Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung

Wie finden Menschen mit Handicap ihre Liebe?

Bei Tinder und Co werden Menschen mit Behinderung kaum fündig. Ihnen hilft die „Schatzkiste“ in Wiesbaden. Lässt sich Liebesglück vermitteln?

Der erste Schritt zum großen Glück könnte kaum banaler beginnen, es geht ums Wetter. Allerdings kommt dieser Impuls nicht von den potenziell Liebenden, sondern von Jacqueline Andrée von der Wiesbadener „Schatzkiste“.

Mit diesem Einsteig fällt das Gespräch gleich deutlich leichter. Das wars aber auch schon mit Anstand-Wauwau, Andrée geht aus dem Raum. Zurück bleiben zwei Menschen, die einen Partner oder eine Partnerin finden wollen, und die Frage: Wird das was mit uns?

Mehr als 40 regionale „Schatzkisten“ helfen Menschen mit Handicap in Liebesdingen

Menschen zusammenführen, ist für Jacqueline Andrée Job und Leidenschaft in einem. Schon als Studentin habe sie gerne ihre Kommilitonen verkuppelt. Heute ist die 59-jährige Leiterin der „Schatzkiste“ in Wiesbadeneine Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung.

Die „Schatzkiste“ gibt es seit 2002, zum Verein gehören mehr als 40 „regionale Schatzkisten“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Wiesbadener Schatzkiste hat Andrée 2004 gegründet.

Dank der "Schatzikiste" Wiesbaden sind Nicole und Martin ein Paar.
Sebastian Theuner
Nicole und Markus haben sich über die Partnervermittlung "Schatzkiste" kennengelernt.

„Der Mensch ist nicht dazu geboren, alleine zu sein“, glaubt Andrée. Doch Männer und Frauen, die mit einer Beeinträchtigung leben, haben es bei der Partnersuche ungleich schwerer als der Durchschnittsmensch. Ihnen fehlen vor allem Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen.

Nur Menschen mit Behinderung werden bei der Partnervermittlung aufgenommen

Diese Menschen, ob mit körperlicher, psychischer oder kognitiver Behinderung, können sich bei der „Schatzkiste“ melden. Dort werden sie in eine Kartei aufgenommen. Bei einem Vorstellungsgespräch erzählen sie von ihren Hobbys und Einschränkungen, Wünschen an eine Beziehung, sexuellen Erfahrungen.

Gibt Andrée diese Angaben in ein Computersystem ein, werden ihr bereits registrierte Personen vorgeschlagen. Erkennt die Sozial- und Sexualpädagogin ein potenzielles Match, schickt sie an die Suchenden ein Foto des jeweils anderen und schlägt ein Treffen vor.

Die "Schatzkiste" Wiesbaden vermittelt Menschen mit Beeinträchtigungen.
Sebastian Theuner
Nicole und Martin haben sich über die Partnervermittlung "Schatzkiste" kennengelernt.

„Irgendwann will ich sie heiraten“

Auch Nicole und Markus haben sich so kennengelernt. Seit anderthalb Jahren sind sie ein Paar. „Sein Lächeln und seine Haare haben mir besonders gefallen“, erzählt Nicole, während sie mit Markus Hand in Hand über den Wiesbadener Schloßplatz schlendert. Die beiden sind ein eingespieltes Team, necken sich, lachen zusammen. „Irgendwann will ich sie heiraten“, sagt Markus.

So harmonisch war es nicht immer zwischen dem Fußballfan aus Mainz und der Frankfurterin mit einer Vorliebe für Krimiserien. Markus ist lernbehindert, Nicole leidet an einer psychischen Beeinträchtigung. Fragt man Nicole etwas, braucht sie oft einige Sekunden, bis sie das Gesagte versteht. Vieles vergisst sie gleich wieder. 

