Soziales

Eine Woche im Pflegeheim: „Wir warten hier aufs Ende“

Seba sitzt in einem Raum auf einem grauen großen Gummiball.
Esther Stosch

Eigentlich will ich nur eine Woche mithelfen. Dann begegne ich Demenz, Tod, Humor und bewegenden Lebensgeschichten - und schaue anders auf meinen Alltag.

Ich bin Sebastian, 44 Jahre alt, Redakteur im Medienhaus der EKHN. Im Rahmen meiner Qualifikation zum Sterbebegleiter (Hospizdienst) durfte ich eine Woche lang Praktikant sein - in einem Pflegeheim in meinem Heimatort. 

Aus Gründen der Diskretion sind die Namen in diesem Erlebnisbericht geändert.

Tag 1: Ein ungewohnter Start

Ich bin aufgeregt. Seit rund 20 Jahren leite ich Praktikant*innen an – heute bin ich selbst wieder einer. Das Pflegeheim kenne ich fast nur von außen: Hier haben wir mit unseren Kindern bei Laternenumzügen gesungen, einmal war es mein Wahllokal.

Im Erdgeschoss liegen Cafeteria, Leitungsbüro, Küche und weitere Nutzräume. Ich nehme die Treppe in den ersten Stock. Vor dem Aufzug stehen einige Stühle, die meisten belegt. Senior*innen sitzen dort, manche dösen. Einige erwidern meinen Blick, als ich „Guten Morgen!“ wünsche.

Meine Koordinatorin, Theresa Jahn, empfängt mich und gibt mir einige Basics mit: 

  • 8 Uhr Frühstück
  • 12 Uhr Mittagessen
  • 15 Uhr Kaffee
  • 18 Uhr Abendessen

Und am Freitag, meinem letzten Tag: Sommerfest mit Kuchen und Grillen! „Vermeiden Sie das Wort ‚Hospiz‘“, sagt Theresa. „Da reagieren manche Bewohner allergisch. Sagen Sie einfach: ‚Ich bin hier Praktikant.‘“

Warum sitzen die Menschen am Aufzug, frage ich sie. „Da ist einfach immer was los. Die wissen gerne, wer kommt und wer geht.“

Auf den Stockwerken 1 und 2 wohnen jeweils knapp 40 Menschen – in unterschiedlichsten Zuständen. „Momentan haben wir drei Patienten palliativ liegen“, sagt Frau Jahn. Das bedeutet: Die Grunderkrankung wird nicht mehr „heilungsfördernd“ behandelt, weil das medizinisch nicht mehr möglich oder sinnvoll ist. Auch für diese Menschen soll ich in dieser Woche da sein.

Ein Gymnastikball in Bewegung
Sebastian Jakobi
Anpfiff im Gymnastik-Kreis

Erstmal aber: Gymnastik. Um 10 Uhr geht’s im Untergeschoss los. Frau Jahn und ich fahren alle Bewohner*innen, die mitmachen wollen, mit dem Aufzug nach unten. Leider funktioniert nur einer, der andere ist defekt. Wenn der auch noch kaputt geht, haben wir ein Problem!

So viele neue Eindrücke, Gerüche, Menschen, potenzielle Fettnäpfchen – ich fühle mich gestresst. Vielleicht hilft Bewegung?

Im Kellergeschoss sind Gymnastikraum mit Sitzbällen, Wurfspielen, Bändern und Stangen sowie eine kleine Kapelle. Hier werden abwechselnd evangelische und katholische Gottesdienste gefeiert. Außerdem ein Raum für Aussegnungen, in dem sich Menschen von verstorbenen Bewohner*innen verabschieden können.

Neugierige Blicke empfangen mich in der Gymnastikrunde, obwohl die meisten mich schon im Fahrstuhl gesehen haben. „Herr Jakobi macht diese Woche ein Praktikum und schaut sich hier alles an“, stellt Frau Jahn mich vor. Wohlwollende Blicke. 

