Fachkräftemangel

Fachkräftemangel: Wir setzen falsche Prioritäten

Nils Sandrisser
Kommentar von Nils Sandrisser

Gegen den Fachkräftemangel an Flughäfen will die Regierung schnell helfen. Und gegen Fachkräftemangel in der Pflege?

An deutschen Flughäfen herrscht Chaos. Reisende müssen in langen Schlangen warten, ehe sie in den Urlaub fliegen können #Flughafenchaos. Es fehlt das Personal in der Abfertigung. Einerseits sind derzeit viele erkrankt, oft an Corona, andererseits haben die Fluggesellschaften in den Jahren der Pandemie, in denen nicht viele Flugzeuge unterwegs waren, Personal abgebaut.

Die Reaktion: Große Aufregung in der Republik. Die Presse berichtet breit, die Bundesregierung lässt 2.000 Aushilfsarbeiter aus der Türkei einfliegen, die saisonal beim Abfertigen helfen sollen.

Kaum Reaktion auf Klinikstreik

Inzwischen streiken seit mehr als zehn Wochen die Beschäftigten der Uni-Kliniken in Nordrhein-Westfalen. Sie machen damit auch auf die desaströse Personalsituation in den Krankenhäusern aufmerksam.

Zu dem sich schon seit Jahren immer weiter verschärfenden Personalmangel kam Corona noch obendrauf: mehr Patienten, hoher Krankenstand bei den Pflegekräften durch Überlastung und – Überraschung – durch Corona. Seit Ausbruch der Pandemie arbeiten Pflegerinnen und Pfleger am Anschlag und gehen mittlerweile auf dem Zahnfleisch.

Die Reaktion: so gut wie keine. Grillen zirpen, der Wind bläst trockenes Gebüsch vor sich her, in der Ferne heult ein Wolfsrudel.

Mehr Aufmerksamkeit für Urlaub als für Pflege

Die Prioritäten, die wir hier setzen, verraten eine Menge über uns als Gesellschaft. Der Urlaub erhält mehr Aufmerksamkeit als die Frage, wer uns versorgt, wenn es uns schlecht geht. Bei den Problemen vor dem Urlaubsantritt ist entschieden mehr Lösungswille erkennbar, als beim Fachkräftemangel in der Pflege.

Wobei man fairerweise sagen muss, dass das Problem in der Pflege komplex und nicht so einfach zu lösen ist, wie der Personalmangel in der Gepäckabfertigung.

Mehr Geld in der Pflege allein bringt nichts

Mehr Geld für die Beschäftigten wäre zwar schon gut, aber kein Allheilmittel. Denn die Löhne in der Krankenpflege sind in den vergangenen Jahren vergleichsweise ordentlich gestiegen, aber das hatte keinen Einfluss auf den Personalbestand. In der Altenpflege hingegen wird immer noch deutlich zuwenig bezahlt, und die Caritas und die Diakonie sind im vergangenen Jahr zurecht dafür kritisiert worden, dass sie einen besseren Tarifvertrag in der Altenpflege verhindert haben.

Denselben Lösungsansatz wie am Flughafen hat man in der Pflege schon einmal probiert. Vor mehr als zehn Jahren ging man im Ausland, zum Beispiel in Spanien, hausieren, um Fachkräfte von dort abzuwerben. Die, die kamen, suchten bald wieder das Weite, obwohl ihre Verdienstmöglichkeiten hier besser waren als in ihren Heimatländern. Sie gingen, weil die Arbeitsbedingungen hierzulande so himmelschreiend schlecht sind.

(Ein satirischer Blick auf den Pflegenotstand vom Browser-Ballett 🔽)

Mehr gesellschaftliche Anerkennung für Pflege

Unter anderem sind sie wegen der Stellung der Pflegekräfte in der Hierarchie in den Kliniken schlecht. Ärztinnen und Ärzte sind zwar keine Vorgesetzten von Pflegerinnen und Pflegern, führen sich aber oft so auf.

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In anderen europäischen Ländern, wo auch die Pflege aus studierten Fachkräften besteht, begegnen sich medizinisches und pflegerisches Personal mehr auf Augenhöhe. Hinzu kommt die hohe Zahl von Patienten pro Pflegerin oder Pfleger. In anderen europäischen Ländern ist dieses Verhältnis weitaus günstiger.

Dem Pflegefachkräftemangel entgegenwirken

Es bräuchte also mehr Geld – nicht unbedingt für die einzelne Pflegekraft, aber für die Pflege insgesamt. Für mehr Personal. Für dessen bessere Ausbildung. Für mehr gesellschaftliche Anerkennung. Für die komplette Neuorganisation des Bereichs Pflege in den Krankenhäusern. Das alles ist ein schwer lösbares Knäuel von Problemen.

Aber lösen muss man es. Mit Priorität.