Eine offene Wunde in der Stadt

Protokolle: So fühlen sich die Hanauer Bürger*innen

So hat der Anschlag in Hanau unsere Stadt verändert
Fabienne Lichtenberger

Der Jahrestag des rassistischen Anschlags in Hanau: Wie ist die Stimmung dort und was stört die Menschen in der Stadt besonders? Hanauer Bürger*innen erzählen!

Freitagabend - für mich und viele andere heißt das: endlich Wochenende mit Pizza und Netflix. Doch für die Menschen in Hanau ist der 19.02.2021 anders. Denn an einem stinknormalen Abend genau vor einem Jahr, wurden im Stadtteil Kesselstadt neun Menschen erschossen.

Die Ermittlungen der Polizei und Generalbundesanwaltschaft ergaben, dass der Täter Tobias R. aus Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehandelt hat.

Was löst der Anschlag bei den Menschen in Hanau aus?

Ich war kurz vor dem Jahrestag gemeinsam mit meinem Kollegen Steffen  in Hanau unterwegs. Wir haben mit dem Opferbeauftragten der Stadt gesprochen.

Aber mich hat auch interessiert: Was löst dieser Jahrestag bei den Menschen auf der Straße aus? Nicht jede oder jeder möchte seine Geschichte mit mir teilen und im Internet lesen, aber diese sieben Bürger*innen geben hier ihre Erlebnisse und Gefühle zu Protokoll.

Wenn der Arbeitskollege erschossen wird

Reza Abbas
Fabienne Lichtenberger
Reza Abbas

Reza Abbas, kommt ursprünglich aus Afghanistan. Seit 2015 wohnt er in Hanau. Die Opfer Said Nesar Hashemi und Sedat Gürbüz hatte der zweifache Familienvater gekannt.

Sedat war mein Arbeitskollege, zusammen sind wir oft LKW gefahren. Der Anschlag war für mich ein Schock gewesen. Wir alle haben vorher friedlich miteinander gelebt und niemand zuvor hatte etwas gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Ich hoffe, dass sowas nie wieder passiert, nicht in Hanau und auch nicht irgendwo anders.“

Rassistische Beleidigungen in der Grundschule

Helena Faut
Fabienne Lichtenberger
Helena Faut

Der Mann von Helena Faut war am 19. Februar auch in Kesselstadt unterwegs.

Mein Mann hatte an dem Tag noch spät gearbeitet und war zur Tatzeit noch in Kesselstadt unterwegs. Zum Glück ist ihm nichts passiert.

Ich habe die Stimmung in Hanau nach dem Anschlag als sehr bedrückend gefunden. Umso wichtiger war es, am Brüder-Grimm-Denkmal Kerzen aufzustellen und dass verschiedene Initiativen gegründet wurden, die der Opfer gedenken.

Ich weiß zwar nicht, wie die Angehörigen sich fühlen, die täglich mit der Trauer leben müssen, aber ich stelle mir das wirklich schlimm vor. Ich denke es ist wichtig, dass gerade durch den Anschlag mit den Themen Rassismus und Diskriminierung sensibler umgegangen werden muss.“

Helena ist Lehrerin an einer Grundschule und schon dort gäbe es Beleidigungen unter Erstklässlern, bei der diskrimierende Begriffe, wie das N-Wort, fallen. „Kinder müssen schon früh über diese Themen aufgeklärt werden. Sei es in der Unterrichtsstunde oder im Umgang mit anderen Schüler*innen im Pausenhof.“

Corona-Pandemie legt sich über die Ereignisse

Ilker Ötztürk
Fabienne Lichtenberger
Ilker Ötztürk

Für Ilker Ötztürk hat sich nicht viel seit dem Anschlag in Hanau verändert.

Niemand hier spricht wirklich mehr darüber. Nach dem Anschlag ist die Corona-Pandemie ausgebrochen. Da das für die meisten Menschen gerade das größere Übel ist, hat das den Anschlag etwas in den Hintergrund gerückt. Ich bin in Hanau noch nie mit Rassismus konfrontiert worden. Hier sind Deutsche und Ausländer gut zusammengeschweißt.

Aber: Um Anschläge wie den am 19. Februar zu verhindern, sollte man den einheimischen Bürgern hier näherbringen, warum Ausländer andere Religionen und Kulturen haben. Außerdem sollten Themen wie der Islam und andere Religionen besser in den Medien dargestellt werden und nicht mit Radikalisierung gleichgesetzt werden. Durch die Darstellungen in den Medien entsteht bei Menschen ein negatives Sinnbild und das fördert natürlich den Rassismus.“

Georg Weissler
Fabienne Lichtenberger
Georg Weissler

Georg Weißler, wohnt zwar in Frankfurt, aber ist öfters in Hanau unterwegs. 

„Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sowas in Hanau passieren kann. Ich habe am 19. Februar Geburtstag. Zur gleichen Zeit feierte ich mit Freunden meinen Geburtstag und eine Teilnehmerin aus Hanau hatte uns von den Geschehnissen erzählt. Deshalb wird der 19. Februar immer ein markantes Datum sein, das mir immer in Erinnerung bleiben wird.