Gelenke werden gedehnt, Körperteile ausgeschüttelt. Am Ende spielen wir Fußball: Ein mittelgroßer Sitzball wird durch den Kreis gekickt. Witzig finde ich die Aufmerksamkeit der Senior*innen: Normalerweise müssen einzelne dann und wann zum Mitmachen animiert werden. Aber sobald ein Ball läuft, sind alle mit Konzentration dabei – sitzend, egal ob auf Stuhl oder im Rollstuhl. Und es macht Spaß, mit ihnen zu spielen.

Zwei Personen gehen nebeneinander her. Nur von der Hüfte abwärts von hinten zu sehen. Rechts eine Person mit Rollator, links eine Pflegerin
Sebastian Jakobi
Sevda begleitet eine Bewohnerin zum Speisesaal

Nachmittags darf ich mit Pflegekraft Sevda durch die Zimmer gehen, um die Essenswünsche für die kommende Woche abzustimmen. Ich bleibe bei allen vor der Tür stehen und höre, wie Sevda – meistens LAUT – nach den Wünschen fragt. Bei Frau H. darf ich ins Appartement.

Es ist hell und freundlich eingerichtet. Frau H. sitzt auf ihrem Sofa und löst Kreuzworträtsel. Sie interessiert sich für mein Praktikum und erzählt von ihrem Mann, mit dem sie vor einiger Zeit noch gemeinsam hier gelebt hat. Leider ist er vor Kurzem verstorben. Trotzdem spricht sie im Präsens von ihm: „Mein Mann ist Architekt!“ Sie erzählt von ihrem Heimatort und ihrer Arbeit. Nach einer Weile verabschieden Sevda und ich uns.

Frau Jahn erzähle ich von dem guten Gespräch. „Ja“, sagt sie, „sie hat bestimmt von ihrem Heimatort und ihrem Arbeitgeber erzählt?“ Ich stutze. Fast alle Themen, die Frau H. angesprochen hat, kennt Frau Jahn offenbar. Die Erklärung ist einfach: „Frau H. ist dement. Wenn Sie morgen zu ihr gehen, wird sie Ihnen wieder dasselbe erzählen.“ Ich muss lachen – nicht über die Krankheit, sondern über die Situation. Ich habe nicht bemerkt, dass Frau H. so krank ist.

Als ich nach Hause gehe, merke ich: Ich bin nicht nur voller Eindrücke, sondern auch zufrieden. Ich habe mich nützlich und gebraucht gefühlt, auch wenn ich nur hier und da helfen oder zuhören konnte. Als ich meiner Frau von meinem ersten Tag als Praktikant erzähle, merke ich: Ich bin unfassbar dankbar. Die persönlichen Zustände im Pflegeheim machen mir klar: Bei mir, bei uns, ist diese Zeit noch nicht gekommen. 

„Den Berg kann man erst schätzen, wenn man im Tal war“, heißt es nicht so ähnlich? Ich genieße heute meinen Berg – und danke dem Tal dafür.

Tag 2: Zuhören statt diskutieren

Zum Mittagessen lerne ich Frau M. kennen. Sie ist 90 Jahre alt und schon seit 6 Jahren im Haus. Sie sitzt im Rollstuhl, ist aber sehr klar im Kopf. 

Es ist heiß - wenn das so weitergeht wie angekündigt, können wir am Freitag kein Sommer-Grillfest feiern - die Hitze ist viel zu gefährlich für die Menschen hier. Noch ist es aber so erträglich, dass ich Frau M. in den Garten schieben kann. 

Wir sitzen am Tisch, sie mit dem Rücken in der Sonne: „Das tut mir so gut!“ Und sie erzählt: Vom Vater, der nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam. Von den Tschechen, die die Deutschen nach dem Krieg „böse“ behandelt haben. Ich bin versucht, zu sagen, dass sie da vermutlich jeden Grund zu hatten, aber ich halte mich zurück. Ich bin zum Zuhören hier, nicht zum Diskutieren. 

Der weitere Verlauf der Geschichte verschlägt mir sowieso die Sprache: „Meine Mutter ist mit mir in den Wald gegangen, um Giftpilze zu suchen und uns umzubringen“, erzählt Frau M. fast nebenbei. Was?! „Ich hab‘ ihr dann gesagt: ‚Stell Dir vor, Vater kommt aus der Gefangenschaft heim und wir sind nicht mehr da, das wäre doch schrecklich.‘“ Ich stammele irgendwas von wegen: „Schön, dass Sie Ihre Mutter umstimmen konnten.“ Denn: Der Vater kam tatsächlich wieder nach Hause. Das Leben wurde aber nie wieder, wie es einmal war. 

