Serie Mutmacher

Der Gourmet-Koch kämpft gegen den „Wegwerf-Wahnsinn“

Michael rettet Essen für Bedürftige. Dafür gibt er alles, denn der Koch kann es gar nicht verstehen, dass Essen in der Tonne landet. Lerne ihn und das Team der Food Fighters hier kennen.

Es ist Dienstagmittag 12 Uhr. Während du vermutlich gerade im Büro am Schreibtisch sitzt oder Mittagspause machst, räumen Michael und sein Team Kartoffeln, Karotten, Bananen, Brot, Saft und vieles mehr in Regale ein. Es ist noch einiges zu tun hier im Brotkorb bei der Caritas in Ingelheim, denn in zweieinhalb Stunden wollen wieder viele hungrige Menschen ihre Taschen füllen.

Da kommen Rentner, die mit so wenig Geld auskommen müssen, dass es nicht für einen ganzen Monat zum Leben reicht, aber auch Menschen, die durch Corona in die Armut gerutscht sind, erzählt Michael Schieferstein.

Die „FoodFighters“ verteilen Lebensmittel in Ingelheim

Die FoodFighters unterstützen

Du kannst die Foodfighters jederzeit unterstützen. Gehe entweder auf die Website des Vereins oder schreib eine Mail an:

Foodfighters-verein(at)gmx.de

Die Lebensmittel für den Brotkorb kommen, wenn möglich, aus der Region. Zum Beispiel Obst und Gemüse von Bauern aus Rheinhessen. Gerade hält ein Sprinter mit Wiesbadener Kennzeichen am Straßenrand. Michael grüßt den Fahrer freundschaftlich und erzählt, dass der Biobäcker zwei Mal die Woche Brot extra von Wiesbaden nach Ingelheim bringt.

Und dann geht es los: Das Wetter ist zwar eher trist, immer wieder nieselt es leicht, aber langsam füllt sich der Bürgersteig vor dem Brotkorb in der Talstraße. Die älteren Kunden sind die ersten, die in der Schlange stehen, sie plaudern und Michael gibt den Wartenden Regenschirme und verteilt Wasserflaschen.

Food Fighter Michael
Lara Hoffmann

Michael ist gelernter Koch und er kämpft gegen den „Wegwerf-Wahnsinn“ in unserer Gesellschaft, wie er es nennt, und dafür, dass das Essen eben nicht in der Tonne, sondern auf den Tellern aller Menschen landet. Gegen die Essensverschwendung hat er vor mehr als sechs Jahren seinen Verein „FoodFighters“ gegründet.

Er ist ein Mensch, der da anpackt, wo Hilfe gebraucht wird. Und das spüren auch seine größtenteils ehrenamtlichen Helfer*innen. Michael versprüht so viel Power und schafft es, alle gut gelaunt zu motivieren und anzuweisen. „Oliver, tausch die schlechten Bananen vorne im Regal doch bitte noch schnell gegen diese Bananen aus“, sagt er und drückt dem Helfer Oliver Fischer eine Kiste voller fast grüner Bananen in die Hand. „Die reifen noch nach, damit die Menschen, die gleich kommen, länger etwas davon haben.“

Es macht Spaß, weil es für die gute Sache ist!

Oliver

Oliver aus Ingelheim packt nicht nur mit an, sondern hat auch selbst noch was von seiner Hilfe: „Ich kann mir hier auch zwei Mal die Woche Lebensmittel mitnehmen, das ist toll.“ Er hat unter anderem Brot, Gemüse und Fleisch eingepackt - etwa ein Warenwert von rund 30 Euro. „Das könnte ich mir sonst finanziell gar nicht leisten“, sagt der 40-Jährige strahlend und hält seinen vollgepackten Jutebeutel hoch.

