Ein Jahr Lockdown

Nach dem ersten Hype: Digitale Kirche muss sich weiter entwickeln

Portrait Carina Dobra
Kommentar von Carina Dobra

Auch an Ostern heißt es wohl größtenteils wieder: Live-Andacht, Abendmahl online, Predigt-Podcast. Die Kirchengemeinden sind bemüht, während Corona neue Formate fürs Internet zu entwickeln. Nur stoppt das den Mitgliederschwund nicht. Im Gegenteil. Der erste Hype ist verflogen und selbst wenn die Kirchen wieder regulär öffnen: Wer rafft sich dann noch auf und geht in den Gottesdienst?

Für wen in der Nachbarschaft kann ich einkaufen gehen? Wann klatschen wir wieder für die Pflegekräfte? Die ersten Wochen im Lockdown war gefühlt ganz Deutschland plötzlich super solidarisch. Die Krise hat zusammengeschweißt. Davon hat auch die Kirche profitiert. 

Unglaublich, aber das alles ist jetzt genau ein Jahr her. Die Entscheidung der Bundesregierung hatte auch Auswirkungen auf das Kirchenleben. Von heute auf morgen hieß es für die wenigen Gottesdienstbesucher: Ihr müsst draußen bleiben. Auch das bevorstehende Osterfest wird wohl vielerorts digital stattfinden. Die Kirchen sind wieder dazu aufgerufen, überwiegend auf Präsenzgottesdienste zu verzichten.

Digitale Angebote: So schnell ist Kirche selten

Für kirchliche Verhältnisse schnell stiegen damals viele Gemeinden in Nacht- und Nebel-Aktionen von analog auf digital um. Das hat bei den einen besser, bei den anderen schlechter, bei anderen gar nicht funktioniert.

So oder so: Es war ein Weckruf. Spät, aber immerhin. Nun sind in dieser Zeit also zahlreiche Online-Formate entstanden. Von einem „Digitalisierungsschub“spricht EKHN-Kirchenpräsident Volker Jung. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer berichteten schon wenige Wochen nach dem Lockdown-Start, wie großartig die Resonanz auf die neuen Angebote sei. Von mehreren hunderten, ja tausenden Besuchern, war da die Rede. Auch Kirchenferne hätten sich zugeschaltet.

Viele sind genervt von Zoom und Co.

Ich gebe zu: Im ersten Moment war ich beeindruckt. Ein paar Monate später dann eher gelangweilt. Irgendwie kam nichts Neues mehr. Auch wenn „Autogottesdienste“ wie zum Beispiel in Viernheim oder Workout-Gottesdienste mit Frankfurts Stadionpfarrer Eugen Eckert echt coole Ideen waren. Aber eben auch nur, weil es alles zum ersten Mal gab.

Aber Live-Andacht Nummer 496 mit Chat-Funktion und Bildchen posten. Naja. So richtig sexy war das zumindest nach der ersten Euphorie nicht mehr.

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer nicht vorbereitet

Den vielen engagierten Pfarrerinnen und Pfarrern sowie den Ehrenamtlichen mache ich keinen Vorwurf. Woher sollen sie es denn können von jetzt auf gleich? Einige hatten vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben von einem Hashtag, einem Live-Video und einer Chat-Funktion gehört. Immerhin: Nach und nach kamen einige Lernangebote etwa aus dem Evangelischen Medienhaus. Doch das reicht nicht. So schnell lassen sich keine "Digital Natives" formen. 

Im ersten Moment war ich beeindruckt. Ein paar Monate später gelangweilt.

Kirchen-Hackathon

Perspektiven nach Lockdown gesucht

Was bleibt von der Digitalisierung in der Kirche nach dem Lockdown? Darüber tauschen sich die Teilnehmenden des ökumenischen Hackathons vom 26. bis 28. März 2021 aus.

Hier könnt ihr euch anmelden!

Zwei Probleme also: Zum einen wird’s mit Zoom und Co schnell langweilig. Zumal inzwischen viele genervt sind von den unzähligen Videokonferenzen, die sie auch beruflich über sich ergehen lassen müssen. Es braucht also dringend neue, innovative Formate im Netz. Nur berichten bereits jetzt viele Pfarrerinnen und Pfarrer, das sie zunehmend erschöpft seien. 

