Mensch-Tier-Beziehung

Meet a Sheep: Schafe als Rasenmäher mieten

Ein Junge mir Mütze hält sich ein Lämmchen vor das Gesicht.
epd/Tim Wegner
Leonhardt mit dem Lamm Punkti. Der 13-Jährige gibt den Schafen seines Vaters Namen.

Besonders Stadtmenschen fehlt die Beziehung zu Tieren. Tierwirt Markus Metzger lädt deswegen zu seinen Schafen nach Ober-Roden ein.

Schaf Paul will nicht so recht weg von seinen Artgenossen. Leonhardt muss schon ein wenig ziehen an der zwei Jahre alten Merino-Schwarzkopfkreuzung, bis sie ihm zum Anhänger folgt. Der hängt am Auto von Leonhardts Vater: Markus Metzger. Wenn er drei, vier seiner Tiere auf den kleinen Anhänger mit dem Stahlgitter verlädt, wissen die, es geht los. Metzgers Schafe sind quasi berufstätig.

Mann mit Hut vor einem Zackelschaf.
epd/Tim Wegner
Markus Metzger hält Ziegen und Schafen. Mit den vom Aussterben bedrohten Zackelschafen will er die Artenvielfalt erhalten.

Am Anhänger am Rande der Wiese in Rödermarks Stadtteil Ober-Roden angekommen, schmusen Schaf Paul und Markus Metzger erst einmal ausgiebig. Der 49-Jährige hat insgesamt 85 Ziegen und Schafe. Er kennt seine Tiere, viel mehr möchte er deshalb nicht haben. Mit „fast schon industrieller Schafzucht“ von Herden bis zu 1.500 Tieren wolle er nichts zu tun haben, sagt er.

Der 13-jährige Leonhardt, der den Tieren ihre Namen gibt, stimmt ihm zu. „Das ist zu viel“, sagt er. Und schiebt hinterher, dass er die Ziegen lieber mag als die Schafe: „Die sind lustiger und intelligenter.

Schafhalter versorgt seine Tiere

Der weiß-schwarze Border Collie Abbytreibt die Herde flink hin und her laufend zusammen. Herdenschutzhund Emil, ein beeindruckend großer, heller Pyrenäenberghund, liegt währenddessen gemütlich im Gras.

Als sich Ziegen und Schafe in einem kleinen Pferch drängeln, betrachtet sich Metzger die Tiere. Er schaut hier nach einer Klaue, inspiziert dort eine Nase. „Die Tiere schubsen sich, da gibt es auch mal kleine Verletzungen. Die muss ich dann versorgen“, sagt er.

Schaf als christliches Symbol

Schafe gelten als genügsam, leicht zu zähmen und als guter Lieferant für Wolle, Milch und Fleisch. In der christlichen Ikonographie ist das Lamm Gottes ein Symbol für Christus. Oft trägt es ein rotes Kreuz auf weißem Grund, eine Siegesfahne, die für die Auferstehung an Ostern steht, für den Sieg Christi über den Tod, erklärt Pfarrerin Karin Becker aus Wackernheim die Verbindung von Lämmern und Ostern.

Theologin Becker hatte bis vor einigen Jahren selbst eine Schafherde mit rund 30 Tieren. Ein Schaf hat sie in ihrer Wohnung aufgezogen: Am Weihnachtsabend 2013 hatte ein befreundeter Schäfer bei ihr angerufen, eines seiner Schafe hatte ein neugeborenes Lamm abgestoßen. Karin Becker nahm es auf, zog ihm Windeln an und päppelte es mit der Milchflasche hoch. Die Wiedereingliederung in die Herde war „mühsam“, erinnert sich Becker. „Die Diva frisst noch immer nicht gleichzeitig mit den anderen Schafen aus dem Trog“.

Markus Metzger schlachtet auch, aber das Geschäft mit den Osterlämmern ist nicht sein Haupterwerb. Er beschäftigt sich vorrangig mit Weidehaltung und Naturpädagogik.

Behörden bitten ihn um die Beweidung von schwierigen Flächen. Etwa an Waldrändern, bei denen es darum geht, den Wald offen zu halten und invasive Pflanzen, wie die Traubenkirsche zurückzudrängen. Je nach Pflegeziel entscheidet er, ob Ziegen oder Schafe besser geeignet sind.

Während sich die Schafe auf das Gras konzentrieren, fressen die Ziegenauch schon mal an der Rinde von Bäumen und Sträuchern oder nagen Knospen ab, erklärt er.

Schafe zum Mieten

Der ausgebildete Tierwirt mit Schwerpunkt Schafe vermietet die Tiere auch tage- und wochenweise an Facility-Unternehmen, die für ihre eigenen Kunden Wiesen, Böschungen oder große Rasenflächen pflegen müssen.

Es gibt Gelände, da sind die Schafe unschlagbar.

Wenn etwa ein mit großen Steinen bestücktes Wiesenstück etwas steiler abfällt, sei das von Hand schwierig zu mähen und vor allem sehr zeitaufwendig. Den Schafen ist das egal. Sie laufen umher und knabbern dort am Gras, wo sie es finden.

Ökologisch Rasen mähen: mit Schafen

Für die Eigentümer der Grundstücke sei es günstiger und es sei ökologischer, Schafe fressen zu lassen statt Menschen mit Maschinen in das Gelände zu schicken.

