Flüchtlingskrise auf Lesbos

„Doktor hilf uns, wir können nicht mehr!“

Der Arzt Gerhard Trabert engagiert sich im griechischen Flüchtlingslager auf Lesbos für Geflüchtete. Mitten in Europa wird EU-Recht gebrochen, sagt er, und möchte nicht nur mit Worten helfen, sondern auch mit Taten.

Gerhard Trabert ist Professor für Sozialmedizin an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Zudem engagiert er sich im Verein Armut und Gesundheit in Deutschland - mit seinem Arztmobil versorgt er wohnungslose Menschen in der Region, die nicht krankenversichert sind. Immer wieder reist er aber auch in ausländische Krisengebiete, um zu helfen.

5 Mal auf Lesbos im Flüchtlingscamp Moria und Kara Tepe

Herr Trabert, sie waren bereits fünfmal auf Lesbos, das letzte Mal im Juli, und haben dort medizinische Hilfe für Geflüchtete geleistet. Im vergangenen Jahr ist das alte Camp Moria abgebrannt. Hat sich die Situation der Geflüchteten durch den Umzug in das neue Camp verbessert?

Gerhard Trabert: Leider nein. Die medizinische Versorgung ist mehr als unzureichend, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal – etwa 100 Menschen teilen sich dort eine Toilette. Bei dem neuen Camp „Moria 2.0“ handelt es sich zudem um einen ehemaligen Truppenübungsplatz des Militärs.

Noch als die ersten Menschen dort hinkamen, wurde immer noch nach Munitionsresten gesucht. Zudem gibt es Hinweise, dass der Boden sehr stark mit Blei kontaminiert ist – und dort spielen jetzt überall Kinder.

Wie geht es den Menschen vor Ort auf Lesbos?

Gerhard Trabert bei einer Untersuchung auf Lesbos.
Gerhard Trabert

Trabert: Schlecht. Durch die Erlebnisse in der Heimat, auf der Flucht und durch den Brand im alten Lager sind viele Geflüchtete traumatisiert. Untersuchungen gehen davon aus, dass 50 Prozent der Geflüchteten eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Bei den Kindern ist die Zahl noch höher.

Viele sind aber auch erschöpft, depressiv und suizidal gefährdet. Außerdem haben speziell Frauen im Lager Angst, weil es ihnen gegenüber zu Übergriffen in Form von Misshandlungen und Vergewaltigungen kommt.

Menschen mit Behinderungen auf der Flucht

Mit ihrem Verein Armut und Gesundheit in Deutschland engagieren Sie sich ja auch konkret für Menschen mit Behinderung im Lager. Beispielsweise lassen Sie in Deutschland Prothesen anfertigen, die es vor Ort nicht gibt. Es sind also nicht nur die „starken“ Menschen, die Lesbos erreichen?

Trabert: Nein. Übrigens wundere ich mich immer wieder darüber, dass man Menschen mit Behinderung so wenig im Fokus hat. Denn die Geflüchteten kommen ja aus Kriegsgebieten. Das bedeutet, dass auch viele verletzt sind, etwa durch Explosionen und Schussverletzungen.

Bemerkenswert ist aber auch die große Solidarität und soziale Empathie unter den Geflüchteten. Gerade die Querschnittsgelähmten zum Beispiel wurden von Freunden oder Familienangehörigen kilometerweit auf dem Rücken oder den Schultern getragen. Das ist unglaublich, was da geleistet wurde!

Bei all dem Leid, das Sie vor Ort gesehen haben: Gibt es etwas, das Sie persönlich noch schockt?

Trabert: Mich schockieren besonders die Geschichten der Menschen. Zum Beispiel die von Khalid. Er hat in der syrischen Administration gearbeitet. Als er nicht zum Militär gehen wollte, wurde er bedroht. Sein Haus wurde angegriffen, und durch eine Explosion hat er ein Schädelhirntrauma erlitten. Seitdem hat er eine spastische Querschnittslähmung. Er ist dann mit seiner Frau, einem Freund und seiner Tochter zuerst in die Türkei geflohen.