„Nach Tschechien hab ich nie wieder einen Fuß gesetzt“, schließt Frau M.

Zwei Personen sitzen nebeneinander, von den Schultern abwärts zu sehen. Sie zeigen einander etwas auf einer Tafel
Sebastian Jakobi
Mit Sevda bei Frau I.

Nachmittags lerne ich außerdem Palliativ-Pflegefachkraft Rebecca Wagner kennen. Wir sprechen darüber, wie es den Menschen geht - und was sie und ich machen können, um die Schicksale leichter zu machen. Rebecca erzählt von der Arznei Fentanyl. Das synthetische Opioid macht schnell abhängig – und etwa 2 Milligramm sind tödlich für einen Menschen. 

Aber: Fentanyl ist seit 2017 von der Weltgesundheitsorganisation als „unentbehrliches Arzneimittel“ eingestuft. Rebecca erklärt mir, warum: „Bei einer Seniorin habe ich jetzt angefangen, Fentanyl-Pflaster zu geben. Dadurch braucht sie 7 andere Tabletten weniger am Tag, das ist sehr gut.“ Denn: mit jeder Tablette kommen Nebenwirkungen, die dann in der Regel durch weitere Tabletten abgefedert werden sollen. Die dann wieder eigene Nebenwirkungen haben. So hilft diese eigentlich schreckliche Droge. 

Das habe ich in meinem Hospiz-Kurs gelernt: Das Suchtrisiko ist ab einem bestimmten Zeitpunkt absolut zu vernachlässigen. Wichtig ist, dass Schmerzen so gut wie möglich abgeschaltet werden.

Auf dem Weg in den Feierabend treffe ich Frau S., eine Dame im Rollstuhl, mit ungesund geschwollenen Beinen. Sie ist aber immer treu bei der Gymnastik dabei. Ich mag sie - sie ist freundlich, und es scheint ihr immer – den Umständen entsprechend – gut zu gehen. Als ich ihren Rollstuhl überhole, bemerke ich das Fentanyl-Pflaster auf ihrer Schulter, das wegen des verrutschten Nachthemdes zu sehen ist. Ein Teil in mir ist auf seltsame Weise enttäuscht.

Auf der Straße atme ich kurz durch, soweit die flirrende Sommerhitze das zulässt. Vor mir die Straßen, die ich schon so viele Jahre kenne - hinter mir tausend nicht erzählte Geschichten aus so vielen bewegten Leben.

Tag 3: Rollator-Tetris, Bali und Hawaii

Der Tag startet mit Gymnastik. Einmal mehr sitzen wir alle in der Runde, plötzlich bekommt Frau Jahn einen Anruf und verlässt den Raum. Jetzt sitze ich hier und leite plötzlich die Sport-Runde. Oha, welche Übungen fallen mir noch ein? Beine kreisen, dann Fußgelenke, Kniegelenke lockern… unmittelbar bevor mir die Ideen ausgehen, kommt Frau Jahn wieder rein. Das war knapp!

Stühle bei einer katholischen Messe von hinten. Darauf sitzen Menschen, keine Gesichter zu sehen. Im Vordergrund ein Buch: Gotteslob, katholisches Gebets- und Gesangbuch
Sebastian Jakobi
In der katholischen Messe

Einige Menschen bleiben im Keller, andere kommen noch dazu, denn: Die katholische Messe steht an! „Wollen Sie mitkommen“, fragt Frau Jahn. Klar! Kommende Woche wäre dann wieder evangelischer Gottesdienst, aber ich nehme mit, was ich kriegen kann.

Die Kapelle ist klein, aber komplett besetzt. Wir bugsieren Rollatoren und Rollstühle Tetris-mäßig hin und her, damit alle reinpassen. Bewohnerin Frau S. möchte mir was sagen: Sie findet es toll, wie ich mit den Menschen umgehe. Das erfreut das Praktikanten-Herz!