Metzger kam vor einigen Jahren auf die Idee, seine Schafe zu vermieten, als ein Spaziergänger beim Anblick seiner Herde grinste und sagte, die könne er mal in seinem Garten gebrauchen. Metzger formulierte ein Angebot und setzte es auf seine Homepage Schafe im Rodgau.

Ober-Rodener Schafe deutschlandweit begehrt

„Es kamen Anfragen aus ganz Deutschland“, erinnert er sich noch immer staunend. „Aber wie soll das denn gehen?“, fragt er. Zum einen könne und wolle er die Schafe nicht quer durch Deutschland fahren, zum anderen müsse er in der Nähe der Tiere sein. Deshalb hat er sich einen engen Radius im Rhein-Main-Gebiet gesetzt, in dem er mit seinen Tieren unterwegs ist.

Ein Border Collie steht vor einem Pferch, aus dem ein Schaf schaut.
epd/Tim Wegner
Border Collie Abby ist zurfrieden, wenn die Schafe alle im Pferch angekommen sind.

Schafe für den Garten haben sich nicht gelohnt

Zunächst gehörten auch Familien zu seinen Kunden. „Die fanden das schön, mal für ein, zwei Wochen Schafe im Garten zu haben“, sagt er. Aber für ihn habe sich das nicht gerechnet. Aufwand und Ertrag hätten in keinem Verhältnis zueinander gestanden, weshalb er seine Schafe nicht mehr an Privatleute vermietet.

Markus Metzger hat regelmäßig Besuch auf seinen Weiden. Kindergruppen kommen vorbei, beschäftigen sich mit den Tieren, streicheln und kraulen sie und erfahren von Metzger allerhand. Etwa, dass die gedrehten Hörner der Zackelschafe bis zum vierten Lebensjahr jedes Jahr eine Umdrehung zulegen und dass die Tiere einer alten österreichisch-ungarischen Rasse angehören, die vom Aussterben bedroht ist. Metzger hält sie, weil er zur biologischen Vielfalt beitragen möchte.

Opferlamm

Schafe in der Bibel

In der Bibel kommt das Schaf rund 140 Mal vor. Der biblische Abel war Schäfer. Später retteten Lämmer die Kinder Israels vor dem Engel des Herrn, als dieser die Erstgeborenen Ägyptens erschlug: Er ging vorüber an jenen Türen, die mit dem Blut von Opferlämmern bestrichen waren. Pessach (Hebräisch), also „Vorübergang“, heißt das Fest der Juden, an dem sie bis heute die Rettung ihres Volkes vor der Zwangsarbeit in Ägypten feiern.

Am Vorabend eines Pessachfestes wurde Jesus gekreuzigt. Die Bedeutung des Opferlammes wurde umgedeutet: Jesus, der Christus (Gesalbte, Messias), galt nun als das Opferlamm, das getötet worden war, um Gott mit den sündigen Menschen zu versöhnen. Das „Agnus dei“ (Lamm Gottes) ist am dritten Tag auferstanden, wie die Evangelien berichten. Daran erinnert Ostern.

Viele Kinder haben wenig Kontakt zu Tieren

Gemeindepädagogin Elke Preising gehörte bis vor kurzem zu denjenigen, die mit Kindergruppen bei den Schafen vorbeischauen. Die Kinder im Alter von etwa sechs bis zehn Jahren hätten diese Ausflüge geliebt, erinnert sich Preising an ihre Zeit in der Evangelischen Kirchengemeinde Weißkirchen.

„Viele Kinder haben sehr wenig Kontakt zu Tieren“, sagt sie. Sie wollten von Markus Metzger wissen, was Schafe fressen, wie lange ein Lamm im Bauch der Mutter ist und ob man auf Schafen auch reiten könne. „Sie durften Ziegen melken und auch mal einem Lamm die Flasche geben“, erinnert sie sich.

Schaf und Ziege im Gottesdienst

Um auch mit Erwachsenen über die sogenannte Bewahrung der Schöpfung ins Gespräch zu kommen, lud sie Metzger zum Erntedankgottesdienst ein. Er kam in Begleitung eines Schafs und einer Ziege. Der Tierwirt erzählte vom Artenschutz, der Landschaftspflege und seiner Herde. „Alle hörten gespannt zu“, erinnert sich die Gemeindepädagogin, „auch die Schafe.“

Mit den Kindern hat Preising den biblischen Psalm 23 vom guten Hirten als Bildgeschichte gemalt und dazu ein kleines Theaterstück eingeübt. Einige waren Schafe, die mit ihrem Hirten durch ein dunkles Tal gegangen sind. Die Kinder bekamen eine Ahnung davon, „wie das ist, wenn man Hirte ist und auf andere aufpasst“, sagt sie.

Schaf-Paten wissen immer, wo die Herde ist

Mit der Corona-Pandemie hat die Zahl der großen und kleinen Besucher auf der Weide abgenommen. Metzger hofft, dass sich das nun wieder ändert. Regelmäßig vorbeigekommen seien aber die Paten einiger Schafe. Metzger hält sie ständig auf dem Laufenden, wo sich die Herde befindet. Denn mit der Patenschaft bekommen sie „eine Flatrate für den Schafsbesuch“. Sich mit den Tieren beschäftigen, ihnen zuschauen, sie streicheln, „das erdet“, ist Metzger überzeugt.