Der Anschlag hat die Menschen in Hanau nicht verstimmt. Das liegt auch an den gegründeten InitiativenEs beeindruckt mich sehr, dass es viele Angehörige gibt, die trotz ihrer Trauer Dinge auf die Beine stellen, um an den Anschlag zu erinnern.“

 

Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt im Februar 2020
Fabienne Lichtenberger
Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt

Trotz Zusammenhalt Angst abends raus zu gehen

Babette Otting, 21 Jahre alt 

„In Kesselstadt sehe ich oft Menschen, die am Gedenkplatz stehen und Blumen hinlegen. Zwar ist die Stimmung in Hanau besser, aber trotzdem ist die Trauer noch groß. Die Menschen in Hanau halten seit dem Anschlag mehr zusammen. Aber ich bin vorsichtiger geworden

Ich gehe zum Beispiel nicht gerne abends alleine raus, weil ich eben direkt in der Nähe des Anschlagsortes wohne und es komisch ist, zu wissen, dass sowas in deiner Nähe passiert ist.

Ich wünsche mir, dass Gleichberechtigung überall etabliert ist und sich die Menschen gegenseitig mehr akzeptieren würden. Das wünsche ich mir nicht nur für Menschen, die eine andere Hautfarbe oder einen Migrationshintergrund haben, sondern auch in der aktuellen Situation für Menschen, die wegen Corona und Lockdown verzweifelt sind und psychologische Hilfe brauchen.“

Hashtagbar in Hanau
Fabienne Lichtenberger
Früher war hier die Midnight Bar drin. Heute heißt die Bar „#“

Angst vor dem Ort des Attentats

Freundinnen Parmies Siasie und Angelina Zimmermann 

Parmies Siasie war Kellnerin in der ehemaligen Midnight Bar von Sedat Gürbüz: „Sedat war mein Chef und wie ein großer Bruder für uns. Es hat mich so mitgenommen, dass diese Person plötzlich nicht mehr da war. Zum Glück hatte ich an diesem Tag keine Schicht. Ich habe einen Abend zuvor in der Midnight Bar gearbeitet. An diesem Abend war es weitaus voller in der Bar, weil Champions League war. Wäre die Tat an dem Abend passiert, wären wahrscheinlich viel mehr Menschen erschossen und gestorben.“

Nach dem Anschlag wollte sie erstmal in keiner Bar arbeiten, zu groß war die Angst.  Aber einige Zeit später sei sie dann mit vier anderen Menschen aus dem alten Team in eine Bar in Maintal gegangen, um dort zu arbeiten: „Die Möbel aus der alten Bar hatten wir mitgenommen. Als Sedat starb, hat uns das alle noch mehr zusammengeschweißt. Wir helfen und unterstützen uns immer.“  

Zu wenig Aufarbeitung nach dem rassistischen Anschlag?

Ihre Freundin Angelina findet die Stimmung in Hanau seit dem Anschlag merkwürdig: „Ich habe das Gefühl man läuft so durch die Gegend und jeder weiß, was passiert ist, aber es wird nicht darüber gesprochen. Ich habe auch seitdem mehr Angst, in einer größeren Menschenmenge zu sein. Durch diesen Anschlag habe ich gemerkt, dass sowas immer und überall passieren kann. Ich versuche dadurch, mehr die Momente zu schätzen, die ich mit Freunden und Familie habe.“

Pannen vom Abend des 19. Februar

Recherchen des Hessischen Rundfunks, des ARD-Magazins „Monitor“ und des „Spiegel“ haben ergeben, dass in der Tatnacht auf der Polizeiwache in der Innenstadt nur zwei Leitungen für Notrufe freigeschaltet waren. Nur ein Beamter war offenbar vor Ort, um Notrufe anzunehmen.

Der Oberbürgermeister fordert dem Rücktritt des hessischen Innenminsters

Kritik an der Hanauer Polizei 

Parmies kritisiert: „Von der Polizei Hanau gibt es keine Aufklärung. Auf der einen Seite sind Polizisten unterwegs und machen Menschen darauf aufmerksam, die Maske richtig zu tragen, weil es darum gehe, Menschenleben zu schützen. Aber wenn es um das Leben von Menschen geht, die von einem Attentäter bedroht werden und angeschossen wurden, dann gehen die Notrufe bei der Polizei nicht durch und sie kommen, wenn es schon zu spät ist. Das finde ich nicht verhältnismäßig.“

Auch Angelina wünscht sich ein öffentliches Statement der Polizei: „Offensichtlich ist in der Nacht von Seiten der Polizei viel schiefgelaufen. Natürlich können Fehler passieren, aber nach einem Jahr sind immer noch so viele Fragen offen. Würde es jemand von der Polizei Hanau geben, der öffentlich erklärt, wie alles in der Tatnacht wirklich ablief und Fehler einräumen,  könnten die Behörden das Vertrauen der  Bürger*innen zurückgewinnen.