Die Bundesregierung will Kinder unter 13 Jahren grundsätzlich von sozialen Netzwerken fernhalten. Für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren sind abgestufte Beschränkungen geplant.
Doch reicht das, um den Einfluss von Instagram, TikTok und Co. einzudämmen? Sozial- und Konsumpsychologe Manuel Lentz sagt: Nein, solange Algorithmen, Endlos-Feeds und Gamification unangetastet bleiben.
Sind Jugendliche für diese Mechanismen wirklich empfänglicher als Erwachsene?
Manuel Lentz: Es gibt Unterschiede. Kinder und Jugendliche stehen stärker unter sozialem Druck, bei Social Media aktiv zu sein und haben ein geringeres Risikobewusstsein.
Erwachsene sind dagegen auch keineswegs immun, haben aber andere Verpflichtungen: Arbeit, Kinder, Alltag. Die zwingen sie dazu, irgendwann das Handy zur Seite zu legen.
Manuel, die Bundesregierung will Social-Media für unter 13-Jährige grundsätzlich verbieten. Was hältst du davon?
Manuel Lentz: Ich sage nicht, dass ein Social-Media-Verbot grundsätzlich falsch ist.
Aber so, wie es gerade geplant ist, wird es wenig bringen und viel Stress erzeugen. Kinder, die mit Tablets aufgewachsen sind, verlieren plötzlich etwas, das zu ihrem Alltag gehört, ohne dass ausreichend Alternativen geschaffen werden.
Hier müsste die Regierung parallel zu einem Verbot Vereine und Kultur fördern und damit ein Angebot für Eltern und Kinder ermöglichen, das attraktiver ist, als auf der Couch durch die Social-Media-Apps zu scrollen. Aber das passiert nicht.
Was passiert psychologisch, wenn Jugendlichen Social-Media verboten wird?
Manuel Lentz: Reaktanz. Was ich nicht darf, will ich erst recht haben. Kinder werden Wege finden, die Sperren zu umgehen. Über VPNS oder Accounts, die niemand kontrolliert.
Dann bewegen sie sich in einer Schattenwelt, in der es noch weniger Schutz und Ansprechpersonen gibt. Dass das nichts bringt, sehen wir gerade in Australien. Da wurde ein solches Verbot eingeführt, aber die meisten Kinder und Jugendlichen nutzen die Apps trotzdem weiter.
Geplant ist, dass Empfehlungsalgorithmen standardmäßig aus sind, aber per Opt-In-Slider aktiviert werden können. Reicht das aus.
Manuel Lentz: Nein. Höchstens marginal. Für Menschen, die bereits ein Bewusstsein für ihr Nutzungsverhalten haben, kann es helfen. Aber für die meisten ist es viel zu einfach, den Slider wieder auszumachen.
Warum?
Manuel Lentz: Weil die Belohnung zu hoch ist. Wenn dir langweilig ist, legst du den Slider wieder um. Das ist, wie alkoholfreies Bier zu servieren und ein Gläschen mit Alkohol daneben zu stellen, dass man sich auf Wunsch ins Bier kippen kann.
Ist die Grenze bei Social Media für Jugendliche zu ziehen nicht zu kurz gedacht? Algorithmen, Belohnungsmechanismen, das gibt es auch in anderen Apps.
Manuel Lentz: Definitiv. YouTube, Games, Messenger – viel ist sozial und gamifiziert aufgebaut. Belohnungen und Lootboxen halten uns in den Spielen bei der Stange. Nur noch eine Runde, nur noch eine Lootbox. Ein Verbot solcher Mechanismen müsste weiter gefasst werden als nur Social Media.