Die katholische Gemeindereferentin bemüht sich, trotz fehlendem Mikrofon verstanden zu werden. „Was haben Sie gesagt?“, fragt eine Dame bei der Eucharistie, dem katholischen Abendmahl. „DER FRIEDE SEI MIT IHNEN!“ ruft ihr die Gemeindereferentin zu. Das kam an.

Die Messe endet rechtzeitig vor dem Mittagessen. Als wir aus der Kapelle kommen, wurden offenbar Gebete erhört: der zweite Fahrstuhl funktioniert wieder!

Drin hängt die Info, die einige schon befürchtet haben: Unser Sommerfest am Freitag ist wegen der Hitze abgesagt. Statt Garten und Grill gibt es Speisesaal und Kuchen.

Beim Mittagessen sitze ich bei Frau M. und drei ihrer Freundinnen. Die Damen haben sowieso nicht den größten Appetit. Das Essen im Pflegeheim ist heute auch keine Hilfe – Frau M.s Portion Currywurst-Pommes ist höchstens lauwarm. Die Pflege-Fachkräfte räumen das teilweise kaum angerührte Essen wieder weg und ertragen die angedeuteten Beschwerden mit Freundlichkeit und Ruhe. Sie können ja nix dafür, dass es nicht schmeckt.

Am Nachmittag gibt es Musik: Eine ansteckend fröhliche Musiktherapeutin kommt in unseren Gymnastikraum. Sie spielt Gitarre und singt mit uns. Vom Schlager „Seemann (Deine Heimat ist das Meer)“ habe ich den restlichen Tag einen Ohrwurm. „Deine Heimat ist das Meer, Deine Freunde sind die Sterne - Über Rio und Shanghai, über Bali und Hawaii“ singen wir, und überall leuchten Augen. 

Ein weißes Papier mit schwarzer Schrift. Es ist das Lied "Seemann, deine Heimat ist das Meer
Sebastian Jakobi
Singkreis mit Ohrwurm-Garantie

Zwischendurch immer wieder Frage-Runden mit den Anwesenden: „Waren Sie schon mal auf Bali, Frau Schneider?“, fragt die Therapeutin. Frau Schneider: „Ja!“ „Was?!“ Entwarnung: Sie hatte „Berlin“ verstanden. Da war sie schon mal.

Insgesamt fällt mir einmal mehr auf, wie stark die Bewohner*innen auf Musik ansprechen. Eine Dame, mit der ich bisher keinen Kontakt hatte, schließt immer wieder die Augen, lächelt selig, klatscht und singt mit. 

Später spreche ich sie darauf an: „Ich fand es toll, wie super Sie mitgemacht haben!“ Sie lächelt mich an und antwortet, leider etwas unverständlich. Scheinbar war Sie aber schon früher eine Sängerin - in ihrem „alten“ Leben. Vor hier. Vor der „Wartestation“, wie Frau M. das Haus nennt: „Ist doch so - wir warten hier alle auf das Ende.“

Herr T. sitzt in seinem Rollstuhl auf dem Gang. Er ist halbseitig gelähmt und sein Blick ist meistens – verträumt? Abwesend? Ich knie mich vor ihn. „Darf ich Sie ein bisschen herumfahren?“ Er nickt. 

Wenn er was sagt, dann auf Türkisch – aber er kann auch Deutsch. Man muss ihn nach seinem Schlaganfall nur immer wieder daran erinnern. „Herr T., ich kann leider kein türkisch. Sagen Sie mir das doch auf Deutsch.“ Dann verstehe ich ihn. Ich schiebe ihn in den Garten, wo die Hitze nicht so stark ist. „Fährt hier der Bus“, fragt er mich. Nein, sage ich, hier fährt kein Bus. Er erzählt relativ zusammenhanglos - irgendetwas mit Grenze und Polizei und Geld. Wer weiß, welche Geschichten bei mir mal übrigbleiben, wenn der Kopf nicht mehr mitmacht?