Was ist der Mehrwert vom Gottesdienst in der Kirche?

Zum anderen - wer sich wirklich mit Zoom-Gottesdiensten angefreundet hat: Warum sollte der oder diejenige wieder zurück auf die kalte Kirchenbank, selbst wenn sich die Corona-Lage mal grundlegend beruhigt? Warum aus der bequemen Jogginghose raus und hoch vom kuscheligen Sofa?

Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Hat doch prima funktioniert. Und wenn man keine Lust mehr hatte, hat man sich ausgeloggt. Nach 20 Minuten aus der Kirche zu flüchten, wäre schon schwieriger. Was würden die Leute sagen … Herrje!

Gut, was für den Gottesdienst vor Ort spricht, ist die Gemeinschaft. Aber wen treffe ich dort – vor allem als junger Mensch? Oma Ilse von nebenan. Joa. Die sehe ich aber auch einmal die Woche an der Fleischtheke im Supermarkt und wechsele ein paar höfliche Sätze mit ihr.

Kirche verliert an Bedeutung - vor, während und nach Corona

Von wegen also „Chance in der Krise“ oder „nach Corona ist alles anders“. Nö. Eigentlich sind wir genau da, wo wir vorher auch waren. Der Kirche rennen ihre Mitglieder weg. Besonders die Jungen. Die Gründe sind bekannt. Oftmals ist es das Geld. Aber machen wir uns nichts vor: Es ist eben auch die Bedeutungslosigkeit der Institution. Klingt hart, ist aber so.

Hätte ich nun die Patent-Lösung, säße ich morgen vermutlich in einem EKD-Zoom mit wichtigen Persönlichkeiten. Die habe ich nicht. Ich bin zwar keine Pessimistin, aber die weit verbreitete „Wir sind jetzt die crazy #digitaleKirche“-Mentalität nervt. Es gibt noch viel zu tun.

Ob der alte, weiße Mann mir von der Kanzel was vom Leben erzählt oder in einer vermeintlich hippen Insta-Story, ist mir egal.

Gesucht: Junge Pfarrerinnen und Pfarrer mit Liebe zu Digitalen

Was es braucht, sind junge, motivierte Pfarrerinnen und Pfarrer, die andere mitreißen. Denn, sorry: Ob der alte, weiße Mann mir von der Kanzel was vom Leben erzählt oder in einer vermeintlich hippen Insta-Story, ist mir egal.

Der Nachwuchsmangel ist die Wurzel vielen Übels. Und die wenigen, die sich noch für den Beruf entscheiden, müssen affin und fit sein für die digitale Welt. Ja, die persönliche Begegnung bleibt wichtig. Ja, und auch Oma Ilse will weiterhin Kuchen essen mit ihrem Herrn Pfarrer. Aber die Kirchen-Besucherinnen und Besucher von Morgen hängen auf Instagram und Co ab. So sind sie eben, diese jungen Leute. Nicht zu ändern, Punkt.

Also rein ins Influencer-Getümmel. Die Konkurrenz ist riesig. Aber einfach mal machen, ist (fast) immer ein guter Anfang. Auch die jüngsten Landtagswahl-Ergebnisse etwa aus Rheinland-Pfalz haben mal wieder gezeigt: Es geht um die Person.

Ideen zur Umgestaltung von Kirchengebäuden

Das ist der Anfang. Hinter den digitalen Kulissen muss sich aber auch die berühmt-berüchtigte „Kirche vor Ort“ verändern. Muss jede Mini-Gemeinde eine üppige Kirche auf dem Marktplatz stehen haben? Und wenn, ist es doch eine Schande, das Gebäude so wenig zu nutzen. Mal abgesehen von Corona: Lasst uns die Kirchen umgestalten. Ja, da muss Geld in die Hand genommen werden. Aber gibt es Alternativen?

Kürzlich hat sich der Laubacher Gemeindepfarrer und "Sinnfluencer" Jörg Niesner gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) dazu geäußert. Einer seiner Vorschläge: Co-Working-Spaces. Denn die Frage „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?“ wird die Unternehmen auch nach der Krise umtreiben. Was bleibt Kirche anderes übrig, außer ausprobieren. Jetzt bloß nicht stehen bleiben bei Live-Andachten und Zoom-Gottesdienst. Aufstehen, Krone 👑 richten, weitermachen.