Oliver hilft beim Transport und auch dabei, die Lebensmittel zu sortieren. „Das macht halt Spaß, weil es für die gute Sache ist“, so der Ingelheimer. Er ist schon länger arbeitslos und will nach Corona bei Michael als Küchenhilfe anfangen. Das ist eine tolle Chance, auf die er sich schon sehr freut, erzählt Oliver.

Regionales Essen für die Bedürftigen

„Das hier ist ein richtiger sozialer Treffpunkt für die Bedürftigen geworden“, freut sich Leo Acerenza. Der Mainzer hilft ebenfalls seit März bei den FoodFighters und verteilt Essen in Ingelheim. Gerade zu Beginn der Corona-Krise waren viele Tafeln in Hessen und Rheinland-Pfalz geschlossen, was für Bedürftige eine schreckliche Situation war. „Die Menschen freuen sich so sehr, dass wir hier für sie was tun und sind so dankbar. Das gibt mir Kraft und positive Energie“.

„Als Corona angefangen hat, haben wir gar nichts mehr bekommen“

Mutmacher selbst vorschlagen

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Rechts ist die Schlange für die älteren Menschen und Rentner, links stehen alle anderen. Abwechselnd darf immer einer den Brotkorb betreten. Erstmal Hände desinfizieren und dann kann der Einkaufsbeutel mit all den guten Dingen gefüllt werden.

Michaels Helfer*innen stehen hinter den Plexiglasscheiben und fragen jeden, was er gerne haben möchte. Den Vormittag über haben sie einen richtigen kleinen Mini-Supermarkt in den Räumen aufgebaut, von der Gemüseabteilung gehen wir weiter zum Obst und dann kommt der Bäckertresen. Es gibt Brot, Brötchen, Käsebrötchen und süße Teilchen. Dahinter können sich die Bedürftigen an der Kühltheke Fleisch und Käse geben lassen und für die Kinder gibt es auch Schokolade.

Umfrage vor Ort: „Was bringt es mir, bei den Food Fightern zu helfen?“
Die Produkte für die FoodFighters kommen meist aus der Region.
Lara Hoffmann
Die Produkte für die FoodFighters kommen meist aus der Region.

Jetzt ist der nächste Ingelheimer an der Reihe. Christian kommt jede Woche hier her, um Lebensmittel zu erhalten. „Als Corona angefangen hat, haben wir ja gar nichts mehr bekommen und jetzt ist es echt wichtig, dass wir hier jede Woche herkommen können“, sagt er lächelnd und geht mit einer prall gefüllten Tasche mit Kartoffeln, Karotten, Bananen, Äpfeln, Brot, Brötchen und Fleisch nach Hause.

Lebensmittel-Wertschätzung als Schulfach

Ohne Pandemie unterrichtet Michael ein eigenes Schulfach an der Goethe-Grundschule in Mainz. Beim Schulprojekt „ABC der Lebensmittel-Wertschätzung“ schnippelt und kocht er mit den Kindern gemeinsam, um ihnen gesunde Ernährung näher zu bringen. Das kann wegen Corona natürlich gerade nicht stattfinden.

Ich lebe manchmal selbst wie ein Hartz IV-Empfänger

Michael

Die FoodFighters sind Michael Schiefersteins Herzensprojekt. Seit Corona liegen die meisten seiner anderen Projekte allerdings auf Eis und der Gourmet-Koch widmet sich in seiner Freizeit voll und ganz den bedürftigen Menschen rund um Ingelheim.

„Manchmal lebe ich auch selbst fast wie ein Hartz IV-Empfänger“, erzählt er, „weil ich einfach echt viel privates Geld in meine Projekte stecke. Und auch viele der Ehrenamtlichen hier legen drauf. Es fehlt an allen Ecken und Enden.“ Deshalb freut sich Michael über jeden, der bei den FoodFighters mithelfen will, ob mit Zeit-, Sach- oder Geldspenden, „alleine fünf Euro bringen schon etwas“.

Wenn du die FoodFighters unterstützen willst, findest du hier alle Infos.