Horror-Serie bei Netflix

„Midnight Mass“: Der Horror in der Bibel

Die neue Netflix-Horror-Serie „Midnight Mass“ spielt auf einer kleinen Insel. Im Fokus: Die christliche Gemeinde. „Sehr stark“, urteilt auch der Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, Medienpfarrer Christian Engels.

Crockett Island ist eine Insel mitten im Nirgendwo. Die meisten Bewohner:innen sind schon lange gegangen, der Rest hält sich mit Krabbenzucht gerade so über Wasser. Es ist eine sterbende Insel, möchte man glauben.

Aber wie es der Zufall (oder ist es doch Bestimmung?) so will, stranden am selben Tag gleich zwei Menschen auf der Insel, die frischen Wind nach Crockett Island bringen. Und einige Fragen aufwerfen…

Zwei neue Gesichter auf Crockett Island

Father Paul Hill kommt als Pastor in die christliche Inselgemeinde, um den alten Pfarrer John Michael Pruitt zu vertreten. Dieser musste - wie aus dem Nichts - aufs Festland ziehen, um sich dort zu erholen.

Paul Hill ist jung, charismatisch, genau das, was die christliche Gemeinde braucht, um zu überleben. Und doch stellt sich sehr schnell die Frage: Was ist mit dem alten Pruitt? Und würde er gehen, ohne sich zu verabschieden?

Bibel und Horror passen gut zusammen!

Am gleichen Tag kommt auch Riley Flynn auf die Insel, zurück zu seiner Familie. Vier Jahre lang saß er im Gefängnis. Bei einer Alkoholfahrt tötete er eine junge Frau, nun will er sein Leben auf der kleinen Insel weiterführen.

Protagonist:innen der Horror-Serie vorgestellt

Durch seine streng gläubige Mutter Annie bekommt er schnell Kontakt zur christlichen Gemeinde. Gleich am ersten Tag geht Riley mit ihr in den Gottesdienst, wo er Bekanntschaft mit dem neuen Pfarrer macht. Am Abend geschieht etwas Merkwürdiges: Bei einem Sturm glaubt Riley, den alten Pfarrer Pruitt - der jetzt angeblich auf dem Festland lebt - am Strand zu sehen.

Horror meets Christentum

Horror in der Bibel

Horrorgeschichten lassen uns fürchten, machen uns Angst - manchmal ganz plakativ, ein anderes Mal subtil, wo das Grauen im Unheimlichen lauert. Horrorgeschichten gebe es viele in der Bibel, sagt Medienpfarrer Christian Engels. Du kennst ihn vermutlich von seinem YouTube-Kanal „Die Filmshow“.

Hier unterscheidet er zwischen übernatürlichen Geschehnissen wie Engel- oder Geistererscheinungen oder Erzählungen ohne Übernatürliches, wo menschliche Abgründe - Qualen und Folter - im Vordergrund stehen.

TRIGGERWARNUNG an dieser Stelle, es geht um die Geschichte einer Vergewaltigung!

Die für Pfarrer Engels schlimmste Geschichte erzählt eine - wenn auch nicht explizit so genannte - Massenvergewaltigung am Ende des Buches der Richter (19-21). Hier wird die Frau eines reisenden Leviten von Dorfbewohnern bis zu derem tödlichen Zusammenbrechen vergewaltigt. Was dann geschieht, gleicht jeder Rape-Horror-Geschichte: Der Mann zerstückelt seine Frau in zwölf Teile und übergibt sie an verschiedene Stämme Israels, vermutlich als Zeichen der Rache. „Und so endet dann die Geschichte“, sagt Pfarrer Engels. „Die Geschichte wird nicht aufgelöst, es gibt keine Reue, das macht es einfach noch grauenvoller!

Schon bei den Titeln der sieben Folgen von „Midnight Mass" wird klar: Die Bibel, das Christentum und der Glaube spielen eine wichtige Rolle. Jede Folge ist nach einem Buch aus der Bibel benannt: Los geht es mit Folge eins: „Genesis“. Die christliche Gemeinde um Pfarrer Hill steht im Vordergrund der Erzählung, die Insel ist ein in sich geschlossenes System ohne Kontakte zur Außenwelt.

In jeder Folge wird aus dem jeweiligen Buch der Bibel zitiert, immer wieder wird die Handlung mit Kirchenliedern konterkariert und sogar die Theodizeefrage („Warum lässt Gott Leid auf der Welt zu?“) wird bereits in Folge zwei gestellt. Und doch: „Midnight Mass" ist Horror, es passiert Grauenvolles und Fürchterliches. Medienpfarrer Christian Engels sagt dazu: „Bibel und Horror passen gut zusammen!“

„Midnight Mass“ zitiert christliches Grauen

„Es heißt ja immer zur Bibel: Read the good book! Aber so vieles in der Bibel hat mit 'gut' nichts zu tun, vieles ist auch grauenvoll und erschütternd“, erklärt Christian Engels. „Und genau daran bedient sich die Serie.“ 

Portrait des Medienpfarrers Christian Engels
GEP
Christian Engels ist Leiter des Filmkulturellen Zentrums im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) und Geschäftsführer der Evangelischen Filmjury.

