Serie Mutmacher

Als Helferin im Flüchtlingslager auf Lesbos - das macht was mit einem

Die Studentin Rhaja Horst aus Reckenroth reiste im Sommer 2020 auf die griechische Insel Lesbos und half dort Geflüchteten im Lager Moria. Unsere Reporter Fabienne und Christian haben die 19-Jährige in ihrer Heimat getroffen. Sie erzählt über ihre Erlebnisse in Moria und wie sich dadurch ihr Blick auf Europa veränderte.

Anfang Januar 2021 um die Mittagszeit. Der Neuschnee hat Reckenroth im Rhein-Lahn-Kreis in eine wunderschöne Winterlandschaft verwandelt. Im örtlichen Wald , fast schon abgeschieden vom Rest der Welt, steht ein rotes Haus mit einem großen Garten.

Hier wohnt unsere Mutmacherin Rhaja Horst. Sie fühlt sich sehr wohl, trinkt gerne ihre warme Tasse Kaffee im Wohnzimmer und geht öfters in den Garten, um ihre Hühner zu füttern. Von Zuhause aus arbeitet Rhaja in der Initiative Refugee Law Clinic an der Technischen Uni Dresden, wo sie Soziologie studiert. „Durch Online-Meetings berate ich Geflüchtete, die nach Deutschland kamen und gebe Online-Seminare zu den Themen Flucht und Migration.“

Als Jugendliche für Geflüchtete einsetzen

Rhaja Horst engagiert sich schon seit ihrem 15. Lebensjahr für Geflüchtete. Angefangen hat alles in ihrer Heimat. Schon in der Schule hat sie Hilfsprojekte und Spendenaktionen organisiert. Aber auch außerhalb der Schule war Rhaja in der Flüchtlingshilfe aktiv: „2015 war ich in der Willkommensinitiative in Diez.“

Damals habe ich in der Kleiderkammer geholfen.

 

Wie die Mutter so die Tochter - liegt die Hilfsbereitschaft in den Genen?

Rhaja Horst mit ihrer Mutter Alea
Alea Horst
Rhaja Horst mit ihrer Mutter Alea

Im Wohnzimmer von Rhajas Wohnung gibt es viele Fotos, die in europäischen Flüchtlingslagern aufgenommen wurden.

Die meisten Fotos wurden von Rhajas Mutter Alea Horst gemacht. Diese ist Anfang 2021 in Bosnien, um die Lage des dortigen Flüchtlingscamps zu dokumentieren. Zusammen mit ihr teile Rhaja die Leidenschaft, zu helfen.

Wir folgen beide dem Prinzip, gegen Ungleichheit vorzugehen.

Alea Horst

Reise zum Flüchtlingscamp nach Moria

Ihre Mutter war auch diejenige, mit der Rhaja die ersten zwei Wochen im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos verbrachte.

Im Sommer 2020 fasste Rhaja den mutigen Entschluss und reiste Ende Juli 2020 für acht Wochen dorthin. Über die Organisation Wave of Hope half sie den Menschen, die nach ihrer Flucht aus Syrien im Lager Moria leben.

Pures Entsetzen über europäisches Flüchtlingslager

Dort angekommen, sah sie das Camp zum ersten Mal mit ihren eigenen Augen: Zelte auf schmutzigen Böden und große Müllberge. Ihr erster Gedanke: pures Entsetzten!

Es war schrecklich zu sehen, dass dieses Elend bei uns in Europa passiert.

„Als junger Mensch, der an die Ideale der Europäischen Union glaubt, war es für mich erschreckend zu realisieren, dass diese Ideale im Camp auf Moria nicht eingehalten werden.“

Kleine Taten im großen Flüchtlingscamp

Umso wichtiger war es für Rhaja, den Menschen im Camp zu helfen. Sie gab Deutschunterricht für die Geflüchteten. Die Menschen hätten das große Bedürfnis, über ihr Leid im Bürgerkriegsland Syrien und die Strapazen ihrer  Flucht zu erzählen. „Es gab viele Menschen im Camp, an denen ich vorbei gegangen war und die mir Hello My Friend oder Help Me zuriefen und dadurch versucht haben, einen Weg aus ihrer Lage zu finden.“

Rhaja habe großen Respekt vor den geflüchteten Menschen: „Ich konnte einfach nicht verstehen, wie sie es geschafft haben, jeden Tag aufzustehen unter den Zuständen und dem Trauma, das sie haben. Das war extrem beeindruckend!

Kritik an der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union

Nach dem großen Brand im September 2020 wurde das neue Camp nach Kapa Tepe verlegt. Rhaja reiste einen Tag vor dem Brand ab, hält aber bis heute noch Kontakt zu einigen Kolleg*innen im Camp Kara Tepe, die von katastrophalen Zuständen im neuen Camp berichten würden.

Die Menschen dort müssen ihre Klamotten im Meer waschen, haben keine Dusche und bekommen dadurch Hautkrankheiten. 

Die Schuld an den Zuständen im Lager sieht Rhaja unter anderem auch in der Europäischen Union, der sie komplettes Versagen in der Flüchtlingshilfe vorwirft. Sie verstehe nicht, warum das nur die Aufgabe von Nicht-Regierungs-Organisationen sein sollte: „Ich würde mir von der EU wünschen, dass sie nicht nur für Mindeststandards in allen europäischen Flüchtlingslagern sorgt, sondern auch als Gemeinschaft zur Ursachenbekämpfung von Flucht und Vertreibung in den Ländern beiträgt, aus denen die Menschen fliehen.“

„So eine Erfahrung macht was mit einem!“

Rhaja im Flüchtlingslager Moria
Alea Horst
Rhaja im Flüchtlingslager Moria

Als Rhaja im Interview erzählt, wie es ihr nach der Zeit auf Lesbos erging, wirkte sie relativ gefasst, aber angespannt.

Es wird deutlich, wie stark sie die Erfahrungen im Camp auch Monate später noch mitnehmen: „Ich bin seit September wieder hier, aber ich merke, dass ich immer noch nicht die Energie habe, die ich vor meiner Moria-Reise hatte"

Sie will wieder Geflüchteten auf Lesbos helfen

Trotzdem will Rhaja wieder nach Lesbos reisen. Zudem appelliert sie an Andere, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, sei es im Ausland oder in Deutschland: „Es gibt so viele Möglichkeiten aktiv zu werden.“

Sie macht jedem Mut, sich auch vor Ort zu engagieren: „Macht es einfach! Es gibt nichts, was euch stoppen sollte oder Angst machen müsste, dahin zu reisen und zu helfen.“