Impfgegner

Sind Online-Portale für Ungeimpfte gefährlich?

Portale für Ungeimpfte
Gettyimages/Bihlmayer Fotografie

Anbieter setzen im Netz auf Ungeimpfte als Zielgruppe. Experten warnen: Die Portale können eine Einfallstor für Radikalisierung sein.

Luisa wehrt sich gegen die Bezeichnung „ungeimpft“. „Ich bin nicht gegen Corona geimpft. Das heißt nicht, dass ich nicht gegen andere Krankheiten geimpft bin“, betont die 44-Jährige aus dem Rhein-Main-Gebiet, die anonym bleiben möchte. Zu viele schlechte Erfahrungen habe sie gemacht.

Zweifel an der Corona-Politik und der Sicherheit der Impfstoffe

Menschen aus ihrem Umfeld hätten ablehnend reagiert, als sie schon zu Beginn der Pandemie mit ihnen über ihre Zweifel an der Corona-Politik gesprochen hatte.

Warum wurde der Impfstoff gegen Corona so schnell zugelassen?

In der EU und in Deutschland haben die Impfstoffe eine sogenannte bedingte Zulassung bekommen. Das heißt, der Nutzen überwiegt das Risiko. Aber die Hersteller müssen regelmäßig belegen, dass die Impfstoffe sicher und veträglich sind. Das Rekordtempo bei war möglich, weil die Forschenden bei der Impfstoffentwicklung viele Schritte gleichzeitig machen konnten. 

„Während Impfstoffe normalerweise ungefähr zehn Jahre entwickelt und getestet werden, bis sie zugelassen werden, wurden die jetzigen Impfstoffe in einem Rekordtempo auf den Markt gebracht, haben aber alle nur eine Notzulassung. Das war mir von Anfang an suspekt“, erklärt Luisa ihre Entscheidung gegen die Corona-Impfung.

Jobs für Ungeimpfte in Gesundheitsbranche

Weil Luisa im Gesundheitswesen arbeitet, wo bald eine einrichtungsbezogene Impfpflicht gilt, hat sie sich schon einmal auf Jobbörsen für Ungeimpfte umgesehen, wie sie erzählt. Viele Angebote in der Gegend seien aber nicht dabei gewesen, sagt die Frau.

Die meisten Stellen seien in Ostdeutschland zu vergeben. Aber auch dort gilt das Gesetz zur Impfpflicht für bestimmte Einrichtungen ab dem 15. März.

„Impffrei.work“ und „not-vaxxed.net“

Seiten wie „not-vaxxed.net“ oder „Impffrei.work“ versprechen: „Arbeiten ohne Impfung, Ausgrenzung und Diskriminierung.“ Firmen und Unternehmen suchen hier nach Monteuren, Augenoptikern, Bäckern aber auch Krankenpflegern und Ärzten. Schon das Logo – eine Faust zerschmettert eine Spritze – macht deutlich: Impfen ist der Feind. Oftmals betreiben die Seitenmacher zusätzlich einen Blog. 

Einfallstor für Radikalisierung

Amadeu Antonio Stiftung warnt vor Blogeinträgen

Solche Blogeinträge bewertet Nicholas Potter von der Amadeu Antonio Stiftung als besonders problematisch. Die Beiträge auf „impffrei.work“ seien voll von „wirren, antiwissenschaftlichen Behauptungen“, sagt der Journalist, der über Rechtsextremismus und Verschwörungsideologien berichtet.

Konkrete Beweise für ihre Schlagzeilen wie „Biontech-Impfstoff enthält Zusatzstoffe, die nicht für die Anwendung am Menschen geeignet sind“ oder „Die Untauglichkeit des PCR-Test“, liefere die Seite nicht. Stattdessen werde auf „dubiose Webseiten“ verlinkt.

Telegramkanal mit Beiträgen von „Compact“

Außerdem teilten die Seiteninhaber auf ihrem Telegram-Kanal Beiträge mit „Wortgebern der Verschwörungsszene“ wie der QAnon-nahe Oliver Janich oder dem vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Magazin „Compact“, wie der Berliner Redakteur sagt. Ein Impressum, das Hinweise auf die Betreiber enthält, gibt es nicht.

Soziologe: Enthemmung und Radikalisierung

Auch dem Göttinger Sozialwissenschaftler Berthold Vogel sind entsprechende Internetseiten bekannt. Er sieht in ihnen ein „Spiegelbild der sogenannten Spaziergänge und Querdenker-Events.“ „Die Gefahr liegt in der Enthemmung und Radikalisierung“, erklärt der Soziologe, sagt aber auch: „Es sind zunächst einmal Seiten von Gleichgesinnten für Gleichgesinnte. Wir sollten die Reichweite nicht überschätzen.“

Trotzdem könnten die Portale eine Art „Einfallstor für Radikalisierung“ für Menschen sein, die sich einsam fühlten.

Harmlos oder gefährlich?

