten

Ist Weihnachten noch zu retten?

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Heiligabend geht es doch eigentlich in die Kirche. Und zwar für gefühlt jeden: Das beschert uns Jahr für Jahr ein äußerst lauschiges Plätzchen mit wenig Bewegungsmöglichkeiten in der dicht gefüllten Kirchenbank. Dicht gefüllt? Moment mal: Wie geht das in Zeiten von Corona?

epd-Bild / Ralf Zoellner
So kennen wir den Heiligabend: Menschen dicht an dich. Doch wie geht das in Corona-Zeiten?

Mein jährlicher Weihnachtsabend: Kaum sind die Geschenke verpackt, geht die Suche nach den Flügeln für das Engelskostüm los. Und wo ist der Stab für das Hirtenkostüm? Sobald alles da ist, düsen wir schnell in Richtung Kirche: Unsere Mission: einen Platz im Heiligabendgottesdienst sichern. Wenn möglich nicht auf einem wegen Überfüllung zusätzlich aufgestellten Stuhl im Gang. So feiern und lieben wir Jahr für Jahr den 24. Dezember. Und 2020?

„Dieses Jahr ist nichts, wie es war“, sagt Sabine Bäuerle, Leiterin des Zentrums Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Corona hat auch das Weihnachtsfest fest im Griff: Allein in Hessen und Nassau strömen an Heiligabend normalerweise mehr als 300.000 Menschen in die Gottesdienste. An Weihnachten 2020 ist dies aufgrund der Ansteckungsgefahr unmöglich.

Kein zweites Ostern

Doch fest steht, ein Bild wie an Ostern soll es nicht geben: Im April wurden die Kirchen sprichwörtlich von der Corona-Pandemie überrollt. In den Gotteshäusern blieben die Lichter aus, die Türen verriegelt. „Ostern waren alle in einer Schockstarre und es herrschte eine große Unsicherheit, jetzt sind wir vorbereitet“, zeigt sich Bäuerle optimistisch.

Doch was ist angesichts von Abstands- und Hygieneregeln möglich? Uwe Hausy, ebenfalls vom Zentrum Verkündigung, stellt mehrere Modelle für Gottesdienste am 24. Dezember vor:

  • einen Weihnachtszug: Pfarrer*in und Team gehen zu den Menschen, die am geöffneten Fenster, auf dem Balkon oder im Garten stehen.
  • die Gemeinde zieht durch den Ortzweit: Gottesdienstbesucher laufen auf einer festgelegten Route durch den Ort. An mehreren festlich geschmückten Plätzen findet ein Gottesdienstteil statt.
  • eine Art Drive-in-Gottesdienst: Besucher werden in kleinen Gruppen nacheinander in die Kirche geführt, wo für jede Gruppe eine kurze Andacht stattfindet.
  • einen digitalen Gottesdienst: Entweder vorpoduzierte Andachten oder beispielsweise Christmetten über Videoplattformen, wie zum Beispiel Zoom. „Dann können die Menschen ihre Kirche von innen sehen und müssen nicht ganz auf die gewohnten Bilder verzichten“, so Hausy. Auch Bäuerle rät dazu, Kirche auch bei Open-Air-Andachten miteinzubinden. „Der Heiligabend ist ein emotional aufgeladener Tag, der viel mit Vertrautem zu tun hat“, so Bäuerle.
Stefanie Bock
Krippenspiel Dankeskirche Haitz Fotograg Wolfgang Runkel fotografiert die Könige Sarah (von links), Jonathan und Nora.

Skeptisch ist Experte Hausy, was Krippenspiele angeht. Proben mit 20 oder mehr Kindern, Hirten, die dicht an dicht auf der Bühne stehen, schwer vorstellbar in Corona-Zeiten. „In diesem Jahr sehe ich die Kinder eher als Zuschauer und die Erwachsenen als Darsteller“, so Hausy.

Wegen Corona kommen die Kinder einzeln zu den Proben

Kinder als Darsteller, aber mit großem Abstand haben sich die Ehrenamtlichen in der Dankeskirchengemeinde Haitz-Höchst einfallen lassen. Sie haben die Kinder einzeln zum Fotoshooting eingeladen. „Du musst dein rechtes Bein ein wenig mehr anwinkeln. Und denk daran, deinen Fuß möglichst gerade zu halten.“ Laut hallen die Anweisungen von Fotograf Wolfgang Runkel durch den Raum. Er steht oben auf der Empore der Dankeskirche. Unter ihm im Mittelgang der Kirche liegt ein achtjähriger Junge auf einem riesigen Bettlaken. An den Seiten stehen zwei große Scheinwerfer.

Levi hat in seiner rechten Hand einen Holzstock und auf dem Kopf einen Hut. An seiner Seite Eva Runkel. Die Ehrenamtliche hilft Levi, die richtige Position zu finden. Er soll einen Hirten darstellen, der gerade einen Engel gesehen hat. Dann drückt der Fotograf auf den Auslöser der Kamera. Nach Levi sind noch 26 Kinder dran. Maria, Josef, Engel und Könige. Anschließend schneiden die Teamer die Figuren aus, kleben sie neu auf und verzieren die Bilder mit Accessoires. Stroh und Holz für die Krippe, weiße Federn für die Engel. Die Bilderstory soll an Heiligabend über Facebook und die Gemeindehomepage verbreitet werden. Ein Krippenspiel in der Kirche entfällt.

In diesem Jahr gibt es keinen Plan B.

Sabine Bäuerle

Videodreh mitten in Darmstadt

Nicht so in der Darmstädter Stadtkirche: Kantor Christian Roß dreht mit rund 80 Kindern ein Krippenspiel-Musical. Die Szenen werden vorab in der Innenstadt gedreht, anschließend mit Musikaufnahmen unterlegt und an Heiligabend mehrmals hintereinander in der Kirche gezeigt. „Normalerweise würden 1.000 Leute in die Kirche kommen, aktuell sind 250 zulässig, also machen wir mehrere kleinere Gottesdienste.“

Was denkst du?

Laut einer Umfrage der Wochenzeitung Die Tagespost würden zwei Drittel der Deutschen den Weihnachtsgottesdienst nicht vermissen. Wie ist es bei dir? Ist für dich der Heiligabend ohne Gottesdienst okay? Schreib mir eine Mail an s.bock(at)ev-medienhaus.de. Ich bin gespannt auf deine Meinung.

Doch fest steht auch: dieses Weihnachtsfest wird für die Kirchengemeinde arbeitsaufwendiger. „Sie werden einen Haufen Leute brauchen“, sagt Experte Hausy. Sein Tipp: Holt die Vereine mit ins Boot. „Wenn ein Gottesdienst im Ort geplant ist, warum nicht den Musikverein, den Karnevalsverein ansprechen. Sie können sich doch alle gerade schlecht treffen und haben vielleicht Lust mitzumachen“, so der Referent für Spiel und Theater.

Nur eine Schwierigkeit gibt es in diesem Jahr. Bislang konnten die Gemeinden bei Open-Air-Veranstaltungen sich stets rückversichern und bei Regenwetter doch in der Kirche oder dem Gemeindehaus feiern. „In diesem Jahr gibt es keinen Plan B“, gibt Bäuerle zu bedenken.