Gesellschaft

Social-Media-Verbot: Warum ein Psychologe zweifelt

eine Gruppe junger Menschen sitzt gemeinsam an einem Tisch. Sie schauen gemeinsam auf ein Smartphone und lachen
GettyImages/Jaime Grajales Benjumea
Bisher Alltag für junge Menschen: der Umgang mit Social Media

Ein Verbot allein ändert weder Algorithmen noch Endlos-Feeds. Der Psychologe fordert Regeln für Plattformen und Freizeitangebote ohne Handy.

Die Bundesregierung will Kinder unter 13 Jahren grundsätzlich von sozialen Netzwerken fernhalten. Für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren sind abgestufte Beschränkungen geplant. 

Doch reicht das, um den Einfluss von Instagram, TikTok und Co. einzudämmen? Sozial- und Konsumpsychologe Manuel Lentz sagt: Nein, solange Algorithmen, Endlos-Feeds und Gamification unangetastet bleiben.

Dein Gehirn weiß: „Gleich kommt der nächst Kick“

Manuel hat schwarze Haare, einen Schnurrbart und einen Kinnbart. Er steht mit verschränkten Armen lächelnd vor einem blauen Hintergrund
privat
Manuel Lentz sieht die Eckpunkte zum Social-Media-Verbot kritisch

Manuel, warum ist es denn so schwer, den eigenen Social-Media-Konsum zu kontrollieren?

Manuel Lentz: Das hat viele Gründe, aber es liegt auch sehr stark am Algorithmus. Die Plattformen zeigen dir Inhalte, die nachweislich und getestet Aufmerksamkeit erzeugen. Videos, die lange angeschaut, geliked, geteilt werden und zu deinen Präferenzen passen. Sehr simpel gesagt, dein Gehirn lernt irgendwann: Gleich kommt der nächste Kick. Deshalb bleibst du dran.

Und in Kombination mit dem Endlos-Feed verliere ich die Zeit aus den Augen?

Manuel Lentz: Genau. Beim Endlos-Scrollen gibt es kein natürliches Ende. Du denkst „nur noch eins“ und machst weiter. Die kurzen Videos setzen alle paar Sekunden neue Reize und du wirst kurzfristig fürs Scrollen von deinem Gehirn belohnt.

Kinder und Erwachsene sind betroffen

Sind Jugendliche für diese Mechanismen wirklich empfänglicher als Erwachsene?

Manuel Lentz: Es gibt Unterschiede. Kinder und Jugendliche stehen stärker unter sozialem Druck, bei Social Media aktiv zu sein und haben ein geringeres Risikobewusstsein. 

Erwachsene sind dagegen auch keineswegs immun, haben aber andere Verpflichtungen: Arbeit, Kinder, Alltag. Die zwingen sie dazu, irgendwann das Handy zur Seite zu legen.

 

Verbot kann Trotz auslösen

Manuel, die Bundesregierung will Social-Media für unter 13-Jährige grundsätzlich verbieten. Was hältst du davon?

Manuel Lentz: Ich sage nicht, dass ein Social-Media-Verbot grundsätzlich falsch ist. 

Aber so, wie es gerade geplant ist, wird es wenig bringen und viel Stress erzeugen. Kinder, die mit Tablets aufgewachsen sind, verlieren plötzlich etwas, das zu ihrem Alltag gehört, ohne dass ausreichend Alternativen geschaffen werden. 

Hier müsste die Regierung parallel zu einem Verbot Vereine und Kultur fördern und damit ein Angebot für Eltern und Kinder ermöglichen, das attraktiver ist, als auf der Couch durch die Social-Media-Apps zu scrollen. Aber das passiert nicht.

Was passiert psychologisch, wenn Jugendlichen Social-Media verboten wird?

Manuel Lentz: Reaktanz. Was ich nicht darf, will ich erst recht haben. Kinder werden Wege finden, die Sperren zu umgehen. Über VPNS oder Accounts, die niemand kontrolliert. 

Dann bewegen sie sich in einer Schattenwelt, in der es noch weniger Schutz und Ansprechpersonen gibt. Dass das nichts bringt, sehen wir gerade in Australien. Da wurde ein solches Verbot eingeführt, aber die meisten Kinder und Jugendlichen nutzen die Apps trotzdem weiter.

Social-Media-Verbot in Australien

  • Seit Dezember 2025 sind Social-Media-Apps für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten.
  • Laut der australischen Internet-Behörde eSafety nutzen rund 70 % der Jugendlichen unter 16 Jahren ihre Accounts in den Apps weiterhin. 

Die Eckpunkte der Regierung sehen vor, dass Eltern die Mediennutzung ihrer Kinder stärker begleiten sollen. Ist das sinnvoll?

