Poesiealben wecken Erinnerungen

Das Poesiealbum: Ein Schatz fürs ganze Leben

Gemeinsame Erinnerungen
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Poesiealben stehen auch heute noch in vielen Buchregalen. Sie wegzuwerfen trauen sich nur die wenigsten. Zu viele Erinnerungen an Schule, Familie und manchmal auch an die erste Liebe stecken in ihnen. Dabei ist die ganze Reinschreiberei sogar eine evangelische Erfindung!

privat/Stefanie Bock
Kaum zu glauben aber wahr: Diesen wenig charmanten Spruch schrieb Stefanie Bock einem Klassenkameraden ins Poesiealbum. Jahre später hat er sie tatsächlich geheiratet.

Böse Zungen behaupten, ich habe wirklich alles getan, um Holger davon abzuhalten, mich zu heiraten. Und zwar schon in der Grundschule.

Schüchtern hat er mir damals sein Poesiealbum unter die Nase gehalten. Ob ich vielleicht was Nettes reinschreiben möchte. Klar, wollte ich das: „Sehr geehrtes Trampeltier…“ habe ich meine Zeilen begonnen. Und geendet habe ich mit: „Schick mir bitte ein Photo von Dir, das häng ich an die Kellertür damit Dich alle Mäuse sehn und nicht an die Kartoffeln gehn.“

Seine Mutter fand den Spruch gar nicht witzig. Geheiratet hat mich Holger trotzdem Jahre später. Auch seine Mutter hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Versichert sie mir zumindest immer wieder.

Unromantischer Spruch fürs Poesiealbum

Nicht ganz so romantisch sind die Erinnerungen von meinem Kollegen Wolfgang: „Wegen eines Poesiealbums musste ich sogar mal zur Strafe in der Ecke stehen“, erzählt er und kann dabei sein Schmunzeln nicht verbergen.

Eine Klassenkameradin habe ihm lächelnd ihr Poesiealbum gereicht und ihn gebeten, hineinzuschreiben. Er sei allerdings wenig begeistert gewesen von der Bitte und auch von der jungen Dame. Also schrieb er folgende wenig romanitsche Zeilen: „Dass Du mich liebst, das weiß ich – Auf Deine Liebe scheint der Mond.

Prompt sei das Mädchen in Tränen ausgebrochen und habe sich bei der Lehrerin über seine Herzlosigkeit beschwert. Die Strafe ließ nicht lange auf sich warten.

Auch der Lehrer muss sich ins Poesiealbum eintragen

privat/Stefanie Bock

Meine Kollegin Marion kann sich noch gut erinnern, wie stolz sie auf jeden Eintrag in ihrem Poesiealbum war. Von Freundin zu Freundin hat sie das Büchlein weitergereicht. Nur ihren Lehrer zu bitten, ein paar Zeilen hinzuschreiben, hat sich sich lange nicht getraut.

Für die Achtjährige war der hochgewachsene, junge Lehrer eine imposante Erscheinung, zumal er der einzige Mann an der gesamten Schule in Frankfurt war. „Kurz vor Ende der 4. Klasse habe ich mir ein Herz gefasst und ihm das Buch in die Hand gedrückt“, erinnert sich Marion.

Die Tage  vergingen, die Ferien rückten näher - doch das Poesiealbum blieb in der Tasche des Lehrers. Für immer. Das wurmt sie bis heute: „Ich habe mich nie getraut, ihn nach dem Poesiealbum zu fragen und nach den Ferien haben wir uns nicht mehr gesehen. Vergessen habe ich es nie - und das ist 50 Jahre her“, sagt sie lachend.

In die Poesiealben tragen sich nicht nur Klassenkameraden ein - Hier der Vater
privat/Stefanie Bock
Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück.

Poesiealben als wichtige Erinnerungen der Kindheit

So wie uns, geht es vielen Menschen: Sie verbinden Erinnerungen mit ihrem Poesiealbum. Stefan Walter, Soziologe an der Universität Oldenburg, weiß, welch immense Bedeutung die Alben für Menschen haben.

privat/Stefanie Bock

Sie sind ein Schatz, den sie ihr Leben lang hüten. Die Alben bergen Erinnerungen an Schulfreunde, Lehrer, Eltern und Großeltern. Wer Jahrzehnte später durch die Seiten blättert, amüsiert sich über die ungewohnt klingenden Sprüchlein.

Klassische Sprüche fürs Poesie-Album

Sprüche, die viele seit Jahren nicht mehr gelesen haben, doch schon beim Klang der ersten Worte, gehen sie vielen automatisch über die Lippen. Kleine Kostprobe?