Beziehung wäre fast am Umgang mit der Behinderung gescheitert

Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen zusammenzubringen ist nicht einfach, sagt Jacqueline Andrée. Mit Nicoles Erkrankung habe Markus gerade zu Beginn nicht gut umgehen können. Fast wäre die Beziehung deswegen gescheitert.

„Wie hatten laufend Streit“, erinnert sich Markus. Er konnte nicht verstehen, warum Nicole oft weinte und wütend war. Einmal die Woche saßen sie in Andrées Büro. Mit ihrem Kollegen Felix Vogel bietet Andrée eine Beratung an, wenn es Probleme in der Partnerschaft gibt. 

Mit Hilfe findet das Paar zueinander

Auf zwei großen Plakaten malte sie mit Markus und Nicole jeweils eine Liste. Was gefällt mir am anderen, was nicht? Inzwischen klappt vieles besser. Nicole hat gelernt, allein S-Bahn zu fahren, vorher hatte sie Angst davor. Markus hat ihr dabei geholfen, genau wie beim Kaufen eines Fernsehers und neuen Klamotten. Was unterscheidet die beiden von anderen Paaren?

Nicht einsam: Egal, ob Partnerin Behinderung hat

„Ich habe nichts dagegen, dass die Nicole psychisch krank ist“, sagt Markus. Ob seine Partnerin eine Behinderung hat oder nicht, mache für ihn keinen Unterschied. Nicole ist froh, jemanden an ihrer Seite zu haben, mit dem sie ein Eis essen oder fernsehen kann. „Alleine ging es mir scheiße, ich habe viel geweint.“ Nicole hat keine Familie, keine Freunde. Bei Markus ist das ähnlich.

„Der Radius, in dem sich Menschen mit Behinderung bewegen, ist meist ganz klein“, erklärt Jacqueline Andrée. Personen mit kognitiver Beeinträchtigung kennen oft nur den Weg zu ihrer Arbeit in einer Werkstatt. Deshalb veranstaltet die Schatzkiste regelmäßig Partys, Kochkurse und Filmabende. Dabei seien auch schon zahlreiche Freundschaften entstanden. Doch wie es mit der „Schatzkiste“ weiter geht, ist ungewiss.

Weitere Infos

Die „Schatzkiste“ Wiesbaden ist eine Kontakt- und Partnervermittlung für Menschen mit Beeinträchtigung. Sie gehört zur EVIM Behindertenhilfe. 

Informationen über die „Schatzkiste“ Wiesbaden findest du auch im Internet.

Auf keinen Fall wie Tinder und Parship

„Wir sind in einem Umbruch“, sagt Andrée. Ändern soll sich zum einen der Vermittlungsprozess. Noch ist die Auswahl potenzieller Partner ihre Sache; sie allein entscheidet über das Glück von anderen. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Andrée. Die Suchenden sollen mehr eingebunden werden, auch wenn die Verantwortlichen auf keinen Fall arbeiten wolle wie „Tinder oder Parship“.

Finanzielle Sorgen in der „Schatzkiste“

Aber es fehlt auch am Geld. Bei keiner anderen „Schatzkiste“ werde so viel gearbeitet, wie in Wiesbaden, 30 Stunden in der Woche. Woanders sind es oft nur fünf, eine weitere Beratung gibt es dort nicht. Träger der Schatzkiste Wiesbaden, die sich durch Spenden finanziert, ist der Evangelische Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM). „Aber vom Leistungsträger gibt es aktuell keine Finanzierung“, sagt Andrée.

Die Mutter von zwei Kindern hofft, dass es weitergeht, der Bedarf sei „immens“. Wegen Corona mussten andere „Schatzkisten“ bereits schließen. Eine Unterstützung durch die Stadt oder den Staat wäre eine große Hilfe. Freuen würden sich auch alle, die bei der „Schatzkiste“ ihr großes Glück finden wollen – oder es schon gefunden haben: „Ich bin froh, dass es die Schatzkiste gibt“, sagt Markus, „und hoffe, dass sie bleibt.“

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