Allein schon der sterbende Jesus, angenagelt am Kreuz, dürfte wohl bei den meisten Menschen nüchtern betrachtet ein Bild des Grauens sein. Ein anderes Beispiel sind die Engelserscheinungen in der Bibel: „Sie sagen ja immer 'Fürchtet Euch nicht', wenn sie auftauchen“, sagt Pfarrer Engels: „Und warum wohl? Auch Engel sind erst mal ein angsteinflößender Anblick, wenn sie so plötzlich vor einem stehen!“

Eine biblische Geschichte steht für Pfarrer Engels im Vordergrund von „Midnight Mass“: Die Geschichte des verlorenen Sohnes (Lk 15, 11– 32). In der Serie kehrt Riley nach vier Jahren Gefängnis auf die Insel zurück, aber: Auch eine „verlorene Tochter“ kehrt mit der Rolle der Erin Greene wieder heim. Ihre Mutter allerdings ist gestorben, hat getrunken und ihre Tochter geschlagen. „Da kommen in der Serie dann auch schnell weiterführende religiöse Themen wie Schuld und Vergebung auf“, erklärt Christian Engels.

Jede Nacht wird Reue gezeigt

Besonders das Thema der Reue und Buße ist für Engels in der Serie auffällig. Riley Flynn sieht so jede Nacht die beim Unfall gestorbene junge Frau wieder vor sich. „Für mich ist das wirklich kein billiger Jumpscare, sondern die tiefe Auseinandersetzung mit Buße“, sagt der Pfarrer.

Schon im Gefängis kannst du die Szene sehen, in der Riley sich ins Bett legt, langsam fährt die Kamera an ihn heran, ganz auf Augenhöhe. Ein langsamer Schwenk zur Seite folgt, genau so, wie Riley auch im Bett liegt. Tränen fallen langsam aus seinen Augen, ein Ausdruck der Schuld und des Trauerns. Blaulichter sind zu sehen. Und dann sehen alle das schreckliche Bild, das Riley immer vor sich hat: Eine blutüberströmte junge Frau, ausdruckslos, sterbend, tief gezeichnet vom Unfall blickt sie ihn an.

„Eine wirklich dramatische Szene der Reue“, urteilt Engels. „Der Blick Rileys zeigt, dass es hier nicht um Angst oder einen Schockmoment geht, sondern um Buße. Jede Nacht wieder muss sich Riley mit seiner Tat auseinandersetzen. Das ist zutiefst menschlich!“

Fazit: „Midnight Mass“ ist eine sehr starke Serie

Besonders den Beginn der Serie bezeichnet Medienpfarrer Engels als „sehr stark“. So ziemlich jede Figur auf Crockett Island hat ihre Back Story, lange Dialoge werfen philosophische und religiöse Fragen auf. Das Grauen schwingt immer mit, subtil im Hintergrund sagt einem das Bauchgefühl: Hier stimmt einfach was nicht!

Serien-Infos

Regie: Mike Flanagan

Cast: Kate Siegel, Zach Gilford, Hamish Linklater

Länge: 7 Episoden je 60 Minuten

Produktionsland: USA

„Midnight Mass“ - die offizielle Webseite von Netflix

Jumpscares (oberflächliche Schockmomente) halten sich stark im Hintergrund, religiöse Vorausdeutungen und Zeichen, Gespräche und persönliche Geschichten schockieren hier die Zuschauer:innen stattdessen.

Biblische Wunder als Hinweise auf eigentliche Handlung

Später nimmt die Serie mehr Fahrt auf, biblische Wunder und die Frage nach dem ewigen Leben deuten auf die eigentliche Haupthandlung von „Midnight Mass“ hin. Der charismatische Pfarrer Paul Hill zeigt in einer verblüffenden Auflösung sein wahres Gesicht, aber „das Ende enttäuscht dann doch etwas“, findet Christian Engels: „Das Ende ist erwartbar und passt dann doch zu sehr ins gängige Horror-Genre.“

Regisseur Mike Flanagan

Regisseur Mike Flanagan ist insbesondere für seine Horrorfilme und -serien bekannt. 2019 erschien die Verfilmung des Shining-Nachfolgers und Stephen-King-Klassikers „Doctor Sleeps Erwachen“.

Flanagan schafft insbesondere für Netflix Horrorserien. Besonders die Spukhaus-Serien Spuk in Hill House“ und „Spuk in Bly Manour“ wurden von der Kritik sehr gelobt: Der Horror sei eher subtil und lebe nicht von einfachen Schockern.

„Midnight Mass“ ist Flanagans persönlichste Serie, wie er selbst sagt. Das Thema Alkoholismus spiele eine große Rolle - so hatte Flanagan selbst auch Alkoholprobleme. Außerdem sei er katholisch aufgewachsen und verarbeite diese Erfahrungen ebenfalls in „Midnight Mass“.

Positiv merkt Engels an, dass die Serie unglaublich divers ist: Starke Frauenrollen, ein lesbisches Paar, People of Color, Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung, ein Sheriff als Moslem… All das ist Teil der Serie, ohne jemals eine Sonderrolle einzunehmen. Besonders die starke Charakterzeichnung jeder einzelnen Rolle mache diese Diversität glaubwürdig.

Problematisch ist für Engels, wie Regisseur Mike Flanagan mit Kirchenkritik umgehe - wenn auch nur mit der katholischen Kirche. An vielen Stellen fehle es dem Regisseur an theologischem Fachwissen, auch, wenn viel aus der Bibel zitiert wird. Insbesondere Riley Flynns Mutter Annie repräsentiert die Vorurteile einer stark gläubigen, teilweise ins tief konservative und fanatische gehenden Katholikin. „Das wird der Tiefe der Serie eigentlich gar nicht gerecht“, urteilt Christian Engels insbesondere über den zunehmenden christlichen Fanatismus der Serie. 

Dennoch empfiehlt Engels die Serie: „Insgesamt wirklich sehr, sehr stark!

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