Dort wurde er misshandelt, weil man ihm als jungen, starken Mann nicht geglaubt hat, dass er querschnittsgelähmt ist. Auch hier auf Lesbos droht ihm trotz Querschnittslähmung die Abschiebung. Dabei erwartet ihn in Syrien die Todesstrafe! Er und seine Familie haben große Angst. Vor zwei Tagen hat er mir eine Nachricht geschrieben: „Doktor hilf uns, wir können nicht mehr!

Forderung an Politik: Schutzbedürftige Geflüchtete besonders schnell in der EU verteilen

Mit dieser tragischen Geschichte ist er vermutlich nicht der Einzige. Welche Perspektive haben die Menschen vor Ort?

Trabert: Um den Menschen eine Perspektive zu geben, muss die Politik endlich handeln! Ich habe schon im vergangenen Jahr eine Petition im Deutschen Bundestag eingereicht. Darin fordere ich, dass körperbehinderte und psychisch erkrankte Menschen, die nach den EU-Aufnahmerichtlinien und der UN-Behindertenrechtskonvention zu einer besonders schutzbedürftigen Personengruppe gehören, aus dem Lager sofort evakuiert und auf dem europäischen Festland verteilt werden müssen.

Und man muss immer wieder betonen: Auf Lesbos wird mitten in Europa EU-Recht und UN-Recht gebrochen, weil die Politik den Menschen vor Ort keine Hilfe leistet.

Abgesehen von den Forderungen an die Politik: Was kann jede:r Einzelne von uns tun, um zu helfen?

Trabert: Natürlich kann man finanziell immer Hilfsorganisationen unterstützen, etwa an die Organisation „The Earth medicine“, „Armut und Gesundheit in Deutschland“ oder auch die Stiftung „Alea e.V.“, die die Fotojournalistin Alea Horst gegründet hat.

Noch wichtiger finde ich es aber, nicht abzustumpfen und nicht zu akzeptieren, wie politische Entscheidungsträger mit der Flüchtlingskrise umgehen. Denn das sind keine „Wirtschaftsflüchtlinge“ in Moria, wie gern behauptet wird, sondern diese Menschen sind vor Krieg, existenzieller Armut und Umweltkatastrophen zu uns geflohen. Und sie haben auch ein Recht dazu. Deswegen finde ich es wichtig, sich da ganz klar zu positionieren und eine klare Haltung einzunehmen, damit unsere Gesellschaft nicht von Sozialneid und Rassismus geprägt ist, sondern von Nächstenliebe, Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Weltweit als Helfer und Arzt unterwegs

Sie waren schon in vielen Krisengebieten unterwegs, etwa in Afghanistan, Nordsyrien, Kenia – und das ehrenamtlich. Was motiviert Sie, warum machen Sie das alles?

Trabert: Ich mache das, weil es notwendig ist. Ich bin ein privilegierter Mensch, so wie viele, die auf der nördlichen Halbkugel unserer Erde leben. Wir haben nichts dafür getan, dass wir hier in so einem Reichtum leben dürfen.

Das bedeutet aber auch, dass wir eine besondere soziale Verantwortung tragen gegenüber denjenigen, denen es schlechter geht als uns. Mich treibt an, der bestehenden sozialen Ungerechtigkeit etwas entgegenzusetzen, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Übrigens bin ich im Gegensatz zu unserem Bundesinnenminister nicht der Meinung, dass die Migration die Mutter aller politischen Probleme ist, sondern die soziale Ungerechtigkeit ist die Mutter aller politischen Probleme – in Deutschland und weltweit.

Was ist Ihr nächstes Vorhaben?

Trabert: Als nächstes werde ich mit der Organisation ResQship im Mittelmeer unterwegs sein. Das ist eine zivile Seenotrettungsorganisation mit der wir zusammen Geflüchtete retten wollen. Denn auch das ist ja ein Skandal: Die zivilen Seenotrettungen wie zum Beispiel Seawatch werden kriminalisiert und deren Boote in Häfen zurückgehalten.

Der stille Tod findet also im Mittelmeer weiterhin statt. Frontex ist eine paramilitärische Organisation, die nicht rettet, sondern an Zurückdrängungsaktionen beteiligt ist und auch die lybische Küstenwache ist in viele Aktionen verwickelt, bei denen Menschen gestorben sind oder misshandelt werden – das ist kein geeigneter Kooperationspartner. Deswegen wollen wir mit ResQship auch da ein kleines Zeichen der Solidarität setzen.