Wie stehst du zu Online-Portalen für Ungeimpfte? Oder nutzt du die Seiten vielleicht sogar selbst? Sag uns deine Meinung! Schreibe uns eine E-Mail (gerne auch anonym) oder melde dich über unsere Social-Media-Kanäle auf

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Auch in anderen Ländern sind in den vergangenen Monaten vergleichbare Seiten aufgetaucht. In Kanada etwa das Portal „Jabless Jobs“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Spritzenfreie Stellen“. In den USA können sich Impfverweigerer unter „Redballoon.work“ nach neuen Arbeitsstellen umsehen.

Fake-Jobanzeigen in Anzeigeblättern

Was außerdem kürzlich bekannt wurde: In lokalen Anzeigeblättern mischen sich Stellengesuche, in denen etwa Ungeimpfte aus dem Gesundheitswesen angeblich Alternativen suchen. Andreas Rausch, Journalist beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb), hat in einem Beitrag auf Twitter seine Recherche über einen solchen Fall dokumentiert. Sein Fazit: Keine der in den Gesuchen angegebenen Kontaktdaten war korrekt, seine Anrufe gingen ins Leere.

Seiten für „impffreies Reisen“

Wer weiter im Internet sucht, stößt auch auf „impffreies Reisen“. Auf einer Seite dazu heißt es: „In Deutschland ist es durchaus möglich, dass man impffrei Urlaub macht.“ Keine Impfung und auch kein Test seien hierzu erforderlich. Als konkrete Beispiele sind auch Ferienwohnungen im süd-hessischem Bensheim genannt.

Genaue Adressen finden sich auf der Seite nicht, dafür wird für ein Ungeimpften-Jobportal geworben. Offenbar pusht man sich gegenseitig. Auf einer anderen Webseite zu „impffreiem Urlaub“ wird prominent ein Link zu einem Telegram-Kanal platziert.

Telegram

Telegram ist eine kostenlose Messenger-App, mit der Nachrichten, Dateien und Fotos versendet werden können (ähnlich wie WhatsApp oder Threema). Neben Einzelchats gibt es auch Gruppenchats und Kanäle. In letzter Zeit gab es von Seiten der Politik immer wieder Versuche, Gewaltaufrufe und Hetze einzudämmen. Erst kürzlich hatte sich die Bundesregierung bei Telegram gemeldet, nachdem sie Berichte über Hassreden und Gewaltandrohungen in Chatgruppen erhalten hatte. 

Wir erinnern uns: Telegram steht seit Monaten massiv in der Kritik, Falschinformationen über die Corona-Pandemie zu verbreiten. 

„impffrei.love“ für ungeimpfte Singles

Sogar bei der Suche nach der großen Liebe können Impfgegnerinnen und Impfgegner unter sich bleiben: Das Schweizer Datingportal „Impffrei.love“ – gegründet von der sogenannten „Initiative des Vereins Generation Freiheit“ – schreibt auf der Homepage: „Für alle impffreien und bewussten Menschen“ und weiter: „die lieber Händchen halten, statt Abstand halten“. 

Nach eigenen Angaben sind dort derzeit 14.000 Menschen europaweit, überwiegend im deutschsprachigen Raum, angemeldet. Auf Anfrage teilen die Initiatoren mit: „Es gibt viele Interessensbereiche und Lebenseinstellungen, welche impffreie Menschen gemein haben.“

Das sei schließlich auch bei anderen Interessensgruppen der Fall, heißt es weiter. Als Beispiele nennen die Betreiber Dating-Seiten für Akademiker, Protestanten und Muslime. 

Evangelische Kirche: Vernetzung läuft schon

Auch auf Seiten der Kirche sieht man die Plattformen kritisch, warnt aber davor, zu viel Aufmerksamkeit darauf zu lenken: „Jeder Artikel zum Portal wird dort genüsslich geteilt und als Sieg verbucht oder entsprechend als Mainstream entwertet“, sagt Matthias Blöser vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Zudem laufe die Vernetzung längst über persönliche Kontakte, Foren und Messengerdienste, betont der Politikwissenschaftler. Eine Diskussion darum, warum solches Verhalten unsolidarisch ist, müsse weiter geführt werden. Ob das aber auf Partnerbörsen und Co. funktioniere, bezweifelt er.

Parallelgesellschaft durch Corona

Luisa meint: Die Parallelgesellschaft gibt es längst. „Was soll auch anderes passieren, wenn man uns aus dem öffentlichen Leben ausschließt?“

Sie wünscht sich, dass Deutschland nicht weiter über eine Impfpflicht diskutiert und die Corona-Maßnahmen zurückgenommen werden. So oder so – ihr Vertrauen in die Politik und auch die freie Berichterstattung sei ein Stück weit verloren gegangen. Sogar einige Freundschaften müsse sie überdenken. Zu einem Leben wie vor Corona zurückkehren? „Das wird dauern“, ist Luisa sicher.

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