Auf dem Heimweg denke ich über die „Wartestation“ nach. Mir fällt auf, dass ich bisher niemanden habe weinen oder leiden sehen. Das bedeutet nicht, dass das nicht passiert, aber bei allem Mitleid, das ich den Tag über empfinde, beruhigt es mich ein bisschen: Wenigstens haben die Menschen es schön im Haus, sind gut versorgt und nicht allein.

Es tut gut, dabei mitzuhelfen.

Tag 4: Aschenputtel im Pflegezimmer

An meinem vorletzten Tag bin ich schon in einer guten Routine. Ich helfe bei allem, was mir unter die Finger kommt, spreche die Bewohner*innen an, die ich schon besser kenne, und führe so einige schöne Gespräche.

Als ich am Zimmer von Frau G. vorbeigehe, merke ich: Sie ist wach. Erinnerung: Frau G. „liegt palliativ“, wie man sagt. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Über ihrem Bett hängt ein A4-Blatt: Darauf steht zum Beispiel, ob im Todesfall noch lebensrettende Maßnahmen eingeleitet werden sollen. Sie kann nur noch über ein leises Stöhnen kommunizieren, bei dem ich nicht weiß, ob es „Ja“ oder „Nein“ bedeutet. Ich bin ein bisschen ratlos. Ich will sie ja jetzt nicht mit Stories aus meinem Leben unterhalten. 

Idee: „Darf ich Ihnen ein Märchen vorlesen?“ Aus ihrem Stöhnen erahne ich, dass ich darf. Und so lese ich (zum ersten Mal seit wie vielen Jahren?) Aschenputtel. Schnell gegoogelt. Ich lese langsam, betont und leise. Frau G. schaut mich währenddessen an. Noch bevor Aschenputtel ihren Schuh verliert, ist Frau G. wieder weggedöst. 

Ich schalte das Handy aus und betrachte ihr Gesicht. Es ist tief zerfurcht und eingefallen. Ab und zu verzieht sie es zu einer Grimasse, als würde sie schlecht träumen. Ich weiß, dass Bewohner*innen wie Frau G. medikamentös bestmöglich „eingestellt“ werden und hoffe deswegen, dass sie keine Schmerzen hat.

eine alte Person auf einem Bett. Nur Kinnpartie, Schultern und Brustkorb zu sehen. Eine Hand ruht auf der Brust. Eine andere Hand berührt sanft die Schulter der liegenden Person
Sebastian Jakobi
Frau R. ist eingeschlafen

Was hat dieses Gesicht alles erlebt, frage ich mich in dem stillen, nach Desinfektionsmittel riechenden Zimmer. Worüber hat Frau G. Tränen gelacht? Haben diese dünnen Arme vielleicht mal ein Neugeborenes gehalten? War sie mal Ski fahren oder ist sie auf einen Berg gestiegen, hat sie fremde Kulturen besucht oder sich für ihre Familie aufgeopfert?

Einmal mehr denke ich über mein eigenes Leben nach und das, was irgendwann mal davon übrigbleibt. Welche Spuren ich hinterlasse, und wie sich Menschen daran erinnern. Und freue mich, dass ich noch viele Jahre vor mir habe. Vermutlich.

Ich verlasse leise und halb in Gedanken das Zimmer. In diesem Moment ruft Frau G.s Zimmergenossin: „IST MEIN SOHN NOCH DA?“ Nein, antworte ich leise, ich glaube nicht, dass der noch da ist. Ich weiß tatsächlich nicht mal, ob er überhaupt hier war. „ICH MUSS MAL AUF TOILETTE!“ sagt sie laut. Frau G. schläft zum Glück weiter. Ich sage den Pflegekräften Bescheid und darf nach Hause gehen – meine eigenen Spuren hinterlassen.

Tag 5: Abschiedskuchen

Letzter Tag! Ich darf später anfangen, weil heute Nachmittag das Kuchen-statt-Grill-Event ist.

Palliativ-Patient Herr C. erinnert sich an mich, soweit ich seine Reaktion verstehen kann, als ich sein Zimmer betrete. Er erzählt mir ein bisschen aus seinem Leben. Zu seiner Tochter hat er seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr, scheinbar ging es um Geld. Das finde ich echt traurig. Um seinen Sohn macht er sich Sorgen. Der hat eine Operation hinter sich und hat sich noch nicht gemeldet. 