Manuel Lentz: Medienkompetenz und Begleitung sind wichtig. Aber die Hauptverantwortung darf nicht bei Eltern und Kindern landen. Zuerst müssen die Plattformen reguliert werden. Keine manipulativen Algorithmen, kein endloses Scrollen, keine Gamification. 

Wenn wir das Design ändern, ändern wir das Nutzungsverhalten:

Slider gegen Endlos-Feed funktioniert nicht

Geplant ist, dass Empfehlungsalgorithmen standardmäßig aus sind, aber per Opt-In-Slider aktiviert werden können. Reicht das aus.

Manuel Lentz: Nein. Höchstens marginal. Für Menschen, die bereits ein Bewusstsein für ihr Nutzungsverhalten haben, kann es helfen. Aber für die meisten ist es viel zu einfach, den Slider wieder auszumachen.

Warum?

Manuel Lentz: Weil die Belohnung zu hoch ist. Wenn dir langweilig ist, legst du den Slider wieder um. Das ist, wie alkoholfreies Bier zu servieren und ein Gläschen mit Alkohol daneben zu stellen, dass man sich auf Wunsch ins Bier kippen kann.

Auch YouTube, Games und andere Apps sind Teil des Problems

Ist die Grenze bei Social Media für Jugendliche zu ziehen nicht zu kurz gedacht? Algorithmen, Belohnungsmechanismen, das gibt es auch in anderen Apps.

Manuel Lentz: Definitiv. YouTube, Games, Messenger – viel ist sozial und gamifiziert aufgebaut. Belohnungen und Lootboxen halten uns in den Spielen bei der Stange. Nur noch eine Runde, nur noch eine Lootbox. Ein Verbot solcher Mechanismen müsste weiter gefasst werden als nur Social Media. 

Du willst deinen Social-Media-Konsum reduzieren?

Manuel und ich haben einige Apps gesammelt, die dir für weniger Social Media helfen können.

  • Snitch-App:Du teilst dir deine Bildschirmzeit mit deinen Freund*innen. Ist euer Zeitpool aufgebraucht, kann niemand von euch mehr Social Media nutzen.
  • Lock me out: Diese App sperrt nach einer von dir festgelegten Bildschirmzeit deine Social-Media-Apps für den Rest des Tages. Wenn du sie dann trotzdem benutzen willst, musst du Geld zahlen, um sie wieder zu nutzen.
  • Feeds: Social Media, wie es sein sollte: Du siehst die Postings deiner Freund*innen und von Menschen aus deiner direkten Umgebung. Kein endloses Scrollen mehr.

Was wäre aus deiner Sicht der wirksamste Weg?

Manuel Lentz: Erstens: Plattformen in die Pflicht nehmen und ihre manipulativen Designelemente abschaffen. 

Zweitens: Bewusstsein in der Gesellschaft schaffen, dass wir alle betroffen sind, nicht nur Kinder und Jugendliche. 

Drittens: attraktive Alternativen schaffen – Vereine, Sport, Theater, Nachbarschaftsangebote, Räume, in denen Jugendliche ohne Handy soziale Erfahrung machen können. Es bringt nichts, nur zu sagen: „Scroll weniger.“

Menschen brauchen konkrete Möglichkeiten, ihre Nutzung zu reduzieren – etwa Apps, die den Zugriff begrenzen, oder gemeinsame Angebote ohne Handy. 

Wichtig ist auch: Das Internet hat eine gute Seite. Für marginalisierte Gruppen und junge Menschen kann es Zugang zu Informationen und Unterstützung bieten, die es offline kaum gibt.

Was wäre dein Rat an die Bundesregierung?

Manuel Lentz: Reguliert zuerst die Plattformen. Ein Social-Media-Verbot kann funktionieren – aber nicht, wenn es nur das Symptom behandelt und die Suchtmaschine unangetastet lässt.

Du willst selbst weniger scrollen?

Wenn du, weniger scrollen willst, kannst du die Technik „Surf the Urge“ benutzen. Das bedeutet, dass du ein starkes Verlangen, wie zum Beispiel Instagram zu öffnen, wie eine Welle wahrnimmst, auf der du dann „surfst“. 

  1. Den Drang benennen: „Ich verspüre ein Verlangen nach…“
  2. Nimm deinen Körper wahr: Konzentriere dich auf deinen Körper (Unruhe, Druck auf der Brust, flacher Atem), anstatt dich auf das Verlangen zu fokussieren
  3. Nutze dein Atem als „Surfbrett“: Atme langsam ein und aus. Lass den Drang da sein und versuche nicht, ihn wegzudrücken.
  4. Beobachte dich: Nimm wahr, wie der Drang nach und nach weniger wird. Erinnere dich daran, dass ein Verlangen kein Befehl deines Körpers ist.

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