Liebe Leute groß und klein, haltet mir mein Album rein. Reißet keine Blätter aus – sonst ist die Freundschaft mit uns aus!

Dieses Sprüchlein markiert millionenfach den Anfang eines Poesiealbum. Besonders beliebt auch 🔽:

Bis die Flüsse aufwärts fließen, bis die Hasen Jäger schießen, bis die Mäuse Katzen fressen, solang werd ich dich nicht vergessen!

Sprüche im Poesiealbum meist individuell

Wer denkt, dass in den Alben die immer gleichen Sprüche stehen, der irrt. Das verrät Stefan Walter. Er ist Experte für Poesiealben. Rund 2800 Albumeinträge hat der Soziologe für seine Dissertation ausgewertet und 1.400 unterschiedliche Sprüche endtdeckt. Rund 70 Prozent der Sprüche kommen gar nur einmal vor.

„Es gibt eine extrem große Vielfalt an Sprüchen.“ Dass wir das Gefühl haben, einen Spruch zu kennen, liege daran, dass viele sich im Stil und in der Verwendung der Metapher ähnelten.

Rosen, Vergiss mein nicht, denk an mich - all dies, taucht immer wieder auf. Aber immer ein bisschen anders.

Mini-Geschichte

Du erinnerst dich nur noch ganz dunkel an deinen Geschichtsunterricht? Dann hier entlang 🔽

Reformation kurz erklärt - mit dem Playmobil-Luther

Erfinder des Poesiealbums: Die Protestanten

Poesiealben haben eine jahrhundertelange Tradition. Ein Vorläufer des Poesiealbums gab es bereits im 16. Jahrhundert: das „album amicorum“. Die Idee entsprang bei den Reformatoren in Wittenberg, von wo aus die Reformation 1517 mit ihren Ausgang nahm.

Führende Köpfe vor Ort waren Martin Luther und Philipp Melanchthon. In dieses kleine Stammbüchlein erbaten sich junge Studenten von den Reformatoren kurze Einträge.

Poesiealben waren anfangs an Unis Trend

privat/Stefanie Bock

Bis Mitte des 16. Jahrhunderts waren die Alben an allen Universitäten bekannt - auch in anderen europäischen Ländern. Herumgereicht wurde es unter Studenten aus höheren Kreisen.

Was auch daran lag, dass die Sprüche anfangs auf Latein verfasst wurden, weiß Stefan Walter. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts setze sich Deutsch als Schriftsprachen in den Büchlein durch.

Vor allem Deutsche lieben ihr Poesiealbum

„Das bewirkte einen großen Schub“, sagt Walter. Damit öffneten sich die Poesiealben für weniger gebildete Schichten. Auch  Frauen entdeckten das Album für sich.

Im 20. Jahrhundert schließlich wird das Poesiealbum bei Jugendlichen und Kindern beliebt. Doch keiner liebt sein Posiealbum so sehr wie wir Deutschen.

Zeige mir deinen Poesiespruch, ich erkenne deinen Charakter

privat/Stefanie Bock
Grell und wild: Die Einträge in den 1980er Jahren.

Stefan Walter liest Poesiealben um Rückschlüsse von den Einträgen auf die Wertvorstellungen der jeweiligen Zeit zu schließen.

Waren in den 1960er Jahren beispielsweise noch Charakterbildung und Sittlichkeit wichtige Punkte, so finden sich in den 1980er Jahren vor allem Sprüche rund um Freundschaften.

„Da zeigt sich deutlich die Individualisierung der Gesellschaft - was übrigens auch die bis dahin strenge Gestaltung der Einträge betrifft: die Grundstruktur löst sich auf“, sagt er.

Religiöse Sprüche & Frommes für das Poesie-Album kommt meist von der Familie

privat/Stefanie Bock
Von der Ernsthaftigkeit der frühen Jahre ist mittlerweile nichts mehr zu erkennen. Auch die strenge Ordnung ist dahin.

Die Ernsthaftigkeit macht dem Witz Platz, allgemeine Werte treten in den Hintergrund.

Aktuell untersucht Walter Alben, die während des 1. Weltkriegs entstanden. Ein erstes Fazit: „Die Sprüche in dieser Zeit sind sehr religiös.“

Und noch eine Erkenntnis: Religiöse Sprüche werden zu allen Zeiten überwiegend von von Familienmitgliedern geschrieben, weniger von Freunden. Allerdings sind religiöse Sprüche heute kaum mehr auffindbar.