Was wahr ist und was nicht, kann ich bei Herrn C. nicht so genau wissen. Er ist auch der festen Überzeugung, dass „um die Ecke“ (er meint in seinem Badezimmer) „einer liegt“. Ich schaue nach und beruhige ihn: „Da liegt keiner.“ Ich bemerke im Gespräch, dass er hofft, bald wieder hier raus zu kommen. Er meint, bald 90 zu werden. Später erfahre ich, dass es 89 gewesen wäre. (Anmerkung der Redaktion: Herr C. ist inzwischen verstorben.)

Eine Person im Rollstuhl von hinten zu sehen, vom Nacken abwärts. Eine Hand schiebt den Rollstuhl.
Sebastian Jakobi
Mit Frau H. auf dem Weg in den Garten.

Zufälligerweise entdecke ich in einem Bücherschrank ein Buch des Kabarettisten Horst Evers. Ich liebe den trockenen Humor seiner Kurzgeschichten. Sie eignen sich super zum Vorlesen.

Ich treffe Frau S., die mich in der Kapelle gelobt hatte. Ob ich ihr eine Geschichte vorlesen darf? Sie freut sich. Wir setzen uns auf einen Balkon in den Schatten. Noch ist es nicht so brutal heiß. Am Ende lese ich sogar zwei Geschichten. 

Frau S. genießt es, zuzuhören, und lacht auch einige Male. Wir sprechen über ihren arabisch klingenden Nachnamen: Sie hat damals einen Ägypter geheiratet und viele Jahre mit ihm in Kairo gelebt. Ich bemerke im Gespräch, dass sie eine kluge Frau ist, und vor allem: Dankbar. Sie weiß, dass sie an der „Wartestation“ angekommen ist, aber ist zufrieden mit dem, was sie besitzt, was sie noch kann und erleben durfte. 

Ich begleite sie in ihr Apartment. „Wer ist denn der schnittige Mann da auf dem Bild?“ frage ich sie. Sie verzieht das Gesicht. „Das ist mein Schwiegersohn. Ein ekliger Mensch.“ Wir lachen beide.

Beim Lunch will eine von Frau M.s Freundinnen nichts essen. Die Pflegekräfte und auch die Damen ermutigen sie: „Irgendwas musst du doch essen!“. Aber es geht nicht.

„Menschen sterben nicht, weil sie aufhören zu essen - sie hören auf zu essen, weil sie sterben.“ Ganz so weit ist es mit Frau M.s Freundin noch nicht, aber ich erinnere mich an diesen Satz aus meiner Hospiz-Qualifikation. Er bedeutet: Der Körper weiß irgendwann, dass er nichts mehr braucht. Und da helfen auch noch so gute Worte oder Leibgerichte nicht. 

Nachmittags helfe ich beim Eindecken der beiden Speisesäle. Wir schneiden den Kuchen und servieren ihn den wartenden Gästen. Hier und da kommt tatsächlich ein bisschen Kaffeehaus-Atmosphäre auf. Die Bewohner*innen genießen den kontrollierten Zuckerschock, den Kaffee und vereinzelte Gespräche miteinander.

Dabei löst sich auch ein Fragezeichen in meinem Kopf: Herr O. kam mir von Tag eins an bekannt vor. Bei Kaffee und Kuchen stellen wir fest, dass wir vor Jahren regelmäßig dieselbe Kirchengemeinde besucht haben. So haben wir ein Thema, über das wir sprechen können, und das tut uns beiden gut.

Irgendwann muss ich meine Abschieds-Runde machen. „Schade, dass Sie nur eine Woche hier waren“, sagt mir eine Frau. Ich erzähle ihr, dass ich absolut vorhabe, dann und wann nochmal vorbeizuschauen und Zeit mit den Menschen zu verbringen.

Reden, hören, vorlesen – und wer weiß, vielleicht komme ich ja dann doch mal zu einer Runde Mensch-ärgere-dich-nicht. Die hat sich die ganze Woche nicht ergeben.

Obwohl, auf dem Heimweg bemerke ich: Ich ärgere mich weniger. Das ist doch auch schon mal was.